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25.07.2020, Jamal Tuschick

Unkundige Pflichterfüllung

Als Schriftsteller kennt Suguro keine Tabus. Auf dem Papier kleckert er sich aus. Seiner in einer Klosterschule erzogenen Frau gegenüber zeigt er sich aber diskret. Er berücksichtigt eine christlich getönte Empfindsamkeit. Ein Reiz so leicht wie eine Fluse schimmert auf dem Zusammenfluss von durchgehaltener, einer Notwendigkeit gehorchenden Zurückhaltung und taktischer Reserve. Die Konvention angelt nach der Scheu mit dem Köder der Achtung. 

Suguro schätzt die Verschlossenheit der Gattin als ein Reservoir schattenkriecherischer Erregungen. Er kriecht in ihren Schatten. 

Shusaku Endo, „Skandal“, Roman, aus dem Japanischen von Jürgen Berndt, Septime Verlag, 312 Seiten, 23,-

Geht er allein seiner Wege im Yoyogi-Park, dann springen ihn die Vorzüge der Jugend an. Suguro erhascht die Augenblicke mit der verlegenen Hast jener, die wissen, dass ihnen der Voyeurssabber auch dann noch übers Kinn rinnt, wenn sie den Mund geschlossen halten. Die Mittelschülerin Mitsu gabelt er als Haushaltshilfe auf, in einem Vorgang der ständigen Selbstermahnung, nicht aus der Rolle des Schleimonkels zu fallen. 

Nun fängt er an, heftig zu träumen. Den Schaum der Nacht überträgt er in ein Traumtagebuch. Selbstverständlich setzt Endo keinen Lolita-Abklatsch in die Welt. Sein Suguro sieht sich bald mit einem Porträt von sich konfrontiert, dass ihn gemein und seelisch verödet erscheinen lässt.

Man stellt ihm nach*. Ein Verfolger erweist sich als besonders hartnäckig, während Suguro gegen das Gefühl ankämpft, mit seiner Frau vielleicht doch nicht genug erlebt zu haben. Die Vision einer halbnackten Mitsu besetzt ihn.

Der in Ehren Ergraute befindet sich in einer verrufenen Gegend. Er kommt da Leuten bekannt vor. Suguro vermutet, dass ihm ein Lottergreis zum Verwechseln ähnlich sieht. Doch etabliert sich die Figur des Doppelgängers nicht einfach so im Kontext der Ereignisse. Naheliegender erscheint eine Persönlichkeitsspaltung. Ein Suguro verkehrt versiert mit Sexarbeiterinnen, liest ihre Psychologie aus dem Kaffeesatz, schlabbert rum und versetzt auf geile Altböcke fixierte Personen mit sadistischer Kulanz in Ekstase. Der andere Suguro findet das Programm eklig. Sein Sex hat den Ranz der unkundigen Pflichterfüllung. Wenn jemand aus seinem Brunnen schöpfen will, bekreuzigt er sich und ruft: Satan weiche. Ich übertreibe gerade.      

*

*Kobari will Suguro erschüttern. Der Aktivist ist bestrebt, dem Schriftsteller das Selbstvertrauen zu nehmen und ihn Angst erleben lassen. Davon weiß der Bearbeitete noch nichts, als der Leser informiert wird.

Aus der Ankündigung: Während einer Preisverleihung wird Suguro, ein angesehener japanischer Schriftsteller, von einer betrunkenen Frau angesprochen, die behauptet, ihn aus dem Rotlichtbezirk Tokyos zu kennen. Ab jetzt wird er mit immer neuen Verdächtigungen und Gerüchten konfrontiert, die seine Ehe, seine Ehre und seine Existenz bedrohen. Suguro macht sich auf die Suche nach dem "Doppelgänger", denn für ihn steht außer Zweifel, diese lüsterne, heimtückische Personer selbst sein zu können. Die Suche führt ihn in eine Welt der Sexualität und Perversion. Allmählich erkennt er, dass das Böse um ihn in ihm selbst wurzeln könnte, dass das degenerierte Porträt des Doppelgängers sein eigenes Gesicht sein könnte.