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18.07.2020, Jamal Tuschick

Trampelpfadalleen

© Jamal Texas Tuschick

„Die deftige Lebenslust der Deutschen hat etwas Ansteckendes. Das Essen dauerte drei Stunden, und danach wurde gekegelt.“

James Boswell, Journal

Sie hören Mersey Beat und schwimmen auf der Welle. Er verflucht die Kleinstadt, aber ihr ist klar, dass er sich nirgendwo sonst so zur Geltung bringen kann. In Hainweiler erscheint Dubignon unerreichbar als Sohn eines amerikanischen Diplomaten.

Er ist siebzehn und sie ist siebenunddreißig. Ständig muss sie ihm nachgeben: wie sie noch keinem nachgegeben hat.

Sie darf ihn nicht verstimmen. Dass er sie für verehrungswürdig alt, aber auch aus der Zeit gefallen hält, darf sie ihm nicht zum Vorwurf machen. Er kann doch nichts dafür. Es ist alles ihre Schuld.

Sie genießt die gestohlenen Stunden bei ihm. Dubignon hat ein Haus für sich; abgeschirmt von Spalier stehenden Tannen, die Schatten ins Wohnzimmer werfen. Dubignons alter Herr, so spricht man unter Beauregards, residiert standesgemäß in der Bundeshauptstadt. Er führt ein Witwerdasein mit allabendlichen Restaurantbesuchen. Dubignon bleibt sich im Haus seiner verstorbenen Mutter weitgehend selbst überlassen. Die Exzellenz der Versorgungslage male ich euch nicht aus. Für Hierfür und Dafür steht Personal zur Verfügung, so präsent wie nötig.

Folglich hat Dubignon eine sturmfreie Bude, einen vollen Kühlschrank und viele saubere Jeans. Um die Verhöhnung der Erdenschweren perfekt zu machen, geriert sich Dubignon als Linksextremist in der Phase vor dem Abtauchen.

Ich kann es euch jetzt schon sagen, Dubignon wird nie in den Untergrund gehen. Stattdessen wird er einer grauen Maus, der kein Mensch ansieht, wozu sie in der Lage ist, alles stecken, was er über eine halbkonspirative Struktur weiß, die man noch nicht Netzwerk nennt.

Wir sind in den Siebzigerjahren. Dubignon steht auf Marc Bolan. Er weiß, die Liebelei mit seiner Französischlehrerin Annegret Burgmüller ist schon das Ausgefallenste in seiner Reichweite. Annegret, genannt Gret, stammt aus der Nachbargemeinde und wuchs am Fasanentritt in einem der Gießler-Koch-Häuser auf, die nach dem Krieg auf den Kamm gesetzt wurden, um die Arbeiter in den Gießler-Koch-Werken bei Fuß zu haben.

Man baute schlecht, aber die zum Tal führenden Stiche sind Trampelpfadelegien. Sie werden uns nie mehr aus dem Kopf gehen. Wir sind jene, die den Hintern der Lehrerin nackt durch die Scheibe gesehen haben. Wir waren schon da, als Gret und Dubignon noch keine krankhafte Vorsicht walten ließen.

Heute steige ich den Leuten durch das Kameraauge ihrer Rechner in die Nasenlöcher. Ich höre sie in ihrer Privatsphäre rülpsen, furzen, schlürfen, schmatzen und sehe sie ihren Rotz fressen. Ich registriere die Schwergängigkeit der Atemtätigkeit.

Im Jetzt von Damals schwärmt Gret für Dubignon. Sie hat die Sprachmeise. Dubignons Amerikanisch legt ihr Katastrophenkontrollzentrum lahm. Er pronounct sie hinter die Wolken in den siebten Himmel.

Dubignon prüft und verbessert Grit auf allen möglichen Feldern. Ob er das merkt? Im Unterricht stürzt er Autoritäten und singt dem Kommunismus ein Loblied. Wir Antistalinisten in der letzten Reihe, die noch nie eine Freundin hatten und von gewissen Vorstellungen besessen sind, finden den amerikanischen Kommunistenmillionär lächerlich. Der hat doch alles. Will er das alles verlieren? Oder glaubt er im Ernst, dass alle alles haben können?

Nichts deutet darauf hin.

„Am Ende jeder Utopie steht eine Diktatur“, sagt der alte Sozialdemokrat Fritz-Mifune Toranaga. Ein Jahrhundert vor Labsals Eingemeindung (man sagt mitunter immer noch: Dann schlug man die Labsaler zu Hainweiler) hatte Fritz-Mifunes Urgroßvater einen der sieben Höfe auf dem Weseler Höhenritt auf dem Heiratsweg freundlich übernommen. Seither ist in dieser Familie keiner mehr von der SPD-Fahne gegangen.

Scheu blättern sie Magazinen, bäuchlings auf dem Flor. Ohne elementar-eruptive Erregung sind Gret und Dubignon gehemmt. Dubignon nimmt Rücksicht auf die halbgreise Beamtin. Dass ihr nichts peinlich wird. Ihm muss keiner erklären, dass sich in dieser Veranstaltung alles um ihn dreht.  Sein älterer Bruder Chingachgook hat schon mal einen 75er Dodge Charger Daytona in die Garage gestellt.  

Dubignon verweigert dem verbreiteten Hopper auf der Fuchsschwanz-Chopper eine Kopie; obwohl er den Typus doch so viel authentischer als wir verkörpern könnte. Wir machen einen auf Easy Rider und spielen Veteranen einer Bewegung, die wir nicht erleben haben. Wir verehren Peter Fonda und Dennis Hopper auf einem stillen Vorhof von Apokalypse Now, Down by Law und Rumble Fish.

Dubignon geriet sich als Glasperlenspieler. Er trägt Pascalhemden mit steifgebügeltem Kragen. Seine Fingerspitzen berühren sich wie bei einem Rendezvous. Gret wird zur Bettlerin in der Sphäre seiner Eigenliebe.

Wir fahren nach Kassel ins Bahnhofskino und gucken gemeinsam mit den Gastarbeitern italienische und französische Lustspiele. Mein Amore-Codewort lautet Giulia Farnese. Mir reicht der Name für vieles. Ich bin so genügsam, dass es nur so knallt. Ich kombiniere Gret Burgmüller mit Laura Antonelli.

Was bringt mich auf den Geschmack der Konspiration? Am Anfang steht die Erfahrung, dass ich mich ohne Vorlauf und Übung besser im Griff habe als die Spießgesellen aus der Nachbarschaft.

Ich bin ihnen natürlich überlegen. Das spielt in ihren Überlegungen keine Rolle. Sie wollen gar nicht können, was ich einfach so kann, so wie onanieren, ohne dass ein beschleunigter Atem die Sache veröffentlicht. Sie interessieren sich nicht für den Doppelsinn des Blickmorsens. Egal sind ihnen die Chancen einer Gleichzeitigkeit von Vorenthaltung, Information und Desinformation.

Mich aber fasziniert Tarnung. Mir gefällt es, wie aus dem Nichts lautlos zum Mittelpunkt zu werden. Erst in meinen Analysen begreife ich, dass die Mitläufer und Kegelfiguren, die sich einfach irgendwo hinstellen lassen, mit ihren lauten Ankündigungen auch ihre Harmlosigkeit melden. Sie wissen noch nicht und werden es gewiss zu spät erfahren, dass ihre Jovialität und Herdenhaftigkeit sie ins Zwielicht rücken wird. Eines Tages werden ihre Witze nicht mehr erlaubt sein, aber sie werden den Termin nicht achten und in Verzug geraten. Ihre Zukunft holt sie in der Gegenwart schon ein. Sie taugen zu nichts.

Repression

Die Unterlegene versucht ihre Scham mit Stolz zu vergolden. Gret setzt sich für alles eine Frist, da sie nicht einfach so auf dem Fließband der Zeit lebt, sondern mit hohem Abtrieb dagegen. Dubignon spürt seine Überlegenheit.

Etwas Anstößiges verbirgt und offenbart sich in Grets Liebe zu einem Minderjährigen. Umgekehrt liegt nichts Anstößiges in Dubignons Rolle.

Dubignon bemerkt die Repression nicht, die ihn von den Normalverläufen trennt, sobald er mit Gret verkehrt. Er ignoriert die Regression, mit der Gret auf den gesellschaftlichen Druck reagiert.

Sie handelt im Verbotenen, er nicht.

Ich bin der Beobachter. Ich studiere die Auswirkungen von Druck. Darüber führe ich Buch. Was passiert, wenn man bestimmte (lebende) Bilder immer wieder über die Timeline des Bearbeiteten laufen lässt? Wie lange dauert es, bis er eine eingefahrene Route ändert?

Wie schränkt man jemanden ein, ohne sich selbst einer Gefahr auszusetzen?

Gret war meine erste Zielperson. Fast zufällig geriet sie in mein Visier. Ich wusste noch nichts über die Möglichkeiten, jemanden wie unter einem Leichentuch zu begraben, als ich Gret zum ersten Mal zurückzucken sah und erkannte: Sie zuckt in der Konsequenz meiner Intervention. Ich muss euch nicht sagen, dass sich das gut anfühlt, zuzusehen wie das Wild beginnt seine Stammplätze zu meiden. Es ist gar nicht so einfach, jemanden von seinem vertrauten Kurs abzudrängen, ohne sich strafbar zu machen. Zu diesem Behuf am besten eignen sich bewusstlose Kegel, Jugendliche, die freudig machen, was man ihnen sagt. Sie lassen sich schwer einschränken; das gehört zu ihrem evolutionären Status. Sie müssen über die Barrieren ihrer Vorgänger. Sie verfügen über die richtigen Informationen.