MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.07.2020, Jamal Tuschick

Weiße Angst

Identitätspolitik als Trumpf der Anti-Trumpisten/Rückzug aus dem Unbehagen/Ferienparadies Vorurteil

Alle Siege im Kampf um Gleichheit wurden mit Identitätspolitik erstritten. Mit dieser Ansage positioniert sich Robin DiAngelo. Ihr Plural rekrutiert „das weiße Kollektiv“ als Trainingseinheit. Die Fragilen sollen aus der Vermeidung aussteigen, die Rückzüge in die Lagunen des Ressentiments (Ferien im Vorurteil) abbrechen und sich fit machen für eine „kritische Analyse weißer Identität“. Jetzt stehen die Weißen an der Wand der Zuschreibungen. Für den Fall, dass sie satisfaktionsfähig bleiben wollen, muss ihnen etwas anderes als Mimimi einfallen.  

Eingebetteter Medieninhalt

Wir leben in einer Zeit des Aufschwungs der neuen sozialen Bewegungen. Die (ob ihrer Mainstream-Kompatibilität) Privilegierten von gestern suchen auf ihren Pickelatollen nach höchstpersönlichen Merkmalen der Differenz, um im Festival der Diversität gleich wieder oben auf sein zu können. Während wir Jahrhunderte den Standards des weißen Mannes ausgesetzt waren, sucht der/die plietsche Weiße plötzlich den Anschluss an die Abweichung (von einer längst obsoleten Norm). – Und natürlich will die gewiefte Strategin die Deutungshoheit behalten. Sie weiß, sexy ist, wer die akademischen Abschlussberichte in den politischen Gremien präsentiert, um wieder „als Weiße zu Weißen zu sprechen“, egal wie migrantisch das Auditorium besetzt ist. Der Aufstieg der Einwanderer*innen weißt jede(n) ein.

Robin J. DiAngelo, „Wir müssen über Rassismus sprechen“, Hoffmann und Campe, auf Deutsch von Ulrike Bischoff, 224 Seiten, 25,- 

„Auch Menschen, die sich nicht als weiß einstufen, finden dieses Buch vielleicht hilfreich, um zu verstehen, warum es häufig so schwierig ist, mit weißen Menschen über Rassismus zu sprechen.“

Wir wissen es schon lange: Rassismus steckt in allen, die auf vorgezeichneten Bahnen Karriere machen können. Rassismus entspricht dem Bild im Bild; der überstuckten Gravur; dem heimlichsten Schwur; dem, was da eingelassen ist, wo es Garantien zu geben scheint. Jede andere Menschenfeindlichkeit kommt aus diesem, keinesfalls jedem zugänglichen Labyrinth. Die Marken der Verachtung sind Wohlstands- und Teilhabeverteilungsschlüssel. Jeder perfekte weiße Mann einer anderen Ära musste den Schwarzen und die Frau in sich töten, bevor er ein Trump sein konnte. Das macht ihn jetzt so anfällig.

Anfällig macht ihn die Rentabilität seiner Sensibilität.  

Bald mehr.

Aus der Ankündigung: Rassismus ist kein Phänomen, das man lediglich am rechten Rand unserer Gesellschaft findet. Doch wir haben verlernt, ihn zu sehen und streiten ab, dass er in unserem Denken eine Rolle spielt (etwa, wenn Sigmar Gabriel Clemens Tönnies mit den Worten verteidigt: »Das ist Quatsch, wer ihn kennt, weiß, dass er kein Rassist ist. Vor allem aber verniedlicht dieser Vergleich die wirklichen Rassisten!«). Dieses Herunterspielen von Hetze und Vorurteilen und das Umdrehen eines solchen Vorwurfs als persönlichen Angriff gegen den Sprecher nennt Robin DiAngelo »Weiße Fragilität«. DiAngelo zeigt, wie wir ihn alle (oft unbewusst) nutzen. Dabei wissen wir aus jüngster Vergangenheit, wie schnell aus scheinbar harmlosen Worten Taten werden. Wie weit sich diese gefährliche Rhetorik vom rechten Rand bereits in die Mitte vorgefressen hat, zeigt Rassismus-Forscherin DiAngelo anhand erschreckender alltäglicher Beispiele. Ein Buch, das weh tut, das aufweckt, das aber auch zeigt, wie rassistisches Denken endlich aus unserer Gesellschaft verschwinden kann.

Robin DiAngelo © Gabriel Solis

Robin DiAngelo ist Soziologin und forscht seit Jahren zum Thema Rassismus. Sie lehrt unter anderem an der University of Washington in Seattle. Außerdem gibt sie seit mehr als 20 Jahren Kurse zu Antirassismus. 2011 hat sie den Begriff "white fragility" geprägt, der die abwehrende und aggressive Reaktion vieler Weißer bezeichnet, wenn sie mit dem Rassismus konfrontiert werden, der von ihnen ausgeht. Ihr Buch Wir müssen über Rassismus sprechen steht in den USA seit Erscheinen im Juni 2018 bis heute auf der New York Times Bestsellerliste.