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19.07.2020, Jamal Tuschick

Welker Schick

Die Erzählerin spießt Landschaftsdetails aus der Flugzeugperspektive auf so wie man Oliven pfählt, die in behauchten Gläsern in atmendem Alkohol schwimmen. Sie bändigt einen Bunch widersprüchlicher Empfindungen im Anflug auf ihre Zukunft als Archivarin. Ahnt sie, dass die Vergangenheit nicht locker lässt; dass sie wie der sprichwörtliche Suchtaffe ihr im Genick sitzt?

Bis eben hat Kate irgendwas mit Medien gemacht. Als sie damit herausrückt, zeigt sich der gute Mann neben ihr konsterniert. Journalismus ist für ihn der letzte Dreck. Beruflich bewahrt er Landwirte vor Fehleinschätzungen. Er hält das für eine ehrliche Arbeit.

Wer will ihm widersprechen?

Sara Sligar, „Alles, was zu ihr gehört“, aus dem Englischen von Ulrike Brauns, hanserblau, 496 Seiten, 16,-

In der Gegend von San Francisco

Kates Tante Louise sieht aus wie ein „aufgefrischte Terrasse“. Den Vergleich schmückt die Schönheit eines glücklich in die Luft getretenen Roundhousekicks. Ich assoziiere eine lackierte Fassade ... welken Schick ... den Mut für drei Groschen und eine Schnapsfahne, die ein großer Auftritt nach sich zieht. 

Louise ist die „härtere und glänzendere Version“ von Kates Mutter. Vermutlich hat eine Schwester Elvis Presley gehört und die andere Chris Barber. Pubertäre Entscheidungen ziehen die Lebensbahnen vor. Am Ende bestätigt sich alles in der Differenz zwischen Blue Suede Shoes und Petite Fleur; zwischen dem Gefühl, Real-Rock-True zu sein, eine für-wahre Person, oder anfällig für weich-gejazzte Vorspiegelungen.

Eine superbe Petite Fleur-Interpretation

Eingebetteter Medieninhalt

Betreff: Mystery und #MeToo: »Alles, was zu ihr gehört« von Sara Sligar erscheint in den nächsten Stunden bei hanserblau

Lackierte Fassade

Im Sommer 2017 verlässt die Journalistin Kate Aitken New York. Ein Jobangebot an der kalifornischen Küste, in der Kleinstadt Callinas, ermöglicht ihr die berufliche und private Flucht: Nach dem „Vorfall“ mit ihrem ehemaligen Chefredakteur würde er garantiert dafür sorgen, dass Kate keinen Job mehr an der Ostküste bekommt.Doch die Wochen voller Scham, Wut und Angst scheinen vorüber, als sie im Auftrag von Theo Brand den Nachlass seiner Mutter, der international bekannten Fotografin Miranda Brand,archivieren soll. Die junge Frau reist an die Westküste und verbringt den Sommer im Haus der Brands. Doch über das reine Katalogisieren hinaus, dringt Kate anhand von Tagebucheinträgen, Fotografien und persönlichen Briefen tief in das Leben der Künstlerinein, deren Tod immer noch rätselhaft ist. Kates Nachforschungen werden immer obsessiver, Gerüchte über Theos Verwicklungen in Mirandas Tod häufen sich und Kate muss feststellen, dass die kühle Präsenz ihres Auftraggebers zugleich angsteinflößend und erregend ist ...

© Abbey McKay

Aus der Ankündigung:

Miranda Brand war eine intensive Künstlerin. Eine Frau, die nicht nur ihre Werke, Ambitionen und Integrität in einer von Männern dominierten Kunstwelt verteidigte, sondern auch privat als Mutter und Ehefrau zermürbende Kämpfe ausfocht. Durch Kates Recherchen über Miranda offenbaren sich erschreckend viele Parallelen im Leben der beiden Frauen – und die junge Journalistin wird mit ihrem Trauma erneut konfrontiert. Sara Sligar gelingt mit Alles, was zu ihr gehörteinPorträt zweier hintergründiger Frauen, getrennt durch viele Jahre, aber vereint in ihren Kämpfen. Sligar spinnt ein Netz aus Geheimnissen und Lügen, alternierend zwischen Gegenwart und Vergangenheit schält sich die Wahrheit über Mirandas Tod langsam aus den Objekten heraus, die sie einst zurückließ. Alles, was zu ihr gehört ist ein faszinierendes Romandebüt über Kunst und Macht, über Frauen, die von Männern beherrscht werden, verfasst von einer souveränen neuen Stimme der Spannungsliteratur. 

Sara Sligar lehrt als Post Doc Englisch und Kreatives Schreiben an der University of Southern California. Sie promovierte über den Zusammenhang zwischen Literatur und dem modernen Strafrecht und veröffentlichte Kurzgeschichten in verschiedenen Magazinen. Sara Sligar lebt mit ihrem Hund Wilkie in Los Angeles. Die Originalfassung erschien im April 2020 mit dem Titel Take Me Apart in den USA. Mehr unter www.sarasligar.com