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04.08.2020, Jamal Tuschick

In Zoë Becks dystopischem Deutschland fighten Aktivist*innen gegen die repressive Toleranz und den demokratischen Substanzverlust einer von Pandemien und anderen Katastrophen mürbe gemachten Demokratie. „Paradise City“ besitzt eine prophetische Dimension. Beck zeigt im Buch was passiert, wenn Akteure/Phänomene den Staat angreifen, die mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht zu bekämpfen sind, wenn vielen in einem permanenten Ausnahmezustand weichgespülter Totalitarismus super plausibel erscheint.

Permanenter Ausnahmezustand

In einem utopisch-waldreichen Deutschland covert die von ihrem (nicht mit ihr verheirateten) Chef schwangere Investigativ-Journalistin Liina Järvinen ihre Absichten mit der Performance einer zurückhaltenden Wissenschaftlerin, die beinah schüchtern wirkt. Die Protagonist*innen der Unwissenheit gehen der Versierten auf den Leim. Sie produzieren sich vor der scheinbar wirklichkeitsflüchtigen, in Wahrheit aber mit allen Wassern handfester Recherche gewaschenen Aktivistin.

Apokalyptisch verschobener Peak in grassierenden Wäldern. In Zoë Becks neuem Deutschland schlägt die Natur zurück. © Jamal Texas Tuschick

Uckermark-Hillbillys

„In „Paradise City“ sind wir ungefähr hundert Jahren weiter“, erklärt Zoë Beck. „Wir haben schon einige Pandemien hinter uns, die Bevölkerung ist ziemlich zusammengeschrumpft.“ 

Eingebetteter Medieninhalt

Sie nennt sich Katrin Müller und gibt sich als Zoologin aus. Mit dieser Legende überzeugt Liina Järvinen, „Rechercheurin bei einem der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenportale“ aka von ausländischen Einflussnehmer*innen Fanatikerin der Wahrheitspresse, Uckermark-Hillbillys, die sich an ihren Bierflaschen festhalten. Sie haben alles verloren, was einmal zu einem kommoden ländlichen Lebensstil gehörte. In ihrer Gegenwart verlieren Wölfe, Bären und Schakale ihre Scheu vor der Bestie Mensch. Dem Spitzenprädator wurde der Rang abgelaufen. Nun hinkt er hinterher.

Zumindest ist das die Story, mit der Tierschutzbestimmungen unterlaufen und Waffengesetze entschärft werden (sollen). Ohnehin scheint alles Staatliche nur noch eine aufschiebende und hinhaltende Wirkung zu haben.  

Zoë Beck, „Paradise City“, Thriller, Suhrkamp, 280 Seiten, 16,-

Aus der Ankündigung

Liina wird in die Uckermark geschickt, um eine, wie sie glaubt, völlig banale Meldung zu überprüfen. Dabei sollte sie eigentlich eine brisante Story übernehmen. Während sie widerwillig ihren Job macht, hat ihr Chef einen höchst merkwürdigen Unfall, der ihn fast das Leben kostet, und eine Kollegin wird ermordet. Beide haben an der Story gearbeitet, die Liina versprochen war. Anfangs glaubt sie, es ginge darum, ein Projekt des Gesundheitsministeriums zu vertuschen, aber dann stößt sie auf die schaurige Wahrheit: Jemand, der ihr sehr nahesteht, hat die Macht, über Leben und Tod fast aller Menschen im Land zu entscheiden. Und diese Macht gerät nun außer Kontrolle ...

Liina reist mit einem Leih-eMobil und der Bahn. Das Smartphone hat sich zum „Smartcase“ gemausert. Gefilmt wird mit einer Brillenkamera. Die Environment-Settings siedeln dicht genug an aktuellen Milieus, um die Gesamtanlage realistisch aussehen zu lassen. Ein paar apokalyptisch verschobene Peaks reichen, um den Donnervogel Wüstewelt heraufzubeschwören.  

Die Wölfe sind wieder unter uns © Jamal Texas Tuschick

Liina braucht ein neues Herz. Die Investigativ-Journalistin der unabhängigen, halb im Untergrund verankerten Informationsplattform Gallus, so genannt nach dem legendären Frankfurter Gallus Viertel, lebt am Anschlag. Ihre Schöpferin lässt sie durch eine Zukunft turnen, in der das Rheinmaindelta sich zu einer Stadtlandschaft ausgewachsen hat, während in anderen bundesrepublikanischen Regionen der Wald und seine angestammten Bewohner*innen zurückgekehrt sind. Liina recherchiert in der zurückgekehrten Wildnis am Rande von Megapolis, wo angeblich Goldschakale zu Menschenfresser geworden sind.

Solche Geschichten kursieren nach einem perfiden Plan. Sie werden von regierungsnahen Stellen lanciert, um den Tier- und Naturschutz zu unterminieren. 

Sie ist von Yassin Schiller schwanger. Der Politologe wird dann von einem Gleis auf dem Frankfurter Hauptbahnhof gestoßen. Die ersten Ermittlungen weisen auf eine von langer Hand geplante Tat hin.

In Becks dystopischem Deutschland fighten Aktivist*innen gegen die repressive Toleranz und den demokratischen Substanzverlust einer von Pandemien und anderen Katastrophen mürbe gemachten Demokratie. „Paradise City“ besitzt eine prophetische Dimension. Beck zeigt, was passiert, wenn Akteure/Phänomene den Staat angreifen, die mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht zu bekämpfen sind, wenn vielen in einem permanenten Ausnahmezustand weichgespülter Totalitarismus super plausibel erscheint.

Zoë Beck, geboren 1975. Schule und Studium in Deutschland und England. Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Amanda Lee Koe und James Grady), Verlegerin (CulturBooks), Synchronregisseurin für Film und Fernsehen. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschen Krimiautor*innen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis, ausgezeichnet.