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22.07.2020, Jamal Tuschick

Schöne Beine

Eingebetteter Medieninhalt

Sie erscheint als Meisterin ihrer Verhältnisse. Hinter ihr liegt ein gewöhnliches Mittelklasseleben in Scherben. Die Trauerränder wirken längst wie Dekor. Rose nimmt die Vernichtung durch das Alter leicht. Noch hat sie schöne Beine, und das seelische Sodbrennen behandelt sie mit Bier.

Sie ist zu ansehnlich, um sich mit Komplimenten abspeisen lassen zu müssen, „die schon von Weitem nach Copy-Paste“ aussehen. Lange Zeit sieht man sie jeden Abend im „Royal“. Die Bierbar mit einer Patina aus den Siebzigern und einem verlässigen Soundtrack für die Vernachlässigten ersetzt den Himmel auf Erden nicht nur für Rose.  

Nicolas Mathieu, „Rose Royal“, Roman, aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen, Hanser Berlin, 96 Seiten, 18,-

Sie kam klar mit der Lächerlichkeit „rein symbolischer Beförderungen“. Ihre Ehe war ein Witz mit zwei Kindern. Zum Schluss bewies der Gatte seine Insolvenz mit Andeutungen von Gewalt. Rose reagierte mit dem Kauf eines Revolvers; eines in Amerika bereits gebrauchten Produkts.

„Nach elf Tagen kam die Waffe in einer Paketstelle ganz in ihrer Nähe an. Als sie das Ding aus der Luftpolsterfolie zog, war sie überwältigt von seiner beinahe übernatürlichen Schönheit, silbern und schwarz, gleichzeitig üppig und erstaunlich fest.“

Rose trägt die erotisch aufgeladene Waffe stets in der Handtasche spazieren.

Nicolas Mathieu beschreibt eine Frau, die „Kerle satt hat“ und sich im Zweifelsfall gar nichts bieten lassen will.

Der Übergriff beginnt mit der Absicht.

Rose trinkt gern gemeinsam mit Marie-Jeanne, die den Leuten in der Kneipe für zehn Euro die Haare schneidet. Ich habe das erlebt. Mein Royal hieß Malaga. Im Malaga kam jede Expertise aus dem praktischen Geist der Migration. Alles, was man zum Überleben brauchte, wurde aus einem Spundloch gezogen. Das zufällige Publikum sah nur einen Bewirtungsschauplatz. Aber die Eingeweihten hielten da eine Wollmilchsau.

So stelle ich mir das „Royal“ vor. Verlaufen sich darin die Kinder reicher Leute, werden sie von Fred abserviert.

Eines Nachts erlöst Rose im „Royal“ eine überfahrene Hündin von ihren Schmerzen. Sie zieht den Revolver und verpasst dem Tier einen Fangschuss. Der mit dem Unfallopfer in die Kneipe wie in eine Notaufnahme gekommene „Besitzer“ zeigt sich eingenommen von dem resoluten Zugriff. Eine Liebesgeschichte beginnt neben dem Kadaver.

Luc möbelt Bruchbuden auf und nennt sich Immobilienmakler. Mit ihm schlittert Rose in ein permanentes Begnadigungsverhältnis. Man begnadigt sich gegenseitig mit dem tollwütigen Eifer bilanzreifer Existenzen. Das ist selbstverständlich nur eine Phase. Danach kommt die Zeit der platzenden Kragen.

Aus der Ankündigung - Nach „Wie später ihre Kinder“ erzählt der Prix-Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu die Geschichte einer Frau, die beschließt, kein Opfer mehr zu sein.  Rose ist fast fünfzig, als sie Luc kennenlernt. Sie hat eine Ehe überstanden und zwei Kinder zur Welt gebracht, hat Liebschaften erlebt, Jobwechsel, Schicksalsschläge und Trauerfälle. Das Leben hat sie stark gemacht. In ihrer Handtasche steckt ein Revolver, der sie gegen die vielen Dreckskerle dieser Welt beschützen soll. Doch Luc ist anders, das spürt sie sofort. So charmant und zurückhaltend. Seit sie ihn kennt, liegt in ihren Augen ein neuer Glanz. Bis er sich eines Tages in seinem männlichen Stolz gekränkt fühlt und zuschlägt. In seinem neuen Roman erzählt Nicolas Mathieu von einer Frau, die sich eine Waffe beschafft, damit die Angst endlich die Seiten wechselt.  Presse Leseproben Nicolas Mathieu Nicolas Mathieu Nicolas Mathieu wurde 1978 in Épinal geboren und lebt in Nancy. Sein erster Roman erschien 2014 und wurde für das Fernsehen adaptiert. Wie später ihre Kinder wurde 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Krimineller Aufwand

Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu erzählt in „Wie später ihre Kinder“ von einem autochthonen Arbeitersohn, der auf die Füße fällt, und einem Einwanderersohn, der ein paar falsche Entscheidungen zu viel trifft.

In einer verödeten Gegend an der Grenze zu Luxemburg beschreiten Leute „unterirdische Wege“ des Überlebens. Fast ohne soziale Absicherung arbeiten sie in dem „unter chronischem Arbeitskräftemangel leidenden“ Nachbarland und bewahren als Pendler ihre französischen Gemeinden davor, Wüstungen zu werden. Sie retten hier eine Schule, in der sie sich selbst gelangweilt haben, und da eine Bäckerei, die ihnen einmal als verheißungsvoller Ort erschienen ist. Mitten in Europa existieren sie an einem Rand. Ihre Klasse gibt es in keiner positiven Betrachtung mehr. Sie konkurrieren mit Migranten. In diesem Wettbewerb sind sie sich selbst so fremd geworden, dass sie ihren Töchtern und Söhnen außer Plattitüden fast nichts mehr zu sagen haben.

Nicolas Mathieu, „Wie später ihre Kinder“, Roman, Hanser Berlin, 445 Seiten, 24,-

Die unerzogenen (und ratlosen) Söhne der Verlierer stellen Wut zur Schau. Die Wutperformance schützt sie in einer Gemeinschaft, die ihre Verfassung verloren hat. Früher arbeiteten die Väter an Hochöfen und ihre muskulöse Genügsamkeit stellte einen gesellschaftlichen Wert dar. Jetzt hilft Anthony seinem Vater, der nach Jahrzehnten als Stahlarbeiter als Gabelstapelfahrer seine letzte solide Beschäftigung hatte und inzwischen nur noch die Anwesen der wenigen Vermögenden vor Ort in Schuss hält.  

Nicolas Mathieu schildert ein Milieu, in der Selbstachtung für viele ein Phantasieprodukt ist. Jahrhunderte hing die Achtung der Armen von Arbeit ab, von schweren gemeinschaftlich begangenen Tätigkeiten, die einen typischen Tagesablauf erzwangen; eine Gleichheit der Verhältnisse, die den Gemeinschaftssinn anspornte und Traditionen stiftete. Die Lebensentwürfe wurden vererbt. Man kam zwar nicht über seine Klasse hinaus, fiel aber auch nicht aus dem Rahmen. Man war, was der Großvater schon gewesen war, ob Steiger oder Stauer. In der Gegenwart haben die sich durchschlagenden Väter nicht einmal mehr den Fetzen eines Lebensentwurfs für ihre Söhne.

Anthony lebt in einer Wildnis. Er treibt kriminellen Aufwand, um Mädchen nackt zu sehen. Aber dann tragen sie doch Bikinis und ergötzen sich in ihrer Unerreichbarkeit an Anthonys Begehren.

Anthony lässt sich das Moped seines Vaters klauen – von Hacine, den Mathieu als Gegenspieler mit Migrationshintergrund aufbaut und dann klischeehaft zum Einsatz kommen lässt.  

Schauplatz der Tristesse ist Heillange, eine erfundene Stadt an einem See und in einer Senke. Es ist Sommer, ein ewiger Sommer. Die Handlung setzt Anfang der Neunzigerjahre ein. Sie zieht sich durch das Jahrzehnt und kennt nur eine Jahreszeit. Im ersten Sommer ist Anthony vierzehn. Er orientiert sich an einem älteren Cousin auf eine nachlaufende Weise. Verliebt ist er in Stéphanie, die ihn immerhin niedlich findet. Sie himmelt das „megasüße Arschloch“ Simon an.

Wegen des geklauten Mopeds sieht sich Anthony genötigt, energisch zu werden. Erst zielt er mit einer Pistole auf Hacine, dann spuckt er dem Dieb & Dealer ins Gesicht. Mathieu deutet bereits im Titel eine beinah brüderliche Verbindung an: Wie ihre Väter werden auch sie keine Spur hinterlassen. Als hätten sie nie gelebt.

Dem Einfall kann man bis zu der Erkenntnis nachgehen, dass er keine erhebliche Höhe erreicht. Das Leben ist nicht für ein Nachleben gemacht. Es vollzieht sich auf die richtige Weise, wenn es keine Einladungen an die Nachgeborenen ausspricht.

Vollständige Sterblichkeit ist ein Segen; um eben nicht noch einmal als Fraß einer nachgeborenen Meute sterben zu müssen.

Im zweiten Sommer des Romangeschehens sind die Antagonisten sechzehn, Hacine kommt mit fünfundvierzig Kilo Cannabis aus Marokko in das Land seiner Kindheit. Die Chancen doppelter kultureller Auswahl, transkontinentaler Ortskenntnisse und Vertrauensbasen nutzt er wie ein Blödmann. Der Kanake dealt. Was sonst könnte er tun nach allen möglichen Lektionen auf den Brachen eines aufgegebenen Industriestandorts im nordfranzösischen Nirgendwo? Mich stört die Delegation des Stupiden an Hacine. Dann sind auch noch seine Fußtechniken labbrig, während Anthonys Vater als Hüter des Sohnes plötzlich grandios wird. Er nimmt „steinerne Härte“ an, gewinnt „mineralische Festigkeit“.

1996 macht Anthony Abitur, und Stéphanie ist endlich bereit für den Treuherzigen.