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23.07.2020, Jamal Tuschick

Körperkatharsis

Als erster Transmann der überlieferten Weltgeschichte lieferte sich Thomas Page McBee 2015 in der Spothitze des Madison Square Garden ein Gefecht mit gepolsterten Händen.

Thomas Page McBee © Amos Mac

Nun begann die Arbeit am Körper morgens um sechs. Im Anzug auf dem Rennrad: ein neuer Stil machte Furore zu der Musik von George Michael. 

Too Funky

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Thomas Page Mc Bee beschreibt Trumps Triumph über Hillary Clinton „als Referendum über die Körper und die sie bestimmenden Regeln“.

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In der American Psycho-80er-Ära ging die Wallstreet mit der Kundschaft koksen. Es folgte die zynische Zeit der formalisierten und ästhetisierten Exploitationsfeldzüge zu den Quellen der Erniedrigung in den Exklaven der damals noch Dritte Welt genannten Kolonialwarenläden, in denen Stangentanz geboten wurde. Manche Dienstleisterinnen kamen aus Mittelamerika. Manche kamen aus dem Mittelamerika der Armut mitten in den Vereinigten Staaten. Man imponierte dem Klienten mit degoutanter Weltläufigkeit, um ihn für riskante Anlagen empfänglich zu machen. Dann war das zu Ende und die Fight Club-Phase begann. Man gebar sich noch einmal als ein ganz anderer. Man killte den Nerd in sich mit Sit-ups und Liegestütze. Man tat, was einem gewiss nicht an der Wiege gesungen worden war. Man stieg in einen Ring und ließ sich auseinandernehmen. Nun begann die Arbeit am Körper morgens um sechs. Im Anzug auf dem Rennrad: ein neuer Stil machte Furore zu der Musik von George Michael.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten …

Stufen/Hermann Hesse

Thomas Page McBee beschreibt die Prozesse der Selbstoptimierung, die losgingen als man der zerfeierten Gesichter endgültig überdrüssig war, Suchtsolvenz keine Prestigepunkte mehr brachte, und wir alle in den Ring stiegen, um die Choreografie der wahren Schönheit zu lernen. McBee spricht das Boxen als „Kommunikation mit Fäusten“ an. Boxer sagen Hände zu Fäusten. Richtig finde ich es, von sprechenden Händen zu reden.

McBee will seine Hände zum Sprechen bringen. Er fühlt sich funky enough. 

Was zuvor geschah

Er ist kein Mädchen. Das weiß der mit weiblichen Genitalien geborene Thomas Page McBee lange, bevor ihn eine zweite undeutliche Klarheit über noch eine Differenz aufklärt. Mit Anfang Dreißig lässt er sich eine neue Geburtsurkunde ausstellen, nach einem Marsch durch die Institutionen des biologischen Geschlechts. Der Autor beschreibt die juristische Angleichung als Auftakt einer Expedition zur Erforschung der Männlichkeit.

Thomas Page McBee, „Amateur. Mein neues Leben als Mann“, auf Deutsch von Stefanie Frida Lemke, Blumenbar, 223 Seiten, 18,-

Am Anfang der Initiation ist McBee einfach „nur ein weiterer Typ in teuren Nikes“, der einen inneren Auftrag erfüllt, für den er nicht geschaffen zu sein scheint.

In den „Beziehung(en) zwischen uns hauptsächlich weißen Männern in High-Tech-Trainingsklamotten mit nagelneuen 180-Dollar-Reyes-Boxhandschuhen“ und dem „hauptsächlich nicht-weißen“ Personal wiederholt sich jedenfalls nicht das, was überall sonst den Regeln entspricht. Die Probanden  machen schmerzhafte Erfahrungen, die sie an ihre Trainer so binden wie an ihre Psychoanalytiker*innen.

Das entspricht dem post-heroischen Geschäftsmodell im historischen Schatten von Muhammad Ali, Mike Tyson und einer antiken Gym-Kultur. Die Antwort auf die Leere heißt Box-Fitness aka Fitness-Mania. Keine Notwendigkeit schafft den Rahmen.

McBee sucht das Echte im Falschen, die Archaik, das Ritual und den Prozessionscharakter der Körperkatharsis. Er sucht eine Antwort auf die Frage: „Wie ein Mann sein“, ohne so zu werden wie sein Stiefvater, der das Mädchen, das Thomas einst war, missbrauchte.

„Ich wollte gar kein echter Mann werden. Ich kämpfte für etwas Besseres.“

Körperkatharsis

„Hast du nen Kampf?“ fragte mich der Kleinere.

Ich hatte einen Kampf.

Dieser Defensivstil war ziemlich clever. Es ging darum, in Sicherheit zu bleiben, indem man sich auf Distanz hielt, aber immer bereit war und niemals die Deckung aufgab.

...

Bald mehr.