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30.07.2020, Jamal Tuschick

#MeeToo

Eine gute Bekannte, die zudem lange Jahre ein Frauenhaus geleitet hat und deren Hilfe ich damals – immer mal wieder – in Anspruch nahm - sagte neulich: "Bei P.* habe ich zum ersten Mal wirklich gesehen, worum es ging: Da war dieser Mann, der von dieser starken Frau fasziniert war. Der sich mit dieser Frau schmücken und mit ihr glänzen wollte. Aber das einzige, was er in seiner Sozialisierung mitbekommen hatte, dass er diese Frau besitzen und irgendwie dominieren musste."

Das haben viele der Beziehungen, in denen Männer Gewalt ausüben gemein.

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*Ja, er hat Charme. Sein gewinnendes Wesen kontrastiert die Holzschnittartigkeit der Dutzendtypen in dem kleinstädtischen Milieu, das die Kulisse zu Antje Joels Auseinandersetzung mit einem gewalttätigen Mann liefert. P. erscheint vor Ort deplatziert. Der Bezirksligastürmerstar aus Liverpool wirkt trotz seines miesen Jobs in einer Putzkolonne zu groß für das Kaff weit weg von allem in einer deutschen Provinz zwischen Ostwestfalen, Südniedersachsen und Nordhessen. P. gräbt die Schülerin A. in einer Diskothek an. Er zeigt sich spendabel und spielt sich als Beschützer auf. Zugleich testet er A.s Grenzen. Sie „duckt sich unter seinen Neckereien“. Die gesellschaftlichen Forderungen konfrontieren A. mit einer Doublebind-Erfahrung. Einerseits darf sie nicht verfügbar sein, andererseits muss sie dem Vorwurf der „Spaßbremse“ vorauseilend begegnen. P. spielt auf dem Klavier. Er untergräbt A. und „trägt sie ab“.

So beginnt eine langjährige Missbrauchsgeschichte, die Antje Joel in ihrem Buch „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“ verarbeitet hat. Sie wurde zum Gegenstand einer Diskussion in Tuschicks Textland. Sie kulminiert in der Erkenntnis:

By blaming the victim society is driving the getaway car for the perpetrator.

Gewalt

Antje Joel spricht weiter über ihre Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Missachtung weiblicher Integrität

© Jamal Texas Tuschick

Lieber Jamal Tuschick,

vielen Dank. Ich meine: Das Opferbild ist zu einseitig. Das ist eines der Probleme in unserer Gesellschaft mit dieser Art der Gewalt gegen Frauen. Die Frau hat in den folkloristischen  Erzählungen von häuslicher Gewalt ihre feste Rolle als die Schwache, ausschließlich Unterwürfige.

Die Wirklichkeit ist komplizierter.

Eine gute Bekannte, die zudem lange Jahre ein Frauenhaus geleitet hat und deren Hilfe ich damals – immer mal wieder – in Anspruch nahm - sagte neulich: “Bei P. habe ich zum ersten Mal wirklich gesehen, worum es ging: Da war dieser Mann, der von dieser starken Frau fasziniert war. Der sich mit dieser Frau schmücken und mit ihr glänzen wollte. Aber das einzige, was er in seiner Sozialisierung mitbekommen hatte, dass er diese Frau besitzen und irgendwie dominieren musste.” Das haben viele der Beziehungen, in denen Männer Gewalt ausüben gemein.

Aber es passt nicht in die Opfer-Blaupause unserer Gesellschaft

Ein Satz, den Frauen immer wieder begütigend hören: “Aber, bei allem Schlimmen, diese Erfahrung hat dich doch auch zu der gemacht, die du heute bist. Es hat dich STARK gemacht.”

ARE YOU KIDDING ME?!

Ich WAR stark! Und dieser Mann und seine Mittäter haben mir sehr viel von meiner Stärke GENOMMEN! Das versuchen letztere heute noch gern, wenn sie sagen: “Aber du must ja auch ganz schön doof gewesen sein, dass du dich auf den einglassen hast.” Oder wenn die üblichen “Experten” (Psychologen, Therapeuten, etc.) sich auch weiterhin nicht entblöden unter jeden Artikel zu häuslicher Gewalt zu schreiben: “Das sind Frauen ohne Selbstbewusstsein.”

Das sind Frauen HINTERHER. Wenn diese “Experten” die Frauen (und auch dann nur einen Teil von ihnen) überhaupt erst zu Gesicht bekommen. Ein (hoffentlich nur temporär) zerstörtes Selbstwertgefühl ist das Ergebnis des Zusammenlebens mit einem Gewalttäter. Es nicht Voraussetzung dafür, an so einem Mann zu “geraten”.

In meiner zweiten, vornehmlich von psychischer Gewalt geprägten Ehe habe ich nicht mit den Schnitzeln auf den Mann gewartet. Ich habe als Selbstständige das Geld für zuletzt acht Personen verdient, während der Mann die Schnitzel briet. Das Geld überließ ich hauptsächlich seiner Verwaltung. Ich überließ es ihm nicht aus Schwäche. Sondern, weil es “politisch korrekt” war. Weil ich über die üblichen Bemerkungen von außen verstanden hatte, dass ich ihm mit meiner Selbstständigkeit schon genug antat: “In der Beziehung hat sie die Hosen an, haha!” – “Sie kümmert sich gar nicht um ihn und die Kinder. Der Arme!” Mit dieser Hilfe konnte sich auch dieser Mann als Gewalttäter etablieren.

Ich hatte verstanden: Als Frau kann ich nie schwach genug und nie stark genug sein. Und zwar beides gleichzeitig. Das ist die Teufelei.

Herzlich

Antje Joel

P.S.

... zum niemals Schwach-und-stark-genug-sein-können noch ein Beispiel: Geich nach Erscheinen des Buches lud mich eine bekannte Talkshow ein. Feministische Moderatorin. Zuvor sollte ich ein kleines Video von mir schicken, das meine Talk-Tauglichkeit beweist. Regienanweisung: “Kämpferisch, aber sympathisch! Und bitte nicht unversöhnlich!”

Ich habe ein anderes Video geschickt. Sie luden mich trotzdem ein. Und ein paar Tage darauf gleich wieder aus: “Das Thema ist einfach zu schwierig.”