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05.08.2020, Jamal Tuschick

Überlebensgeschmeidigkeit

Heather Morris erzählt, wie ein Gebrochene aufersteht und zum zweiten Mal in ihrem Leben Gestalt annimmt. In Cilka erfüllt sich das Versprechen der wundersamen Wege. Ihre Stärke zeigt sich als göttlicher Überwurf.

Spliss der Verdammnis

Der Roman beginnt mit dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Die Tschechin Cecila „Cilka“ Klein erlebt ihre Befreiung in Auschwitz-Birkenau als eine persönliche Begegnung mit der Roten Armee. Ein polyglotter Armist versucht ihr klarzumachen, was für Cilka nur schwer zu verstehen ist.

Du bist frei. Hier, der Mantel deiner Menschenwürde; soll ich dir hineinhelfen?

Die Modalitäten einer zivilen Existenz liegen für Cilka hinter den sieben Nebelbergen. Sie gehören in ein Märchen, das gegen den Horror nicht hilft.

Die Vergangenheit frisst die Gegenwart. Alles stinkt nach Tod. Der Spliss der Verdammnis zerstört die geheimsten Widerstandslager.

Cilka hat recht, wenn sie sich gegen jede Erwartung abschirmt. Sowjetische Spionageabwehragent*innen filzen das Lager. Träger*innen blauer Schulterstücke sondieren die Lage mit Stalins Misstrauen als Auftrag und dem Hass auf den Staatsfeind Deutschland in den Augen. Ihnen erscheint Cilka zu gut in Schuss im Vergleich.

Ist sie eine Kollaborateurin?  

Tage nach der Befreiung bestellt man Cilka zum Verhör.  

Aus der Ankündigung

Nach dem weltweiten Erfolg des Bestsellers „Der Tätowierer von Auschwitz“ das neue Buch der Autorin Heather Morris - 1942: Cecilia Klein ist sechzehn Jahre alt, als sie in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert wird. Fasziniert von ihrer Schönheit, trennt der Kommandant des Lagers sie von den anderen Gefangenen und missbraucht sie regelmäßig. Cilka lernt schnell, dass ihre unfreiwillige Machtposition Überleben bedeutet. Doch nach der Befreiung von Auschwitz wird Cilka von den Russen als Kollaborateurin angeklagt und in das brutale Gefangenenlager Workuta in Sibirien geschickt. Dort steht sie vor neuen und gleichzeitig schrecklich vertrauten Herausforderungen. Unter unvorstellbaren Bedingungen muss sie die Kranken im Lager versorgen. Doch sie stellt auch fest, dass in ihrem Herzen trotz allem Elend noch Raum für Liebe ist.

Cilka bleibt eine Gefangene. Sie wird nach Krakau verlegt und zurückgeworfen auf die Routinen des stinkenden Grauens. In ihrem erkalteten Herzen ist kein Platz für Selbstmitleid. Es geht doch einfach nur so weiter wie gehabt. Cilka immunisiert sich auf dem Schwebebalken der von Erschöpfung beflügelten Gedankenlosigkeit. Das Schlimmste hat sie jedenfalls hinter sich. Man stirbt schließlich nicht zweimal.

Die Welt erlebt die Gequälte als eine Schemen- und Scherenschnitt-Konfiguration.

So flüchtig die Urteilsfindung sein mag, Stalin besteht auf unterschriebene Geständnisse.

„Gegen Hitler sein hieß, über Stalin zu schweigen.“ Heiner Müller

Die Rechtspflege obliegt dem NKWD. Dieses Institut nimmt Maß am ersten sowjetischen Geheimdienst. Verbündete werden mit dem „Tscheka“-Terrorstil vertraut gemacht. „Tscheka“ steht für „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“. Gegründet wurde der Staatssicherheitsdienst 1917. Es geht den Tschekisten in der Unmittelbarkeit der Nachkriegszeit nicht nur darum, Geständnisse zu erpressen, die Geständnisse müssen in jedem Fall unterschrieben werden. Sie produzieren Gulag-Absolventen. Die Signatur unter einer druckvoll zustande gekommenen Zugabe bleibt eine Manie bis Neunundachtzig.

Man spricht von Speziallagern und „Inneren Gefängnissen“. Die Eingekerkerten landen in ewiger Kellernacht. Tageszeiten werden zur Desorientierung ausgeblendet. Die Zellen sind so feucht, dass die Haare schimmeln. Die Gefangenen verbringen ihren Arrest in den Sachen vom Tag der Verhaftung. Es gibt keine Anstaltskleidung, keine medizinische Versorgung und unter verschärften Umständen nicht einmal den Fäkalienkübel. Man foltert legal nach dem Recht der Sieger. Zellen werden unter Wasser gesetzt. Man quält die Eingesperrten außerdem mit Überbelegung, Stehzwang, Schlafentzug, Hunger, Hitze und Kälte. Als Cilka auf einen Viehwaggon verladen wird, ist der Winter ihrer „Befreiung“ lange vorbei. Ihr war kein Frühling vergönnt. Im permanenten Jetzt ist Sommer.

Schauspiele der Angst unterhalten die Wachmannschaften  

Im Juli Fünfundvierzig erreicht Cilka ihre Destination hundertsechzig Kilometer nördlich des Polarkreises. Sie ist ein Profi im Überlebenskampf unter den Umständen äußerster Verachtung. Sie hält Abstand und bewacht ihre Verteidigungslinien. Sie covert ihr Verhalten. Ihre Freundlichkeit ist eine Formalität. Da sie alle Arabesken des Vernichtung-durch-Arbeit-Konzepts mit geschlossenen Augen auf eine Gedankentafel malen kann, behält sie stets den Vorsprung, der sich aus Erfahrung ergibt. Sie wirkt ergeben, das ist Anpassung.

„Zwar schießen sie daneben, aber die Hast, mit der die Frauen in die Reihe zurückspringen, ist für die Uniformierten beste Unterhaltung.“

Cilka kennt das Programm: „Ich war schon einmal hier.“  

„Versuch, unsichtbar zu sein“, rät sie der Leidensgefährtin Józia.   

Dass, was ihr von den Befreiern der Roten Armee in Auschwitz zum Vorwurf gemacht wurde und Cilka nach Workuta gebracht hat, die sogenannte Prostitution, geht gleich weiter.

Du gehörst mir, hört Cilka einen Wachmann … sagen.“

Archipel Gulag

Das Schöpfungswunder vollzieht sich auch im Gulag. Ein Kind kommt zur Welt. Sein Lächeln bricht Cilka das Herz. Im Übrigen liegen die Dinge fatal im sibirischen Workuta. Die Stadt im äußersten Nordosten der Sowjetunion trennen dreitausend Kilometer von Moskau. Mehr als hunderttausend Deportierte aus allen Weltgegenden ballen sich auf einem Flecken im nördlichen Polarkreis. Die Häuser stehen schief in morastiger Grundlosigkeit. In der Häftlingshierarchie erheben sich jene über Cilka, die sowohl gegen die Wehrmacht als auch gegen die Rote Armee gekämpft haben. Ihnen ist die Überlebensgeschmeidigkeit der jungen Tschechin ein Dorn im Auge.

Die Auschwitzüberlebende mit dem Repertoire einer Langzeitgefangenen, kämpft um ihr seelisches Gleichgewicht. Sie hat zwar ihre Jugend unter schrecklichen Bedingungen absolviert, doch die Kehrseite der Horrorbiografie ist eine kostbare Unverwüstlichkeit.

Cilka versteht den Widerstandspathos der Partisaninnen nicht, die gegen Hitler und Stalin aufstanden und längst im Kampf ihre Existenzform gefunden haben.

By the way, Heather Morris installiert ihre Sympathieträgerin als einzige Jüdin in der Baracke des Hauptgeschehens. Sie spielt antisemitische Untertöne ein so wie engagierte Gegenstimmen:

„Du benimmst dich genauso wie die Deutschen.“

Das Baby heißt Natja. Seine Strahlkraft perforiert die Dämme, hinter denen sich die emotionalen Überflüsse eingesperrter Mütter stauen.  

Diebe im Gesetz

In Rückblenden leuchtet Morris die Schreckenskammern von Auschwitz-Birkenau aus. Da hat Cilka sich zu immunisieren gelernt. Die Erscheinung einer zarten jungen Frau funktioniert nun wie eine Rüstung.

Wieder findet Cilka Wege, besondere Härten abzufedern. Sie macht sich im Lagerlazarett unentbehrlich. Man stuft sie als Allzweckwaffe zur Bekämpfung der täglichen Not ein. Eine gewisse Genugtuung erfüllt die Tüchtige als sie erfährt, dass man einigen der Furchtbarsten von Auschwitz den Prozess macht.

„Ihre Verbrechen sind vor der ganzen Welt sichtbar.“

...

Ein Medikamentenräuber taucht auf und macht Cilka zur Geisel, bis ihm der Arzt die Taschen vollgestopft hat. Der performative Charakter des Drohauftritts offenbart sich der Erschrockenen im Post-Schock-Akut. Der Verbrecher hätte sich jederzeit mit zivilem Betragen der Dinge seines Begehrens bemächtigen können. Er gehört zu der kriminellen aka herrschenden Kaste der Blatnyje.  

Wikipedia weiß: „Das Aufkommen der Organisierten Kriminalität in Russland und den Nachfolgestaaten der UdSSR ist eng mit der sowjetischen Gefängnis- und Lagerkultur verbunden. Ende der 1920er stieg in der Sowjetunion aufgrund aufkommender Massenrepressionen die Zahl der politischen Häftlinge in den Gefängnissen und Lagern stark an, wo die Inhaftierten mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden. Dies führte zur Ausbildung einer Hierarchie und Gruppenordnung, an deren Spitze professionelle Verbrecher standen und die bei Bedarf mit radikalen und brutalen Methoden durchgesetzt wurde. Im Gaunerjargon gab es eine eigene Bezeichnung für (sie): Blatnyje (im Plural) bzw. Blatnoj (im Singular). Als Gegenleistung erhielten die Blatnyje Privilegien. Dies war lange Zeit ein stilles Übereinkommen zwischen Kriminellen und Lagerleitungen. Schließlich wurde in einem Dekret schriftlich die Erlaubnis fixiert, die gewöhnlichen Verbrecher im Kampf gegen die als „Volksfeinde“ stigmatisierten politischen Häftlinge einzusetzen. Die Autoritäten unter den professionellen Verbrechern begannen, sich selbst als „Diebe im Gesetz“ („wory w zakone“) zu bezeichnen. So schufen sie die kriminelle Elite der Sowjetunion und entwickelten einen Verbrecherkodex, zu dessen wichtigsten Prinzipien die Nichteinmischung in Politik und Wirtschaft sowie die Absage an eine legale Arbeitstätigkeit gehörten.“ 

Der Arzt verhehlt Cilka nicht, dass man ihn geradezu achtlos kaltmachen würde, schmückte er sich mit der Zierde des Muts. Dann hätte er Feierabend für immer.
Eben ist Cilka in das Visier einer unheimlichen Macht geraten. An ihrem Horizont leuchtet das Interesse eines riesigen Messermannes auf. Cilka ist von der Traufe in den Regen geraten. Sie memoriert einschlägige KZ-Szenen.

Regentin im Kleinen

Er trägt einen Zarennamen ohne Romanow: Michail Alexandrowitsch verkörpert den Liebenswerten unter lauter Scheusalen. Während sich etwas Feines anbahnt, versickern die Bösen in den Kulissen.

Cilka tritt als Regentin im Kleinen auf. Sie hat ihre Fans und ihre Feinde. Sie geht gut ab und steht gerade da im Randori des permanenten Kräftemessens. Ihre Allianzen überstehen die weißen Nächte und die falschen Freuden grundloser Freiheitserwartungen.

Morris erzählt, wie ein Gebrochene aufersteht und zum zweiten Mal in ihrem Leben Gestalt annimmt. In Cilka erfüllt sich das Versprechen der wundersamen Wege. Ihre Stärke zeigt sich als göttlicher Überwurf.