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24.07.2020, Jamal Tuschick

Als erster Transmann der überlieferten Weltgeschichte lieferte sich Thomas Page McBee 2015 in der Spothitze des Madison Square Garden ein Gefecht mit gepolsterten Händen.

Geschulter Mut

Thomas Page McBee © Amos Mac

„Dieser Defensivstil war ziemlich clever. Es ging darum, in Sicherheit zu bleiben, indem man sich auf Distanz hielt, aber immer bereit war und niemals die Deckung aufgab.“ Das begreift Thomas Page McBee im Training.

Auch mit neunzehn kann man Dinge schon jahrelang falsch gemacht haben. Eines Tages treibt dich eine innere Stimme zweimal um den Block, bis du schließlich, verwundert wie ein Kind, innehältst, um dir gleich darauf dabei zuzugucken, wie dein neues Leben beginnt. Du hörst von jetzt auch gleich auf zu rauchen, zu trinken, zu kiffen und zu sniffen. In Rekordzeit nimmst du dreißig Kilo ab. Zum ersten Mal findest du dich annehmbar.  

Es wird Zeit, deinem Dasein eine Form zu geben. Du fängst an zu boxen. Eines Tages siehst du in der Umkleide einen Mann mit zwei Narben auf der Brust. Du fragst ihn, wo er die her hat. Er behauptet, sie seien einem Unfall geschuldet.

Die Wahrheit ist das nicht.

Thomas Page McBee beschreibt die Szene im Schweißgestank als Station seiner Transition. Der Eleve auf dem Weg zum Charité-Champ kann der Ghetto-Rotznase die besonderen Umstände seiner Existenz nicht offenbaren, ohne sich zu entblößen. Schließlich bewegt er sich da, wo Männlichkeit in ihrer rohen Form gefeiert und der Mut geschult wird. McBee fällt es schwer, Leuten ins Gesicht zu schlagen. Ein einfühlsamer Meister bemüht sich redlich darum, McBee von der Hemmung zu befreien. 

Magische Substanz

Testosteron erscheint ihm als magische Substanz. McBee impft sich jede Woche mit dem Stoff und beobachtet fasziniert die Folgen.

… „das synthetische Hormon, durch das ich tatsächlich meinen Babyspeck verlor, das meine Muskeln neu verteilt hat, meinen Bart wachsen und mich für alle Welt wie einen Mann aussehen ließ.“

Es ist schön, ein Mann zu sein. Natürlich will McBee ein besonderer Mann sein. Wer könnte ihm das nicht nachfühlen?

„Eric hat nichts drauf. Er kündigt jede Bewegung an.“

Darum geht es: den Gegner nicht zu informieren und überraschend zu wirken. Das Knowhow-Ambiente der Vorbereitung auf den Charité-Kampf im M. S. G. könnte nicht versierter und kompetenter hochkochen. Heiliges Wissen kursiert im Gym wie eine Loseblattsammlung von Allgemeinplätzen.

McBees Meister Errol verbindet in sich die Weisheit des Ostens mit der Rationalität des Westens. Mehr geht nicht. 

Das Lied der Hände

Lauter Perlen stecken in McBees Prosa.

„Ich sah meine Schwächen als wandelbare Tatsachen, wie Schatten, auf die Licht fiel.“

Der Adept erkennt, dass er sich unterschätzt hat. Er kann sein, was er sein will: ein gefühlvoller Mann, dessen Handfertigkeiten ihn neu dimensionieren - ihn globalisieren. Ab einem bestimmten Grad der Initiation verwandelt sich Mühsal in Gesang. Man wird weich und fängt an zu spielen. Die Hände kommen gestochen scharf. Die Schultern rollen im Eigenbeat - Rolling Thunder.  

„Wenn ich nicht im Gym war, guckte ich YouTubeBallets von boxenden Männern. Ich sah die unglaubliche Schönheit des Ganzen: Muhammad Ali, der seinen massigen Körper mit fieberhafter Anmut bewegte.“

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Ja, Ali war der Schönste … und nie besser als in dem fabelhaften Damals seiner Olympioniken-Ära. Sonny Liston erschien dagegen wie ein heruntergekommener Albtraum. Ali brachte den Weltmeister dahin, dass er wie ein Narr im Ring herumhampelte und sich vergeblich abmühte.
Mühelosigkeit gehört zur Kunst. McBee beweist einen unbestechlichen Blick auf das Wesen des Boxens. Alle Champions überwanden eine fundamentale Schwäche im Training. Bei Ali war es, „dass er nicht korrekt boxen konnte“ und deshalb das Boxen noch einmal erfand und auf eine neue Stufe hob.
Ich kann McBee folgen, ohne ihm je widersprechen zu wollen. Auch sein Motto ist Erstesahne.
„Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten gibt es nur noch wenige Möglichkeiten.“ („Deshalb ist der Anfänger-Geist der wahre Zen-Geist.“) Shunryu Suzuki
McBee transportiert Suzukis Schlussfolgerung nicht. Vielleicht deshalb nicht, weil er noch zu zugedröhnt und eingenommen ist von der explosiven Wissensakkumulation. Aber er bringt die Punkte: Erst übst du Techniken, bis sie sich selbst automatisch abfeuern, sobald der Impuls kommt. Dann setzt du sie wieder voll bewusst ein. Du stehst neben dir wie ein Regisseur und hast die Zeit, die du nie zuvor hattest.
Time is Distance.

Körperkatharsis

Nun begann die Arbeit am Körper morgens um sechs. Im Anzug auf dem Rennrad: ein neuer Stil machte Furore zu der Musik von George Michael. 

Too Funky

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Thomas Page Mc Bee beschreibt Trumps Triumph über Hillary Clinton „als Referendum über die Körper und die sie bestimmenden Regeln“.

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In der American Psycho-80er-Ära ging die Wallstreet mit der Kundschaft koksen. Es folgte die zynische Zeit der formalisierten und ästhetisierten Exploitationsfeldzüge zu den Quellen der Erniedrigung in den Exklaven der damals noch Dritte Welt genannten Kolonialwarenläden, in denen Stangentanz geboten wurde. Manche Dienstleisterinnen kamen aus Mittelamerika. Manche kamen aus dem Mittelamerika der Armut mitten in den Vereinigten Staaten. Man imponierte dem Klienten mit degoutanter Weltläufigkeit, um ihn für riskante Anlagen empfänglich zu machen. Dann war das zu Ende und die Fight Club-Phase begann. Man gebar sich noch einmal als ein ganz anderer. Man killte den Nerd in sich mit Sit-ups und Liegestütze. Man tat, was einem gewiss nicht an der Wiege gesungen worden war. Man stieg in einen Ring und ließ sich auseinandernehmen. Nun begann die Arbeit am Körper morgens um sechs. Im Anzug auf dem Rennrad: ein neuer Stil machte Furore zu der Musik von George Michael.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten …

Stufen/Hermann Hesse

Thomas Page McBee beschreibt die Prozesse der Selbstoptimierung, die losgingen als man der zerfeierten Gesichter endgültig überdrüssig war, Suchtsolvenz keine Prestigepunkte mehr brachte, und wir alle in den Ring stiegen, um die Choreografie der wahren Schönheit zu lernen. McBee spricht das Boxen als „Kommunikation mit Fäusten“ an. Boxer sagen Hände zu Fäusten. Richtig finde ich es, von sprechenden Händen zu reden.

McBee will seine Hände zum Sprechen bringen. Er fühlt sich funky enough. 

Was zuvor geschah

Er ist kein Mädchen. Das weiß der mit weiblichen Genitalien geborene Thomas Page McBee lange, bevor ihn eine zweite undeutliche Klarheit über noch eine Differenz aufklärt. Mit Anfang Dreißig lässt er sich eine neue Geburtsurkunde ausstellen, nach einem Marsch durch die Institutionen des biologischen Geschlechts. Der Autor beschreibt die juristische Angleichung als Auftakt einer Expedition zur Erforschung der Männlichkeit.

Thomas Page McBee, „Amateur. Mein neues Leben als Mann“, auf Deutsch von Stefanie Frida Lemke, Blumenbar, 223 Seiten, 18,-

Am Anfang der Initiation ist McBee einfach „nur ein weiterer Typ in teuren Nikes“, der einen inneren Auftrag erfüllt, für den er nicht geschaffen zu sein scheint.

In den „Beziehung(en) zwischen uns hauptsächlich weißen Männern in High-Tech-Trainingsklamotten mit nagelneuen 180-Dollar-Reyes-Boxhandschuhen“ und dem „hauptsächlich nicht-weißen“ Personal wiederholt sich jedenfalls nicht das, was überall sonst den Regeln entspricht. Die Probanden  machen schmerzhafte Erfahrungen, die sie an ihre Trainer so binden wie an ihre Psychoanalytiker*innen.

Das entspricht dem post-heroischen Geschäftsmodell im historischen Schatten von Muhammad Ali, Mike Tyson und einer antiken Gym-Kultur. Die Antwort auf die Leere heißt Box-Fitness aka Fitness-Mania. Keine Notwendigkeit schafft den Rahmen.

McBee sucht das Echte im Falschen, die Archaik, das Ritual und den Prozessionscharakter der Körperkatharsis. Er sucht eine Antwort auf die Frage: „Wie ein Mann sein“, ohne so zu werden wie sein Stiefvater, der das Mädchen, das Thomas einst war, missbrauchte.

„Ich wollte gar kein echter Mann werden. Ich kämpfte für etwas Besseres.“

Körperkatharsis

„Hast du nen Kampf?“ fragte mich der Kleinere.

Ich hatte einen Kampf.