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20.07.2020, Jamal Tuschick

Staubmonster

Rauchzeichen der Hermetik - Callinas ist eine Boomerfestung, die Uneingeweihten wie ein unterversorgter Weiler erscheint: in einem Wüsten-mythischen Dahinten, wo sich Fuchs und Hase auf Nordkalifornisch Gutenacht sagen. Den zur Schau gestellten Hass auf Touristen lernt die Archivarin Kate Aitken als Rauchzeichen einer esoterisch-tribalen Hermetik zu deuten.   

Die Erzählerin spießt Landschaftsdetails aus der Flugzeugperspektive auf so wie man Oliven pfählt, die in behauchten Gläsern in atmendem Alkohol schwimmen.  

Sie bändigt einen Bunch widersprüchlicher Empfindungen im Anflug auf ihre Zukunft als Archivarin. Ahnt sie, dass die Vergangenheit nicht locker lässt; dass sie wie der sprichwörtliche Suchtaffe ihr im Genick sitzt?

Bis eben hat Kate irgendwas mit Medien gemacht. Als sie damit herausrückt, zeigt sich der gute Mann neben ihr konsterniert. Journalismus ist für ihn der letzte Dreck. Beruflich bewahrt er Landwirte vor Fehleinschätzungen. Er hält das für eine ehrliche Arbeit.

Wer will ihm widersprechen?

Sara Sligar, „Alles, was zu ihr gehört“, aus dem Englischen von Ulrike Brauns, hanserblau, 496 Seiten, 16,-

In der Gegend von San Francisco …

Kates Tante Louise sieht aus wie ein „aufgefrischte Terrasse“. Den Vergleich schmückt die Schönheit eines glücklich in die Luft getretenen Roundhousekicks. Ich assoziiere eine lackierte Fassade ... welken Schick ... den Mut für drei Groschen und eine Schnapsfahne, die ein großer Auftritt nach sich zieht. 

Louise ist die „härtere und glänzendere Version“ von Kates Mutter. Vermutlich hat eine Schwester Elvis Presley gehört und die andere Chris Barber. Pubertäre Entscheidungen ziehen die Lebensbahnen vor. Am Ende bestätigt sich alles in der Differenz zwischen Blue Suede Shoes und Petite Fleur; zwischen dem Gefühl, Real-Rock-True zu sein, eine für-wahre Person, oder anfällig für weich-gejazzte Vorspiegelungen.

Eine superbe Petite Fleur-Interpretation

Eingebetteter Medieninhalt

Ozeanischer Dunstkreis

Das Haus ihres neuen Arbeitgebers sitzt wie „ein Klecks Mayonnaise auf der Glatze eines hartgekochten Eis“. Der Anstrich lässt zu wünschen übrig. Wind und Wetter veranstalten im ozeanischen Dunstkreis ein Festival der Erosion. 

Die Archivarin Kate Aitken soll den Nachlass der Fotografin Miranda Brand sichten. Auftraggeber ist Mirandas Sohn. Theo wirkt auf Kate wie ein Magnet. Immer tiefer taucht Kate in das Leben seiner Mutter. Mirandas geheime Aufzeichnungen macht sie zu ihrer ständigen Lektüre. Die Weltberühmte wurde mit einer Schusswunde tot aufgefunden. Die Polizei nahm Selbstmord an. Im Milieu der Künstlerin hält sich hartnäckig der Verdacht, Miranda sei ermordet worden. Als Täter in Betracht gezogen werden Theo, ein abgenutzter Liebhaber namens Kid Wormshaw und der drecksackhafte Kunstkaufmann Hal Eggers. 

Kate wohnt bei ihrer drakonisch-interventionistischen Tante Louise und deren schlüpfrigen Gatten Frank. Ihre Gastgeber führen ein solventes Landkreisleben in der nordkalifornischen Strandstadt Callinas (Marin County). Kate muss die Neugier der alten Leute am Abendbrottisch befriedigen. 

Tagsüber fiebert sie in Korrespondenzen, Krankenakten, Restaurant- und Hotelquittungen und beliebigen Notizen. Ein Staubmonster ergreift von ihr Besitz. Es nistet sich in Kate ein und flüstert ihr von innen ins Ohr, während die Gewissenhafte sich zu der Einsicht durchquält, zur Hebung eines Schatzes bestellt worden zu sein. Sie zieht Millionenwerte aus einem Müllberg der Achtlosigkeit.  

Zuzeiten exiliert sie in Pawpaw’s Drinking Hole & Entertainment und demissioniert auf einem Barhocker. 

Sara Sligar lehrt als Post Doc Englisch und Kreatives Schreiben an der University of Southern California. Sie promovierte über den Zusammenhang zwischen Literatur und dem modernen Strafrecht und veröffentlichte Kurzgeschichten in verschiedenen Magazinen. Sara Sligar lebt mit ihrem Hund Wilkie in Los Angeles. Die Originalfassung erschien im April 2020 mit dem Titel Take Me Apart in den USA. Mehr unter www.sarasligar.com