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25.07.2020, Jamal Tuschick

Basisinformationen aus der Matrix des Bösen

Die NYT-Investigativen Jodi Kantor und Megan Twohey waren die Ersten. Vor ihnen interpretierte man den sexistischen Sumpf von Hollywood einfach nur als eine schäbig-normative Kraft, die Elevinnen formte. Die Typewriter-Gunner der New York Times änderten das im harten Einsatz.  

Eingebetteter Medieninhalt

„Every dog has its day.“ - Als Pate der Sieger*innen erscheint Harvey Weinstein. Er hat nicht nur „Reservoir Dogs“ groß gemacht. 

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Jodi Kantor, Megan Twohey © Martin Schoeller

1997 ist Rose McGowan „die Königin“ des Sundance Film Festivals. Das unabhängige Kino steht einmal wieder im Zentrum einer kulturellen Erhebung. Independent firmiert als Markenzeichen. Als Pate der Sieger*innen erscheint Harvey Weinstein. Er hat nicht nur „Reservoir Dogs“ groß gemacht. McGowan nimmt eine Einladung ins Resort Stein Eriksen Lodge Deer Valley an und erlebt da etwas, dass Weinstein mit Geld aus der Welt schaffen will.

Jodi Kantor, Megan Twohey, „#Me Too - Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung“, aus dem Amerikanischen von Judith Elze und Katrin Harlas, Tropen Verlag, 352 Seiten, 18,-

McGowan spricht offen über den Ablasshandel und verstößt damit gegen die Spielregeln eines erkauften Schweigens.

„Die Studios diffamieren die Opfer und kaufen sich frei.“

Sie alle und viele mehr werfen Harvey Weinstein sexuelle Gewalt vor: Rose McGowan, Ambra Battilana Gutierrez, Asia Argento, Lucia Evans, Ashley Judd, Emily Nestor, Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette, Emma de Caunes, Cara Delevingne, Zelda Perkins, Heather Graham, Zoë Brock.

Erinnern wir uns an Ronan Farrows „Durchbruch“. In seiner Drachentöter-Saga erscheint Harvey Weinstein als „Raubtier“. Der Master of the Universe pflegt einen bedrohlichen Kommunikationsstil. Rivalen setzt er „mittelalterlich“ zu. In Hollywood gibt er sich die Dimension einer Urgewalt. Wer ihm in die Quere kommt, kann manchmal nur noch auf einem anderen Kontinent neu anfangen. Der Unantastbare hat die Macht, seine Gegner*innen verbannen – zu zersetzen – zu verwüsten. Mal dreht er sie durch den Verleumdungswolf und macht Pariawürste aus ihnen. Dann wieder erschreckt er Leute mit erschreckenden Leuten. 

Weinstein lässt sein Schattenreich von militärakademisch gebildeten Existenz-Vernichter*innen abschirmen.

Wussten Sie das?

Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, unliebsame Zeitgenoss*innen aus der Bahn zu werfen, indem sie Dreck ausgraben. Es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Dreck zu erfinden, und es gibt Agenturen, die darauf spezialisiert sind, herauszufinden, ob die Dreck-Ausgräber*innen und -Produzent*innen von einer Agentur im Counter-Strike-Modus ins Visier genommen werden. Aus diesen Modulen ergeben sich komplexe Über-Bande-Konstellationen. Virale Figurationen formieren sich zu sozialen Skulpturen.

Mit solchen Typen & Methoden schützt Weinstein sein Business. Die Emissionen seines Schwefelatems können tödlich sein. Davon hat Gwyneth Paltrow noch keinen Schimmer als sie beim Toronto Film Festival Anfang der Neunzigerjahre Weinstein vor einem Fahrstuhl kennenlernt. Er zieht die Talentnummer ab und verspricht, die Newcomerin zu produzieren. Der große Mann bietet Paltrow bald die Hauptrolle der E. Woodhouse in einer Adaption von Jane Austens „Emma“ an. Als umschwärmte, mit Brad Pitt liierte Protagonistin der Weinstein‘schen Miramax-Crew rauscht Paltrow im Erfolg.

Eines Tages bittet sie Weinstein um ein Treffen im Peninsula Hotel in Beverly Hills; der „Privatsphäre“ wegen in einer Suite. „Ich kam dort angehüpft wie ein Golden Retriever, total glücklich, Harvey zu sehen.“  Weinstein rückt rasch auf. Paltrow entzieht sich konsterniert. Ein „Onkel“ entpuppt sich als Grabscher. Pitt interveniert bei nächster Gelegenheit. Er rät Weinstein zu größerer Zurückhaltung. Man ahnt das gemäßigte Klima, in dem die Zurechtweisung erfolgt.

Weinstein ist aber nicht gemäßigt. Ihm fehlt jede Reserve. Er explodiert aus dem Stand. In ihm wütet ein Sturm. Genauso gut könnte man sagen: In ihm arbeiten Reaktoren. Seine Performance spottet jeder Beschreibung. Ablehnung in der Preisklasse einer hochgezogenen Braue kriegt er gar nicht mit.

Ihn hält keiner auf. Sobald er Unrat wittert, setzt Weinstein seine Truppen in Gang. Prophylaktisch lässt er Türen einrennen. Kollateralschäden gehen ihm am Knie vorbei.

Er bedroht die Debütantin am Telefon und erklärt ihre Karriere für beendet, bevor sie tüchtig Fahrt aufgenommen hat. Die Angegangene reagiert entsetzt.

Man arrangiert sich.   

Die Autorinnen schreiben: „Das Ethos von Hollywood bestünde darin, sagte sie, Beschwerden herunterzuschlucken und sich mit genau solchem Verhalten abzufinden.“

Paltrow behauptet, sich als Einzelfall wahrgenommen zu haben. Ihr sei nicht bewusst geworden, dass sie an Fäden eines sexistischen Puppenspielers so hing wie zig andere auch. 

Alle verdrängen die notorischen Übergriffigkeit ihres Bosses, der im Gemunkel der Angestellten als „Wasserstoffbombe“ Erwähnung findet. Paltrow rutscht aus Weinsteins Fokus. Zwanzig Jahre später beschränkt sie sich zunächst auf die Rolle einer Informantin. Sie fürchtet, durch den Medienschlamm gezogen zu werden, würde sie sich zu sehr exponieren.

„Paltrow stellte klar, sie sei noch weit davon entfernt, die Geschichte offiziell freizugeben. Sie habe, gelinde ausgedrückt, in der Presse gerade keinen guten Stand. Ihre E-Commerce- und Lifestyle-Marke Goop hatte …“

Die Unternehmerin argumentiert mit den Hypotheken von ihr Abhängiger. Immerhin wirbt sie für die Recherche und ihre Akteurinnen bei befreundeten Weinstein-Opfern. Die Journalistinnen tasten sich immer wieder zu toten Punkten vor. Eine Horrorreferenz bietet ihnen Donald Trump, dem eine Salve entlarvender Artikel nach der nächsten nichts anhaben kann.

Aus der Ankündigung: Monatelang recherchieren Megan Twohey und Jodi Kantor, um die Wahrheit über Harvey Weinstein herauszufinden. In ihren Interviews mit über 80 Frauen beweisen sie erstmals, was die bereits kursierenden Gerüchte besagen: Sexueller Missbrauch und Belästigungen sind an der Tagesordnung. Schauspielerinnen wie Mitarbeiterinnen Weinsteins berichten von Schweigegeldzahlungen und Geheimhaltungsvereinbarungen, die die jahrzehntelangen Übergriffe systematisch verschleierten. Mit immensem journalistischem Geschick und gegen alle Widerstände gelingt es Jodi Kantor und Megan Twohey, Harvey Weinstein zu Fall zu bringen. In diesem Buch erzählen sie nicht nur von bislang unveröffentlichten Details und versteckten Quellen, sie verdeutlichen auch, was die Enthüllung für die daraus erwachsene, weltweite #MeToo-Bewegung bedeutet. Eine einzigartige, inspirierende Geschichte des investigativen Journalismus, in der sich Frauen für andere Frauen, zukünftige Generationen und für sich selbst eingesetzt haben.