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06.08.2020, Jamal Tuschick

Latrinenkonferenz

Treblinka ist „die città ideale der SS“ – ein Architektur gewordener Albtraum der Funktionalität. Auf einer Fläche soll ein Mordgeschehen ohne Beispiel exemplarisch ...

Mord als Mission

Treblinka ist „die città ideale der SS“ – ein Architektur gewordener Albtraum der Funktionalität. Auf einer Fläche von zwanzig Hektar soll ein Mordgeschehen ohne Beispiel exemplarisch werden. Nur die Gaskammer ist gemauert. Der Rest lässt sich abschlagen wie eine Filmkulisse. Die Protagonisten des Todes loben sich für ihre Raffinesse. Sie sind Agenten einer radikalisierten Mitte. Ihren seelischen Kompass haben sie verloren. Nun irren sie durch die Labyrinthe des hohlen Scheins.

Natürlich ist es degoutant zu fragen, was macht Mord mit dem Mörder. Er hält ihn jedenfalls fest und sprengt ihn ab von der Menschheit. Vielleicht erzeugt er eine Art Delirium; eine nüchterne Trunkenheit; eine tremoloses Irresein. 

Michał Wójcik, „Der Aufstand von Treblinka. Revolte im Vernichtungslager“, auf Deutsch von Paulina Schulz-Gruner, Piper, 410 Seiten, 24,-

Auf der anderen Seite ist die Luzidität des Kampfes. Nicht allein darum geht es, Fluchtchancen herauszuschlagen. Unter gewissen Voraussetzungen ist Kampf eine Lebensform und die Aussicht darauf, ein Fest der Selbstachtung. Zumindest suggeriert das der Autor.

Das Zentrum der Verschwörungsaktivitäten sind die Latrinen. Alle fürchten Verräter. „Marceli Galewski hatte ein sehr gutes Gespür für Menschen. Er hatte keinen einzigen Fehler bei der Auswahl begangen; auch wenn es sehr leicht hätte passieren können. Denn es gab in Treblinka eine Gefahr, vor der alle Angst hatten: Lagerspitzel … Kanaillen, die den Deutschen alles meldeten … Galewski bevorzugte ehemalige Soldaten für seine Truppe. (Dies war) der Schlüssel zum Erfolg.“

Gemütlicher Ton/Familiärer Plural/Spitzfindigkeiten der Effizienz

Michał Wójciks narrative Annäherung an den Vernichtungslageralltag gleicht einem Film in Worten. Der Autor spielt mit den Chancen des Launischen. Mitunter schlägt er einen gemütlichen Ton an und aktiviert einen gleichsam familiären Plural. Wójcik wechselt die Perspektiven und blendet von der Introspektion auf bis zum Horizont des allwissenden Erzählers.   

„Weiterleben war für sich genommen schon ein Akt des Widerstands. In den Schrecken des Holocaust war es ein tagtägliches Bravourstück.“ Stephan Lehnstaedt

Wójcik modelliert ein aufschlussreiches Stück aus der Differenz zwischen der ordensritterlichen SS-Eleganz und dem Erscheinungselend der Gefangenen. Athletisch und alert treten die Schergen auf. Die ihnen Unterworfenen ducken sich unter den Blicken der Wachmannschaften. Wójcik zoomt auf den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem; sofort sehen wir Hannah Arendt, von der aber gerade nicht die Rede ist. Es geht um baumeisterliche Spitzfindigkeiten der Effizienz. 

Solvente Selbstverteidigung  

Die Hauptmarke jeder Überlegenheit ist Mühelosigkeit. Sieht man, dass der Feind sich in irgendeiner Angelegenheit anstrengen muss, ergibt sich aus der Beobachtung eine unterminierende Feststellung. Nun weiß man: der Feind lässt sich schlagen. Technisch gesehen handelt es sich bei der sichtbaren Belastung um eine Lücke. Die Erscheinungsform spielt keine Rolle. Unter allen Varianten arbeitet Angst. Manche erkennen eine Lücke nur, wenn die Angst sichtbar wird. Bei einer Selektion am 11. September 1942 nimmt der argentinische Staatsbürger Meir Berliner den Schergen Max Biala an und verletzt ihn tödlich.

Wójcik schreibt: „Er genoss seine Rache.“

Zeugen der Widerstandsaktes erkennen den Heldengestus. Tatsächlich ist es nicht mehr als eine Geste. Doch lässt sich ihre Wirkung kaum übertreiben. Die solvente Selbstverteidigungsbereitschaft eines Einzelnen zerlegt das Gegnerkonzept. Die „Lagerroutine“ ist im Eimer. Das hat Berliner ganz allein hinbekommen.

Rache

„Wir müssen stark sein. Wir müssen den Antisemiten überall auf der Welt immer überlegen sein. Ihnen immer und überall mehrere Schritte voraus sein.“

Arye Sharuz Shalicar in der Jüdischen Allgemeinen

Eingebetteter Medieninhalt

Der polnische Reichsbahnbedienstete Artur Pronicki gerät zufällig in die Hölle von Treblinka. Als kleinstes Licht in der Beamtenhierarchie ist es an ihm, eine auf dem Postweg ignorierte Mahnung der Bahn dem Lagerkommandanten Franz Stangl persönlich zuzustellen. Ich komme Ihnen jetzt nicht mit Dantes Höllenkreisen. Wir wissen alle, dass wir es nicht wissen. Die industrielle Menschenvernichtung dimensioniert jenseits der Begriffe. „Ein Haufen Kinderschühchen“ macht den größten Eindruck auf den Eisenbahner. Da sich die Opulenz des Grauens nicht in Worte fassen lässt, pointillisiert der Eisenbahner ein Detail. 

Treblinka liegt im Landkreis von Warschau nah einer Bahnstation in einem Stacheldrahtsaum. Man fährt auf der Kurt-Seidel-Straße ein. Unterschieden wird zwischen unterem und oberem Lager. In Treblinka I steht die Rampe vor einer Bahnstationsattrappe und unter dem Schild Treblinka-Obermajdan. Es gibt noch mehr Vortäuschungen eines halbwegs zivilen Standards, so wie die Aufschrift Zum Gutshof. Der ausgeschilderte Tierpark existiert tatsächlich mit Bürgersteigen und Blumenbeeten.

Der Tod dominiert die Atmosphäre – Seine Ausdünstungen „massakrieren die Sinne“

Wójcik gibt seinem Akteur Gelegenheit, das moribunde Panorama mit seinen grotesk-idyllischen Spitzenklöppeleien in sich aufzunehmen. Er begegnet Stangl, einem österreichischen Weber und Polizisten, der 1938 seinen privaten Anschluss vollzog. Der Kommandant präsentiert sich im „überwältigenden Gestank des Todes“ in einer schneeweißen, maßgeschneiderten Galauniform. Während er sich über den vor Bedeutungslosigkeit strotzenden Befehlsempfänger mokiert, laufen sich Alfred Galewski und das Untergrund-Actionteam im Gefolge von Julian Corążycki für einen Aufstand warm.

Diese Männer wollen Rache. Quelle

… „in die Entstehung einer Widerstandsgruppe mit dem Ziel der Rache an den Deutschen“ … Wikipedia weiß: „Der Aufstand von Treblinka fand am 2. August 1943 in dem Vernichtungslager statt. Er erfolgte nach monatelanger Planung, Häftlinge nannten ihn Aktion H. Im Verlauf des Aufstands kamen zahlreiche Häftlinge zu Tode. Es wurden zwar Gebäude beschädigt oder zerstört, die gemauerten Gaskammern jedoch nicht.

Es war der erste bewaffnete Aufstand in einem NS-Vernichtungslager.

Die führenden Mitglieder des Aufstands waren Arbeitshäftlinge mit zentralen Aufgaben im Vernichtungslager, die sich in einem Organisationskomitee organisiert hatten. Das ursprüngliche Komitee zur Vorbereitung des Aufstands bestand aus: Dr. Julian Chorążycki, einem ehemaligen Hauptmann der polnischen Armee; Ze'ew Korland, dem Kapo der als „Lazarett“ bezeichneten und getarnten Erschießungsstelle im Lager, Želomir „Želo“ Bloch, einem Leutnant der tschechoslowakischen Armee, Israel Sudowicz, einem Landwirt aus Warschau, und Władysław Salzberg, einem Schneider aus Kielce.“

Michał Wójcik ist Historiker, Journalist und Autor historischer Bücher. In Polen schrieb er mehrere Bestseller und wurde 2015 mit dem renommierten Geschichtspreis der Polityka ausgezeichnet. Sein neues Buch über den Aufstand in Treblinka wurde von der polnischen Newsweek zum „Buch des Jahres“ erkoren.