MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.07.2020, Jamal Tuschick

#Metoo

By blaming the victim society is driving the getaway car for the perpetrator.

Wochenlang waren wir im Flow. Das heimliche Agens des Seelenvulkanismus verbarg sich in einer trivialen Koinzidenz: in einer gemeinsamen kleinstädtischen Kindheit. Ich verstand auf Anhieb, was Antje Joel antrieb. In Prügel* charakterisiert die Autorin drei historisch gewordene Typen auf der Leiste einer Boomer-Sozialisation. 

Antje Joel, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,-

Da ist eine desolate kriegstraumatisierte Mutter, die brutaler noch als alle möglichen männlichen Aggressoren auf die Tochter einwirkt, mit dem unbewussten Wunsch, sie zu brechen, um sie als lächerliches Wrack der Beliebigkeit männlicher Willkür auszuliefern. 

Die Tochter als Tribut

Das geschieht aus dem überwältigenden Bedürfnis, auf der Seite der Sieger mitzufahren. Die Mutter erträgt ihre von der Tochter gespiegelte Schwäche nicht. Sie will das, was ihr widerfahren ist, normalisieren, indem sie die Tochter aussetzt: dem alltäglichen Wahnsinn in einer auf Verdrängung basierenden Gesellschaft, deren einziger vitaler Strang eine völkische Sehnsucht ist, die im vermeintlich harmlosen Heimatkino aufploppt und auch von den Denkmäler stürzenden Fassbinders nachgebetet wird. Alle bauen mit am Rahmen einer fatalen Kontinuität. 

*

Da ist die Antje. Für sie bedeutet Folgerichtigkeit Folgsamkeit. Sie sucht nach einem Format für ihre Empfindungen und bleibt am Kitsch der Gazetten hängen. Sie durchschaut den in Notzucht geborenen Sadismus der Mutter nicht. Sie entnimmt dem grollenden Text bloß die Tipps, wie man die Gabel richtig hält und einen Rührkuchen akkurat anschneidet. Wie man sich zurücknimmt, wenn Männer am Tisch sitzen. Wie man in ihren Augen gefällig erscheint. Anstellig. Vorzeigbar. Bescheiden. 

*

Da ist P. P wie Picasso. Der typische Vorstadtcasanova. Sein Habitus behauptet, der Schauplatz seiner Wildereien sei viel zu klein für so einen Weltmann. In Wahrheit ist die Kleinstadt schon fast zu groß für den expatriierten Briten, der zwar besser Fußball spielt als andere Kreisligisten, aber eben doch nicht so viel besser, als dass er in einer höheren Spielklasse reüssieren könnte. Typischer geht es gar nicht. P. ist das klassische Jim-Beam-Cola-Orakel am verwegensten Tresen einer im Post-Nazimuff verranzten Munizipalität. Der Hecht im Karpfenteich. Die nach der neusten Mode im Trenchcoat gekleidete Dreigroschenkoryphäe. Der erheblich ältere Mann missbraucht Antje vom ersten Augenblick seines Interesses. Er trägt fett auf, brennt sein Discountfeuerwerk ab und fängt bald an zu schlagen. 

...

Sie wischt ihm hinterher, schmiert ihm die Stullen und erwartet ihn erwartungsvoll vor dem gedeckten Tisch. Das Schnitzel glänzt in der Pfanne, wenn er von der Arbeit kommt und sich wieder den halben Tag herabgesetzt und unter Wert gehandelt fühlte. Sie gibt ihm Stärke, indem sie ihn sich stark fühlen lässt. Sobald er sich aufgeladen hat, zahlt er ihr die Liebe mit Demütigungen heim.

Das ist seine Domäne, die Herrschaft über ihre Schwäche, zu der sich nicht eine Variante aufzählen lässt.

Wir reden über A. und P. 

A. wie Antje

Antje ist minderjährig und geht noch zur Schule. Das Gefälle zwischen Mädchen und Mann fände ohne eine ins Allgemeine der Gesellschaft ausgreifende, besonders aber die Eltern und die Lehrer belastende Mischung aus Gleichgültigkeit und Komplizenschaft keinen Ankerplatz. Im Gespräch sagte die Autorin:

By blaming the victim society is driving the getaway car for the perpetrator.

Von Antje Joel

Vom Umgang mit der Gewalt in Deutschland

Antje Joel @ Martha Faye

Lieber Jamal Tuschick,

nun sind ein paar seltsame  Monate ins Land gegangen, ich hoffe, es geht Ihnen gut.

Ich habe viel Neues lernen und weiter Erfahrungen sammeln dürfen.

Vom Umgang mit der Gewalt in D

In Deutschland gibt es praktisch keine unabhängige Forschung zum Thema Gewalt. Die letzte ernstzunehmende Studie hat die Gewaltforscherin Dr. Monika Schröttle durchgeführt: 2004. Das darf überraschen, wenn man sieht, dass Deutschland  bei Frauenmorden durch den Ex-/Partner europaweit mit an der Spitze liegt. Vor England, Frankreich, Italien. Und noch vor dem ewigen schlechten Beispiel Spanien.

Kampagnen beschränken sich auf die Opfer. Vereinzelte wenden sich and die Mitbürger, Gewalt zu erkennen und anzuzeigen (was, vor dem Hintergrund fehlender Aufklärung problematisch sein kann). Parallel zur fehlenden Forschung finde ich keine einzige Kampagne, die um echte Aufklärung bemüht wäre, beispielsweise indem sie die Mittäterschaft der Gesellschaft zum Thema macht.

Ohne Frage, es ist wichtig, dass den Frauenhäusern – auch über Kampagnenspenden - Geld zur Verfügung gestellt wird. Aber wenn sich das Engagement jeweils aufs Geldspenden beschränkt, hält (auch) das die Frauen in Abhängigkeit gefangen. Und ich frage mich: Hat auch das System? 

Ich habe mich durch die Presseberichterstattung zu häuslicher Gewalt gelesen. Unter anderem im SPIEGEL. Den Link zu dem Beitrag der Kollegin Julia Jüttner und mein Email an sie (und an die Chefredaktion) lesen Sie später. Auch darauf gab es keine Antwort.

Schade, wenn das einfach so versackt. Haben Sie eine Idee, wie wir es öffentlich machen können? Ich würde mich freuen.

Ich habe auch noch ein (selbstverständlich unbeantwortetes) Mail an den Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung zu bieten. Hänge ich auch an.

Beste Grüße,

Antje Joel

https://www.spiegel.de/panorama/justiz/axtmord-prozess-von-limburg-was-trieb-den-ehemann-zur-tat-a-48f1887f-b705-412c-83d0-f8e1472e6a3c

Liebe Frau Jüttner,

im Rahmen meiner Masterarbeit zu häuslicher und sexueller Gewalt an der Universität in Worcester bin ich auf Ihre Berichterstattung zu dem Tötungsdelikt in Limburg gestoßen. Ich bin außerdem Journalistenkollegin und habe im Januar bei Rowohlt mein Buch “Prügel – Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt” veröffentlicht.

Zu dem Fall, beziehunsgweise wie er sich darstellt, und wie über ihn berichtet wird (nicht nur von Ihnen), lässt sich vor dem Hintergrund internationaler Forschung und Studien zu häuslicher Gewalt einiges sagen. Schwer, zu entscheiden, wo man anfangen soll.

“Nicht nur die Verteidigung fragt sich: Warum verlor Imad A. derart die Kontrolle? Was geschah in den Wochen davor? Wie berichtet man neutral über einen öffentlichen Femizid - bei dem der Angeklagte seine Sicht der Dinge schildern, das Opfer aber nicht mehr gehört werden kann?”

Ja, wie berichtet man neutral darüber, wenn ein Mann seine Ex-/Partnerin tötet? Das ist in der Tat schwer. Interessant finde ich den Anspruch der Presse, hier neutral berichten zu müssen oder zu wollen. Nach dem Motto “It takes two to Tango!”

Was geschah in den Wochen davor? Wie hat die Frau den Mann provoziert und so womöglich zu ihrer Tötung beigetragen? Warum verlor Imad A. derart die Kontrolle? Ja, verlor er denn die Kontrolle? Die Forschung lehrt uns, das Gegenteil ist der Fall: Männer, die ihre Ex-/Partnerin töten, üben damit das größtmögliche Maß an Kontrolle über sie aus. Oft dann, wenn sie die zuvor ausgeübte Kontrolle zu verlieren drohen: 75% der schwersten Übergriffe häuslicher Gewalt, Mord inklusive, werden verübt, nachdem die Frau den Täter verlassen hat. Oder während sie plant, ihn zu verlassen.

Der verlassene Imad A. heuerte einen Privatdetektiv an, um den Aufenthaltsort von Frau und Kindern herauszufinden. Das ist Kontrolle. Er wollte, dass seine Frau zu ihm zurückkehrt. Er forderte das Sorgerecht für seine Kinder. Sein Anwalt nennt das “lebensbejahend und prosozial”. Als gäbe es gar keine andere Möglichkeit, Imad A.’s Forderungen zu deuten. Studien aus den USA und England zeigen: Gewalttäter versuchen, nachdem sie verlassen wurden, über Kontakt mit den Kindern und das Sorgerecht ihre Familie weiter zu dominieren. Oft erfahren sie darin von Anwälten und den Gerichten Unterstützung, sind also erfoglreich. Das ist Kontrolle. Imad A. kaufte Wochen zuvor Beil und Axt. Er mietete einen Wagen, packte Axt und Beil in den Koffereraum und fuhr zum Tatort. Zu einer Zeit, zu der er sicher sein konnte, seine Frau anzutreffen. Das ist Kontrolle.

Sie fragen sich, ob Imad A. tatsächlich schon vorher gewalttätig war. Da er das vehement bestreitet.

Grundsätzlich ist mehr als unwahrschweinlich, dass sein Gewaltpotential an jenem Tag von Null auf Hundert hochschnellte. Es ist untypisch. Typisch ist, dass ein verlassener Gewalttäter zum ultimativen Mittel greift. Siehe oben. Es gibt (von der Flucht seiner Frau ins Frauenhaus und den Aussagen der Mitarbeiterinnen dort ganz abgesehen) zudem Hinweise auf sein Denken, auf seine Einstellung zu seiner Rolle als Mann/”Familienvorstand” und zu der Rolle seiner Frau. Einstellungen, die sein Gewaltpotential gegenüber seiner Frau maßgeblich erhöhen. Sie hatte ihm alles zu verdanken, sagte er z.B. seiner Psychotherapeutin. Ohne ihn war sie nichts (Das ist, sie werden es ahnen, Kontrolle).

Und dann hat sie ihn  verlassen.

“Da war ich zunächst auf seiner Seite”, hat seine Therapeutin Presseberichten zufolge gesagt.

Mich graust die Vorstellung, wie sie ihn “Tage  vor der Bluttat” mit diesem Auf-seiner-Seite-sein in seinen Einstellungen bestätigte. Und so seine Disposition zur Gewalt verstärkte. Ähnlich dem Detektiv, der die Frau für ihn ausfindig machte. Ähnlich dem Anwalt, der sagt: “Hätte er das Sorgerecht bekommen, wäre das nicht passiert!”

Was ist vorher passiert? Was hat ihn dazu getrieben?

 Basierend auf Forschung und Studien sage ich: Dazu getrieben, hat Imad A. sich selbst. Er hat sich, wie rund 150 Männer jedes Jahr in Deutschland, die Erlaubnis erteilt, seine Frau zu töten. Aber es gibt viele Faktoren (und Menschen), die diese Männer auf ihrem Weg bestätigen. Vorher und nachher.

Solange wir das nicht ändern, ändern sich auch nicht die Zahlen.

Herzliche Grüße

Antje Joel

https://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Berichterstattung-ueber-Femizide-Sachlich-objektiv-und-distanziert

Lieber Herr Emendörfer,

Mit Interesse habe ich Ihre Einlassung zu Bettina Wilperts Beitrag gelesen. Ich bin Journalistenkollegin und habe im Januar bei Rowohlt “Prügel – Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt” veröffentlicht. Ich erzähle darin zum Teil meine Geschichte, zu einem größeren Teil beschäftige ich mich mit internationalen Daten und Studien zu häuslicher und sexueller Gewalt. Derzeit bereite ich meine Masterarbeit zum Thema vor.

Lassen Sie mich gleich bei der “sachlichen, objektiven Berichterstattung” einsteigen, der Sie sich verschrieben haben. Eine Forderung, die, ich mutmaße hier, wohl die meisten von uns Journalisten an sich stellen. Und an der wir täglich scheitern.

Eine neutrale Berichterstattung zu Frauen-“Tötungen” (rund 150 Frauen werden allein in Deustchland in jedem Jahr von ihrem Ex-Partner getötet), wie soll die aussehen? Indem wir “tiefer in den Hergang eines Geschehens eindringen”? Sprich: die “Gründe” für eine solche Tat ausleuchten? Und welche Gründe könnten das sein, die so eine Tötung “neutral” machen? Wenn wir nicht von “sie entschuldigen” sprechen wollen?

Tatsache ist, lieber Herr Emendörfer, dass so eine “neutrale” Berichterstattung schon allein in ihrem Anspruch nach Neutralität alles andere als neutral ist: Vielmehr “neutralisiert” sie das Geschehen. Und “normalisiert” damit die Gewalt. Ich lasse Ihnen gern unabhängie internationale Studien zukommen, die sich ausgiebig damit beschäftigen, wie sich Politik, Gesellschaft und, allen voran, die Medien über Sprache und Art der Berichterstattung zu Verbündeten der Täter machen. 

Von diesen Betrachtungen abgesehen: Wo ist die “Sachlichkeit und Objektivität” in folgendem Absatz?

In einer Berichterstattung allerdings sagt das nichts über seinen kulturellen Hintergrund und die damit möglicherweise verbundenen Ansichten des Zusammenlebens von Mann und Frau, die mittelalterlichen Vorstellungen entspringen können.

“Mittelalterlich”, lieber Herr Emendörfer, und zwar im Sinne des Wortes, ist die Vorstellung, dass nur die “Anderen” veraltete und/oder schädliche Vorstellungen hegen. Mit einem Besuch in einer gutdeutschen Kneipe, auf dem Fussballplatz oder mit dem Studium deutscher Leserkommentare unter Artikeln zu “Gewalt gegen Frauen” lässt sie sich diese Annahme leicht kurieren. Londoner Forscher haben zudem 2019 eine Studie herausgegeben zur Darstellung muslimischer Männer in deutschen Medien. Sie kommen darin zu dem Schluß, dass die deutschen Mainstream Medien über muslimische Männer massgeblich im Zusammenhang von Gewalt, speziell Gewalt gegen Frauen und sexueller Gewalt berichten. Und so ein schiefes Bild schaffen. Ich hänge Ihnen die Studie hier an.

Unabhängige internationale Studien lassen keinen Schluß darauf zu, dass Gewalt gegen Frauen unter Immigranten häufiger zu finden wäre. Vielmehr lehrt uns die Forschung, dass Gewalt bei Immigranten mehr hervorgehoben wird, siehe oben. Und (auch) darum verstärkt wahrgenommen wird. Ich habe gerade ein wissenschaftliches Papier zu dem Thema verfasst.

Jede dritte Frau in Deutschland erfährt Gewalt von ihrem Ex-/Partner. Jeden zweiten Tag tötet hier ein Mann seine Partnerin oder Expartnerin. 70 Prozent der häuslichen Gewalt-Täter in Deutschland haben einen deutschen Paß.

Solange wir diesen und anderen Fakten nicht ins Auge sehen, werden sich die Zahlen nicht ändern. In diesem Sinne: “Distanz” ist fehl am Platz.

Herzliche Grüße,

Antje Joel