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25.07.2020, Jamal Tuschick

Black Hole Sun Reloaded

Wenn Bücher ein politisches Potential haben sollen, müssen sie auch politisch gelesen werden. Politisch zu lesen bedeutet für mich, dass wir versuchen, dem Text wie einer fremden Intelligenz zu begegnen, die uns beeinflussen, uns in Emotionen versetzen und letzten Endes auch verändern kann. Dass wir durch das Lesen herauszufinden versuchen, wie wir gerne leben wollen und können.

Jonas Eika © Aphinya Jatuparisakul

Pressemitteilung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wahrscheinlich waren Sie nicht dabei. Sonst würden sie sich erinnern. Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen erinnert sich gewiss. Letzten Oktober im Stockholmer Konzerthaus. Ein großer Saal, ein festlicher Anlass. Die Stimmung vielleicht so ein bisschen wie in der Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises. Im Publikum die Regierungschefs der nordischen Länder und viele andere. Auf der Bühne jetzt ein junger Schriftsteller. Sichtlich nervös. Gerade wurde er vom Moderator aufgerufen: Der renommierteste Literaturpreis, der in diesen Staaten vergeben wird (gut, abgesehen vom Nobelpreis) geht an ihn. Keine dreißig Jahre ist er alt, der jüngste Preisträger bisher. Sein Name ist Jonas Eika.

Jonas Eika blickt ins Publikum. Legt die Blumen, die Urkunde und die Skulptur, die ihm gerade in die Hand gedrückt wurden, auf den Boden. Tritt ans Pult, zieht ein paar zerknitterte Zettel, die er sich für den Fall der Fälle mitgenommen hatte, aus der Hosentasche. Schaut sich um. Atmet hörbar aus. Kratzt sich am Hals. Dann hat er sich entschieden: Er sagt, was zu sagen er sich vorgenommen hatte, falls... , sagt, was auf seinen Zetteln steht, lässt sich nicht einwickeln von Ehrung und Aufmerksamkeit. Denn er hat etwas zu sagen. Über Dinge, mit denen er nicht einverstanden ist, über Dinge, die sich ändern müssen, über die Gesellschaft, die er sich wünscht, und über die Rolle von Sprache und Literatur. Und er sagt es. Dem Saal ins Gesicht.

Es ist nur ein erster Eindruck von diesem bemerkenswerten jungen Schriftsteller, den Sie sich anhand seiner Dankesrede für den Literaturprs des Nordischen Rates machen können. Ein Eindruck, der nachhallt. Den man im Kopf haben kann - vielleicht auch haben sollte - wenn man Jonas Eikas Nach der Sonne liest, den Erzählungsband, für den er mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Lesen sollten Sie ihn auf jeden Fall, er erscheint in deutscher Übersetzung von Ursel Allenstein Mitte August bei Hanser Berlin. Und falls Sie nach Eikas Auftritt bei der Preisverleihung etwa eine engagierte, aber vielleicht etwas eindimensionale Art der Literatur erwarten sollten, stellen Sie sich auf eine Überraschung ein...

Falls ich ein Rezensionsexemplar (gedruckt oder als E-Book) für Sie vormerken oder Ihnen vorab gleich eine Fahnen-PDF zum Reinlesen schicken soll, sagen Sie mir gern Bescheid! Einen Auszug aus Nach der Sonne finden Sie übrigens auch in der aktuellen Ausgabe der am Literarischen Colloquium Berlin herausgegebenen Literaturzeitschrift Spr.i.t.Z
 

Das Interview erschien zuerst hier/Hanser Verlagsvorschau

Dein Buch heißt Nach der Sonne und eröffnet gleich einen Raum für Spekulation – was wäre eine mögliche Interpretation?
„Nach der Sonne, nach der Sonne / stehen die Dinge neben sich / stumm, nutzlos, freigelassen / ins unbekannte Leben, nach dem wir fragen …“ Das singt eine Gruppe von Jungen als Teil ihres Rituals in der letzten Erzählung des Buchs. Der Titel Nach der Sonne verweist auf einen Horizont, der sich durch das ganze Buch zieht, auf eine Möglichkeit, in eine neue Ordnung überzugehen, in der Menschen und Dinge von jenen Ausbeutungsmechanismen losgerissen werden, mit denen sie leben müssen.

Deine Erzählungen handeln auf unterschiedliche Weise von Menschen, deren Lebensumstände durch den Kapitalismus und die ausbeuterischen Verhältnisse bedingt sind – und die dabei trotzdem Sehnsüchte haben, die über diese Wirtschaftsordnung hinausweisen. Wie politisch ist dein Buch?
Wenn Bücher ein politisches Potential haben sollen, müssen sie auch politisch gelesen werden. Politisch zu lesen bedeutet für mich, dass wir versuchen, dem Text wie einer fremden Intelligenz zu begegnen, die uns beeinflussen, uns in Emotionen versetzen und letzten Endes auch verändern kann. Dass wir durch das Lesen herauszufinden versuchen, wie wir gerne leben wollen und können. Die Literatur erklärt uns nicht, wie wir handeln sollen, könnte uns aber vielleicht zu – möglicherweise politischen – Handlungen oder Gemeinschaften hinführen. Deshalb liegt die Einschätzung, ob mein Buch politisch ist oder nicht, eigentlich auch nicht bei mir.

Gab es etwas, was du selbst beim Schreiben von Nach der Sonne herausfinden wolltest, etwas, was dein Schreiben angetrieben hat?
Während meiner Arbeit an Nach der Sonne habe ich mich vor allem dafür interessiert, wie Machtverhältnisse und Ausbeutungsmechanismen auf unterschiedliche Weise das Leben der Menschen bestimmen; je nachdem, wie schutzlos sie sind. Und dafür, dass der Kapitalismus nicht allein eine Wirtschaftsform ist, sondern auch eine invasive, beinahe religiöse Kraft, die unsere Psyche, unsere Körper, Sehnsüchte, unsere Beziehung zueinander und zu unserer Umgebung bestimmt. Und gleichzeitig habe ich, wie du auch in deiner vorigen Frage schreibst, versucht, jenen Sehnsüchten und Impulsen meiner Protagonisten nachzugehen, die dabei helfen könnten, sie von der herrschenden Ordnung loszureißen. Ich hoffe, meinem Buch kann es gelingen, die Machtverhältnisse und politischen Systeme, die wir sonst als gegeben hinnehmen, wenigstens für ein paar Augenblicke erzittern und in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

Deine Erzählungen spielen an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt, in der Wüste Nevadas, in Cancun, London, Kopenhagen, sind aber zugleich nicht fest in einer realistischen Welt verankert. Warum hast du ein solch globales und zugleich fantastisches Setting gewählt?
Die Erzählungen sind aus einem Impuls heraus entstanden – oft aus einem einfachen Satz oder einem Bild – deshalb habe ich gar nicht bewusst entschieden, über welche Orte ich schreibe. Aber es stimmt, dass sie wiedererkennbar und gleichzeitig unwirklich sind. Vielleicht liegt das daran, dass ich die Welt so erlebe, vor dort, wo sie stark vom Konsum und von kapitalistischen Interessen geprägt ist. In den meisten Metropolen habe ich irgendwann das Gefühl, ich befände mich in einer Fiktion, erschaffen von Interessen, die nicht unbedingt menschlich sind – oder jedenfalls nicht zum Besten für die Menschen. Aber es ist eine Fiktion, die eine ganz konkrete Bedeutung für das Leben der Menschen hat. So ist das wohl mit vielen Konstruktionen, die unsere Welt strukturieren, zum Beispiel Ethnie und Geschlecht: Sie sind im Wesentlichen fiktiv, hinterlassen aber dennoch materielle Spuren und haben eine enorme Bedeutung dafür, wie manche Menschen leben oder sterben.
Davon abgesehen hatte ich einfach nur Lust, Literatur zu schreiben, die sich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegt. In Dänemark gab es lange eine starke Tradition des Realismus und Minimalismus, vor allem im Bereich der Kurzgeschichten. Das habe ich als Einschränkung empfunden. Ich wollte den Realismus gern mit Science Fiction, Horror und Mystik mischen.

Hast du das Gefühl, dass Literatur einen nennenswerten Beitrag leisten kann, um die Krisen unserer Zeit zu überwinden?
Literatur kann dazu beitragen, uns eine eigene Sprache für die Welt und für unsere Erfahrungen zu geben, eine Sprache, die uns nicht verlogen oder unzureichend vorkommt; und wenn man eine eigene Sprache hat, fällt es leichter, sich zu organisieren und zu kämpfen. Literatur kann Energie zu politischer Veränderung freisetzen.

Jonas Eika, geboren 1991, ist ein dänischer Autor. 2015 machte er seinen Abschluss an der Dänischen Akademie für Kreatives Schreiben (Forfatterskolen). Im Oktober 2019 erhielt er für seinen Erzählungsband Nach der Sonne den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates.