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31.07.2020, Jamal Tuschick

„Ob etwas real war, spielte schließlich keine Rolle mehr. Entscheidend war, dass es sich real anfühlte.“

Identität ist eine Ware jetzt auch im digitalen Datenhandel. Christopher Wylie erzählt das so, als müssten wir uns ob dieser Kunde überschlagen. Wir tanzen nach der Algorithmen-Pfeife. Der Autor bezeichnet Silicon Valley als „Epizentrum einer Wahrnehmungskrise“. Als Greenhorn analysierte Wylie Obamas Wahlkampf. Der Herausforderer setzte auf Kanäle, die politisch so noch nie genutzt worden waren. Obama startete eine Graswurzler-Revolution, die eine Basis für basales Engagement schuf. Man konnte sich mit einer kleinen Sache ohne nennenswerte Reichweite einklinken und wurde zielgruppengerecht versorgt.

„Das Rückgrat der Kampagne waren Daten.“

Deren Bewertung bestimmte das Vorgehen. Man kaperte das reale Leben mit künstlicher Intelligenz.

Full Time Whistleblowing

„How Trump Consultants Exploited the Facebook Data of Millions“, New York Times Titel vom 17. März 2018

Wylie unterscheidet Nutzlast von Träger- und Targeting-Systemen. Im Informationskrieg ist die Nutzlast nicht kinetisch wie etwa der Sprengstoff einer Rakete. Sie kann ein Gerücht sein, das mit einem mehrheitsfähigen Narrativ koinzidiert. © Jamal Texas Tuschick

Steve Bannon glaubt, so kolportiert es Christopher Wylie, dass die „Demokraten Minderheiten für ihre politischen Zwecke nutzen“. Bannon unterstellt ihnen ohne Ablass die Limousinen-Variante. Man plädiert für eine schrankenlose Pädagogik, während man die eigenen Kinder auf eine Privatschule schickt.

Privilegierte, die ihre Interessen mit den Stimmen von Unterprivilegierten durchsetzen: das sind Demokraten, fragt man Bannon. Übrigens ist er das erste Opfer der Desinformationspolitik von Cambridge Analytica. Dem amerikanischen Ermöglicher der mit britischen und amerikanischen Regierungsstellen vernetzten Spy Agency bindet man einen englischen Bären auf. Wann immer er von seinen Protegés hofiert zu werden wünscht, baut man ein potemkinsches Büro in Cambridge auf, mit rasch gecasteten Angestelltendarsteller*innen, die vor Rechnern, die nicht angeschlossen sind, so tun als ob; manchmal ohne Englisch zu können.

Christopher Wylie, „Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“, auf Deutsch von Gabriele Gockel, Claus Varrelmann, Bernhard Jendricke, Thomas Wollermann, Dumont, 416 Seiten, 24,-

„Ob etwas real war, spielte schließlich keine Rolle mehr. Entscheidend war, dass es sich real anfühlte.“

Mit den Simulationen schmeichelt der reich geborene CA-Chef Alexander Nix dem Besucher, der sich für einen Philosophen hält und einem Cambridge-Phantasma zuneigt. Es gibt keinen anderen Grund für den namensgebenden Fake-Standort, CA residiert höchst komfortabel in Londoner Sälen mit Marmorkaminen, als Bannons Bearbeitung. Man manipuliert den Massenmanipulator und steuert ihn in die Zufriedenheit. Da stört er am wenigsten.

Nix erkennt die inneren Choreografen der Mächtigen. Selbst ein Mann wie der Milliardär Robert Mercer, dessen Spielzeug CA in der Regie seiner Tochter Rebekah ist, reagiert auf den psychologischen Schenkeldruck des unerträglich sexistischen und snobistischen Managers, der seinen britischen Oberschichtsdünkel als Markenzeichen trägt.

Einst untertitelte die NZZ:

„Rebekah Mercer arbeitet hinter den Kulissen an einer Neuausrichtung der konservativen Politik in den USA. Wer sie ist und was sie will, das allerdings bleibt ein Enigma.“

Wylie weiß mehr. Rebekah Mercer zählt sich selbst zu den Unbedingten einer konservativen Revolution (die eben auch eine Revolte gegen das republikanische Establishment inkludiert) mit Bio & Yoga. Sie führt sich auf wie die Königin von New York. Ihr Hof ist ein aus sechs Wohnungen zusammengeschnittenes Apartment. 

Wylie schildert Rebekah Mercer als schicke Marionette; eine Puppe in der Hand des Global Players Mercer, der mit Hilfe von CA einen Blick in die Zukunft zu werfen gedenkt.

Das ist der Plan:

Kann man erst das Verhalten von Millionen Verbrauchern zuverlässig voraussagen, lässt es sich auch bestimmen. Der Witz dabei: Die Manipulierten erkennen ihre Lage nicht. Sie halten sich für Autonome.

Christopher Wylie trifft Steve Bannon

Sie heißen Narrative Networks und Social Media in Strategic Communications. IhreAdministratoren bauen Fallen, in denen virale Bedrohungen ihre Virulenz verlieren.

Sie übernehmen den virtuellen Raum, in dem sich das Ziel bewegt. Sie trennen das Ziel von seiner Umgebung: auf der Basis soziokultureller Analysen, die es den Anwender*innen erlauben, Reaktionen der kontaminierten Milieus vorauszusagen.

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Als Marktforschungsinstitute getarnte Militärdienstleister erledigen für Regierungen die Drecksarbeit. Geschieht dies in Afrika, ergeben sich Beispiele für digitalen Kolonialismus. Korrupte Regimes erlauben die Auswertung sämtlicher über Mobilfunkanbieter und Soziale Medien generierten Daten, um das Wahlverhalten der Bevölkerung zu ihren Gunsten zu manipulieren. Die illegalen Wahlkämpfe finanzieren sie mit Steuern.

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Wylie erkennt, dass Politik und Mode „Erscheinungsformen desselben Phänomens“ sind. Die Gemeinsamkeiten bestimmen Zyklen von Kultur und Identität. Das sind Trends, deren Ästhetiken signalhaft das Verhalten steuern. Nehmen Sie den eben verstorbenen Norbert Blüm. Jahrzehnte erschien er als Garant des unabhängig-aufrechten Gewerkschaftskonservativen. Wer würde seine Performance heute als Glaubwürdigkeitsgipfel feiern?

„Es hatte uns beide ins politische Feld geschlagen, aber unsere Leidenschaft war die Kultur.“

Die beiden Außenseiter mit einer Vorliebe für kognitive Verzerrungen und dem Zeug zur Massenmanipulation begegnen sich zuerst in Cambridge. Wylie besucht Bannon in einer Luxussuite. Der Amerikaner kommt ihm zuerst vor wie ein irrer Gebrauchtwarenhändler in einem Schmutzfilm. So imprägniert. Bald findet er Bannon „cool“ als Superausgabe des heterosexuellen weißen Mannes aka Dinosauriers.

Wylie erlebt einen sendungswütenden Kulturrevolutionär auf der reaktionären Schiene. Bannon will die konservative Wende via Kultur. Viele seiner Anhänger sind unattraktive junge weiße Männer, die Feminismus als Bedrohung erleben.

Beta Uprising

Den in einer Dauerentladung ewig toxischen Betamännchenzorn will Bannon melken. Betatypen gibt es in allen Lagern. Das Beta-Merkmal wirkt sich gravierender aus als Präferenzen. Bietet man der global aktiven Gruppe Gelegenheiten sich abzureagieren und aufzuwerten werden ihre Akteure, wie an Fäden gezogen, unter dem entsprechenden Banner marschieren. Bannon versteht das Phänomen als Vulgärpsychologe. Wylie weiß, wie die Kampagne zu führen ist. Beide sind Virtuosen der Verfügbarkeitsheuristik. 

Ein anderes Beispiel. Ein republikanischer Gouverneur zeigt Auffälligkeiten, die ihn schrullig erscheinen lassen. Konservative wollen keine schrulligen Amtsträger. Wylie und sein Team analysieren die traditionelle Wählerschaft der Republikaner nach dem Fünf-Faktoren-Modell. In der knappsten Zusammenfassung ergibt sich ein Zusammenspiel von geringer Offenheit und großer Gewissenhaftigkeit. Mit diesem Wissen überfährt das Team die Abneigung gegen skurrile Daseinsformen. Es kreiert den Slogan: „Sie mögen mit mir nicht einer Meinung sein, aber immerhin kennen sie meinen Standpunkt.“

Die Ansage harmoniert mit republikanischer Ordnungsliebe. Fazit: Die Manipulatoren können Einstellungen umdrehen, wenn sie ihre Botschaften den psychometrischen Testergebnissen anpassen.

In Prozessen der Verfeinerung stellt Wylie sich die Frage: Gibt es Leute, die schwulenfeindliche Kirchenorganisationen unterstützen und (jetzt nicht trotzdem denken) in Bioläden einkaufen?

Wylie besucht eine Frau, die Homophobie mit Christentum und Yoga kombiniert. Sie bringt den Analytiker auf Ideen. Sie verwendet eine Reihe von „mentalen Abkürzungen“, die sie in die gesellschaftliche Mitte zurückkatapultieren; dahin, wo die Leute vor Fox News auf der Couch am Rad der Wut drehen. Dabei erwerben sie eine Gruppenidentität an ihren Interessen vorbei. Kritik an reaktionären Positionen und deren Repräsentanten betrachten sie als Angriff auf ihre Identität.

Christopher Wylie, 1989 in British Columbia, Kanada, geboren, wurde zum »ersten Whistleblower der Millennials«. Seine Enthüllungen, die den ungezügelten Missbrauch von Daten aufdecken, erschütterten die Welt und führten zur größten multinationalen Untersuchung zu Datenkriminalität aller Zeiten. Er studierte Rechtswissenschaften an der London School of Economics, bevor er sich in die Bereiche Cultural Data Science und Fashion Trend Forecasting begab. Er lebt in London.