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06.08.2020, Jamal Tuschick

Gifted With Explosive Power

Endlich hat der 1954 in Hong Kong geborene Jackie Chan seine Biografie geschrieben

Der Autor im Modus/Gong-fu als Lebensmittel © Mara Neusel

Sei wie das Wasser

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Das ist doch nur ein Schauspieler.

Wie oft habe ich das in meiner Kindheit gehört, wenn der Streit mal wieder seine Energie aus der ewigen Frage bezog: Sind die Techniken von Bruce Lee echt oder ist das nur Theater? Gerade geht es nicht darum, welche Bedeutung Bruce Lee für die Entwicklung der Kampfkunst hatte. Wir reden jetzt über Jackie Chan. Ja, Jackie Chan spielt in der Evolution des Gong-fu eine Rolle. Er steht in der Tradition von Bruce Lee, reagiert in seinem Werk aber auch auf Hunderte von Eastern, in denen ein clowneskes Gong-fu gezeigt wird.

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Zweifellos lebt Jackie Chan ein komödiantisches Temperament aus. Das erklärt nicht die Filmkilometer durch den Schlauch des Grotesken gezogener Kampfszenen. Es muss ein sehr ursprüngliches chinesisches Theater der Lächerlichkeit geben, die Lächerlichkeit des kleinen Mannes; eine Verbindung von sozialer Bedeutungslosigkeit und individueller Resilienz. Vielleicht war das eine bedrängte Möglichkeit, um überhaupt über Akteure der chinesischen Unterschicht und ihrer Milieus öffentlich zu sprechen. Das waren Staatssklaven und Sklavenhabitate in einer feudalen Gesellschaft. Und in den miserablen Verhältnissen wurde in einem familiären Rahmen hoffentlich täglich trainiert. Es ging um eine tödliche Praxis (Primat der finalen Technik), gleichzeitig um Gesundheit und Langlebigkeit; dies alles, wie gesagt, im Kontext der Inferiorität. Da knüpft Jackie Chan an. Seine Spieler sind omnipotente Nobodys im Kampf gegen sinistre Kleinkönige einer märchenhaft überzeichneten Unterwelt.

Jackie Chan, Zhu Mo, „Never Grow Up. Die offizielle Autobiografie“, auf Deutsch von Shaya Zarrin, 400 Seiten, 24,-

Das ist Jackie Chans künstlerische Heimat

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Ab seinem vierten Lebensjahr lebt Chan im Modus. Geweckt von der Kraft der aufgehenden Sonne weist ihn der Vater in die Hung-Gar-Kampfkunst ein. Jahre später komplettiert Bruce Lee die Ausbildung mit einem Satz: „Wasser hat keine Form. Du kannst es nicht greifen oder schlagen oder auf irgendeine Art verletzen … Wasser kann tröpfeln und es kann zermalmen. Sei wie das Wasser, mein Freund.“ 

Herrliches Programm in der Kunstschule:

Um 5 Uhr morgens aufstehen und frühstücken.

Kung-Fu-Training bis zum Mittag.

Mittagessen.

Kung-Fu-Training bis zum Abendessen.

Abendessen um 17 Uhr.

Kung-Fu-Training bis zur Schlafenszeit um 23 Uhr.

Am nächsten Tag alles wieder von vorne.

1973 ist Jackie Chan Komparse in Bruce Lees Der Mann mit der Todeskralle. Als Stuntman verdient sich der Debütant die ersten Sporen. Es geht rau zu. Bruce Lee zieht durch. Immerhin entschuldigt er sich nach der Arbeit. Er lobt Chan, dem die Anerkennung des Einzigartigen viel bedeutet. 

Ein superriskanter Stunt befördert Chan in die Beletage seines Metiers. Nun kommt Stunt-Regie aka Choreografie dazu. Der Künstler träumt von überwältigenden Inszenierungen – von Budo-Phantasmagorien.

Aus der Ankündigung: Akrobatische Kung-Fu-Tricks, waghalsige Stunts und komödiantisches Talent: Dafür kennen und lieben Generationen von Kinobesuchern Jackie Chan. Nach über 150 Filmen – und unzähligen Knochenbrüchen – denkt er nicht ans Aufhören, steckt voller neuer Ideen und Pläne. Bei seinem Vater, Koch am französischen Konsulat in Hongkong, erlernte er chinesische Kampftechniken, bis die Eltern den schauspielerisch und akrobatisch begabten Siebenjährigen auf ein Internat der China Drama Academy schickten. Seine Ausbildung würde man heute wohl Kindesmisshandlung nennen, 1960 waren die Methoden für den jungen Chan erzieherischer Alltag. Als Stuntman brachte es Jackie Chan im Hongkonger Filmgeschäft zu Popularität. Anfang der Neunziger entdeckte Hollywood das Multitalent und machte ihn zum Multimillionär. Es ist nur eines der vielen sympathischen Gesichter des Mannes hinter dem Action-Star, dass er, laut Forbes-Magazin, zu den »zehn großzügigsten Prominenten der Welt« gehört und weltweit Projekte für unterprivilegierte Kinder unterstützt. In seiner Biografie »Never Grow Up« erzählt der Oscar-prämierte Filmstar schonungslos von der Härte seiner Ausbildung, von seinen Erfolgen und Rückschlägen als Stuntman und Schauspieler, aber auch von seinem Familienleben, das alles andere als perfekt lief. Jackie Chan steht dazu, Fehler gemacht zu haben, ist selbstkritisch und offenherzig – gerade das macht ihn so liebenswert.

Jackie Chan, geboren 1954 in Hong Kong, wurde im Alter von sechs Jahren auf das Internat der Chinese Drama Academy geschickt. Geprägt von eiserner Disziplin begann schon im Kindesalter seine Karriere als Kampfkünstler. Er wirkte zunächst in Asien in vielen Filmproduktionen als Stuntman mit, bis 1994 mit »Rumble in the Bronx« der Durchbruch in Hollywood gelang. Heute ist der Schauspieler und Kung-Fu-Meister nach über 150 Filmen aus Hollywood nicht mehr wegzudenken, seine Martial-Arts-Komödien erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. 2016 wurde Jackie Chan mit einem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet.