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27.07.2020, Jamal Tuschick

Die Erzählerin spießt Landschaftsdetails aus der Flugzeugperspektive auf so wie man Oliven pfählt, die in behauchten Gläsern in atmendem Alkohol schwimmen.   

Sie bändigt einen Bunch widersprüchlicher Empfindungen im Anflug auf ihre Zukunft als Archivarin. Ahnt sie, dass die Vergangenheit nicht locker lässt; dass sie wie der sprichwörtliche Suchtaffe ihr im Genick sitzt?

Bis eben hat Kate irgendwas mit Medien gemacht. Als sie damit herausrückt, zeigt sich der gute Mann neben ihr konsterniert. Journalismus ist für ihn der letzte Dreck. Beruflich bewahrt er Landwirte vor Fehleinschätzungen. Er hält das für eine ehrliche Arbeit.

Wer will ihm widersprechen?

Erst surfen, dann Sex

Kate Aitken soll den Nachlass der Fotografin und Zeichnerin Miranda Brand sichten. Auftraggeber ist Mirandas Sohn. Theo wirkt auf Kate wie ein Magnet.

Sara Sligar © Abbey Mackay

Ozeanischer Dunstkreis

Das Haus ihres Arbeitgebers sitzt wie „ein Klecks Mayonnaise auf der Glatze eines hartgekochten Eis“. Der Anstrich lässt zu wünschen übrig. Wind und Wetter veranstalten im ozeanischen Dunstkreis ein Festival der Erosion.  Kate fiebert in Korrespondenzen, Krankenakten, Restaurant- und Hotelquittungen und beliebigen Notizen. Ein Staubmonster ergreift von ihr Besitz. Es nistet sich in Kate ein und flüstert ihr von innen ins Ohr, während die Gewissenhafte sich zu der Einsicht durchquält, zur Hebung eines Schatzes bestellt worden zu sein. Sie zieht Millionenwerte aus einem Müllberg der Achtlosigkeit.  

Erst surfen, dann Sex und dann ab ins Fischrestaurant; zum ersten Mal nach langer Zeit fühlt sich Kate wieder lebendig, und zwar in der Gesellschaft ihres unorthodoxen Arbeitgebers Theo. Die Archivarin performt Freizeit im Rahmen eines Nachlasssichtungsauftrags. Kate gräbt sich obsessiv durch die Hinterlassenschaften von Theos Mutter Miranda, die als Fotografin Weltruhm erlangte und sehr wahrscheinlich Selbstmord beging.

Jedenfalls wurde die Weltberühmte mit einer Schusswunde tot aufgefunden. Im Milieu der Künstlerin hält sich hartnäckig der Verdacht, Miranda sei ermordet worden. Als Täter in Betracht gezogen werden Theo, ein abgenutzter Liebhaber namens Kid Wormshaw und der drecksackhafte Kunstkaufmann Hal Eggers. 

Kate ist eine leidenschaftliche Leserin von Mirandas geheimen Aufzeichnungen. Doch im Augenblick fesselt sie Theo noch mehr.   

Sara Sligar, „Alles, was zu ihr gehört“, aus dem Englischen von Ulrike Brauns, hanserblau, 496 Seiten, 16,-

Hat das eigentlich schon mal einer festgestellt? Sara Sligar erzählt in ihrem Romandebüt von einer Frau, die sich auf eine ihr bis eben völlig unbekannte Familie wirft und alle aufsaugt.  

Ist Kate ein schicker Vampir?

„Die Einwohner … nutzten … Unterparagrafen zum Wassersystem und zur Bebauungsplanung, um drohenden Zuzug mithilfe unüberwindbarer bürokratischer Hürden zu vereiteln.“ © Jamal Texas Tuschick

Rauchzeichen der Hermetik

Callinas ist eine Boomerfestung, die Uneingeweihten wie ein unterversorgter Weiler erscheint: in einem Wüsten-mythischen Dahinten, wo sich Fuchs und Hase auf Nordkalifornisch Gutenacht sagen. Den zur Schau gestellten Hass auf Touristen lernt die Archivarin Kate als Rauchzeichen einer esoterisch-tribalen Hermetik zu deuten. Der Stamm formierte sich als Öko-Sekte in der Hochzeit von Charles Manson. Damals chopperte man in die Wüste, um da zu easyridern. Aber wem sage ich das? Nach einer kleinen Ölkatastrophe ergriffen Aktivist*innen von dem Flecken Besitz und hielten fortan Fremde davon ab, ihre Gemeinschaft zu erweitern.

„Die Einwohner … nutzten … Unterparagrafen zum Wassersystem und zur Bebauungsplanung, um drohenden Zuzug mithilfe unüberwindbarer bürokratischer Hürden zu vereiteln.“

Auf Schritt und Tritt trifft Kate eine abgedeckte Militanz. Alle sind in Abwehr vereint und einander nicht grün.  

Kate erfährt:

Nach Theos Geburt in den frühen Achtzigerjahren sucht Miranda Hilfe in der Notaufnahme einer psychiatrischen Krankenhausabteilung. In einem kostspieligen Prozess stellt man sie chemisch ein. Der hohe Preis für die künstliche Gesundheit erzeugt einen gewaltigen Produktionsdruck. Miranda muss liefern, um einem Trailerparkschicksal zu entgehen. Ihr Galerist spielt sich als Schamane mit Volkshochschuldiplom auf. Er will den Schöpfungsfuror seiner Goldeselin mit Atemanweisungen effizienter gestalten.   

...

Kate wohnt bei ihrer drakonisch-interventionistischen Tante Louise und deren schlüpfrigen Gatten Frank. Ihre Gastgeber führen ein solventes Landkreisleben. Kate muss die Neugier der alten Leute am Abendbrottisch befriedigen.

Staubmonster

Kates Tante Louise sieht aus wie ein „aufgefrischte Terrasse“. Ich assoziiere mit der Vergleich eine lackierte Fassade ... welken Schick ... den Mut für drei Groschen und eine Schnapsfahne, die ein großer Auftritt nach sich zieht. 

Louise ist die „härtere und glänzendere Version“ von Kates Mutter. Vermutlich hat eine Schwester Elvis Presley gehört und die andere Chris Barber. Pubertäre Entscheidungen ziehen die Lebensbahnen vor. Am Ende bestätigt sich alles in der Differenz zwischen Blue Suede Shoes und Petite Fleur; zwischen dem Gefühl, Real-Rock-True zu sein, eine für-wahre Person, oder anfällig für weich-gejazzte Vorspiegelungen.

Eine superbe Petite Fleur-Interpretation

Eingebetteter Medieninhalt

Zuzeiten exiliert Kate in Pawpaw’s Drinking Hole & Entertainment und demissioniert auf einem Barhocker.