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07.08.2020, Jamal Tuschick

Koreanischer Luftkampf

Jackie Chan verstummte nie, auch nicht auf eine elaborierte Weise. Er setzte sich durch so wie man ein- und ausatmet. Er hatte den Spirit und er lebte im Modus.

Jackie Chan über seine Vorgehens- und Herangehensweise: „Wenn es etwas Gefährliches oder Aufregendes (zu Drehen) gibt, dann mache ich es selbst, und zwar in einem einzigen, nicht unterbrochenen Take.“ 

Eingebetteter Medieninhalt

Mit zwölf Elektrikern und sechzehn Zimmermännern donnert Jackie Chan nach Korea. Südkorea-Hongkong-Filmkooperationen haben Konjunktur. Die Chinesen stauben bei den Koreanern die hohen Fußtechniken ab. Natürlich gibt es alles überall, aber die Koreaner bilden sagenhafte Luftkampfspezialist*innen aus.

Dann gastiert der Allrounder in Taiwan und trifft seine vor Ort weltberühmte Freundin Teresa Teng. Der Kampfkünstler ist der Sängerin nicht gewachsen. Damit hält er sich auf. Chan erzählt, wie ungehobelt er als Nachwuchsstar seine sozialen Defizite wegbügelte. Ein Rotz der Reue läuft ihm aus der Erzählernase.   

Er will sein Steak durchgebraten. Nicht rosa und auch kein Rosé aprés … der Underdog mit den Superskills bestellt Bier. Das schmeckt auch nicht. 

Jackie Chan, Zhu Mo, „Never Grow Up. Die offizielle Autobiografie“, auf Deutsch von Shaya Zarrin, 400 Seiten, 24,-

„Die Dreharbeiten waren anstrengend, und viele Leute verletzten sich. Das Krankenhaus war voll mit unserer Crew.“ 

Hölzerner Historizismus

Bei seinem ersten amerikanischen Durchgang bricht Chan ein. Von Hollywood kehrt er nach Hongkong zurück, um einen neuen Weg einzuschlagen. Die alte Geschichte von einem exzentrischen Meister und wenigstens einem begriffsstutzigen Schüler ist auserzählt. Chan erwirbt sich Verdienste in der Gong-fu-Genealogie, indem er dramaturgische Schleifen des westlichen Mainstreamkinos adaptiert. Das hört sich öde an, bedeutete aber, dass ein hölzerner Historizismus über Bord flog.

Ich habe ein paar hundert Filme der alten Schule gesehen, ohne das pädagogische Pathos zu begreifen, das die Handlung mobilisierte. Je hohler, desto konfuzianischer. Das alberne Geschehen basierte auf einem religiös-philosophischen Komplex. Letztlich ging es stets um ein verlorenes Ideal wehrhaft-verträumter Tugendhaftigkeit und um Mimikry. Das asiatische Trainingsprinzip hieß verständnislose Nachahmung.

Es wurde nichts erklärt. Ein Meister einer meiner Meister lernte Taekwondo von einem Mönch, der kein Wort direkt an ihn richtete. Ich stelle mir vor, dass er ab und zu gleichsam selbstgesprächig ein paar informierende Brocken dem Schüler vor die Füße schleuderte. Der Nachahmer eines (weitgehend) Stummen wurde zweimal Weltmeister. Erst vor wenigen Jahren realisierte ich, dass dieser Mann nebenbei Karateformen (Kata) aus der Mönchsmatrix einfach kopiert hatte, die auf den wundersamen Wegen des Budo schließlich Taekwondo-Schüler*innen in Göttingen zum Geschenk gemacht wurden. Wir trainierten (auch) Karate und hielten es für Taekwondo.

Durch tausend Techniken geschritten

Durch Ich und Wir und Du …

Yes

Chans Markenzeichen ist der Verzicht auf Stunt-Doubles. Er geht selbst in die Gefahr und rockt die Angst nieder mit Ultraverbesserungen des Psycho-Immunsystems und der Fitness. Stets bedenkt er die weisen Worte seines Vorbilds Bruce Lee:

Sei wie das Wasser und kultiviere die Vorzüge verrückter Winkel. Guck somnambul aus der Wäsche, lächle fad. Spiel den Idioten. Indes gibst du deine Vorwärtsspannung nie auf. Du kannst aus Positionen schlagen, in denen können andere noch nicht einmal stehen, ohne zu wackeln. Du kannst von außen kommen und durch die Mitte gehen wie in einem Atemzug.

„Obwohl uns die Hollywood-Power fehlte, kamen wir ... voran, allein mit unserem Kampfgeist und unserer Bereitschaft, Risiken einzugehen.“

„Wenn es etwas Gefährliches oder Aufregendes (zu Drehen) gibt, dann mache ich es selbst, und zwar in einem einzigen, nicht unterbrochenen Take.“ 

Sei wie das Wasser

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Das ist doch nur ein Schauspieler.

Wie oft habe ich das in meiner Kindheit gehört, wenn der Streit mal wieder seine Energie aus der ewigen Frage bezog: Sind die Techniken von Bruce Lee echt oder ist das nur Theater? Gerade geht es nicht darum, welche Bedeutung Bruce Lee für die Entwicklung der Kampfkunst hatte. Wir reden jetzt über Jackie Chan. Ja, Jackie Chan spielt in der Evolution des Gong-fu eine Rolle. Er steht in der Tradition von Bruce Lee, reagiert in seinem Werk aber auch auf Hunderte von Eastern, in denen ein clowneskes Gong-fu gezeigt wird.

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Zweifellos lebt Jackie Chan ein komödiantisches Temperament aus. Das erklärt nicht die Filmkilometer durch den Schlauch des Grotesken gezogener Kampfszenen. Es muss ein sehr ursprüngliches chinesisches Theater der Lächerlichkeit geben, die Lächerlichkeit des kleinen Mannes; eine Verbindung von sozialer Bedeutungslosigkeit und individueller Resilienz. Vielleicht war das eine bedrängte Möglichkeit, um überhaupt über Akteure der chinesischen Unterschicht und ihrer Milieus öffentlich zu sprechen. Das waren Staatssklaven und Sklavenhabitate in einer feudalen Gesellschaft. Und in den miserablen Verhältnissen wurde in einem familiären Rahmen hoffentlich täglich trainiert. Es ging um eine tödliche Praxis (Primat der finalen Technik), gleichzeitig um Gesundheit und Langlebigkeit; dies alles, wie gesagt, im Kontext der Inferiorität. Da knüpft Jackie Chan an. Seine Spieler sind omnipotente Nobodys im Kampf gegen sinistre Kleinkönige einer märchenhaft überzeichneten Unterwelt.

Das ist Jackie Chans künstlerische Heimat

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Ab seinem vierten Lebensjahr lebt Chan im Modus. Geweckt von der Kraft der aufgehenden Sonne weist ihn der Vater in die Hung-Gar-Kampfkunst ein. Jahre später komplettiert Bruce Lee die Ausbildung mit einem Satz: „Wasser hat keine Form. Du kannst es nicht greifen oder schlagen oder auf irgendeine Art verletzen … Wasser kann tröpfeln und es kann zermalmen. Sei wie das Wasser, mein Freund.“ 

Herrliches Programm in der Kunstschule:

Um 5 Uhr morgens aufstehen und frühstücken.

Kung-Fu-Training bis zum Mittag.

Mittagessen.

Kung-Fu-Training bis zum Abendessen.

Abendessen um 17 Uhr.

Kung-Fu-Training bis zur Schlafenszeit um 23 Uhr.

Am nächsten Tag alles wieder von vorne.

1973 ist Jackie Chan Komparse in Bruce Lees Der Mann mit der Todeskralle. Als Stuntman verdient sich der Debütant die ersten Sporen. Es geht rau zu. Bruce Lee zieht durch. Immerhin entschuldigt er sich nach der Arbeit. Er lobt Chan, dem die Anerkennung des Einzigartigen viel bedeutet. 

Ein superriskanter Stunt befördert Chan in die Beletage seines Metiers. Nun kommt Stunt-Regie aka Choreografie dazu. Der Künstler träumt von überwältigenden Inszenierungen – von Budo-Phantasmagorien.

Aus der Ankündigung: Akrobatische Kung-Fu-Tricks, waghalsige Stunts und komödiantisches Talent: Dafür kennen und lieben Generationen von Kinobesuchern Jackie Chan. Nach über 150 Filmen – und unzähligen Knochenbrüchen – denkt er nicht ans Aufhören, steckt voller neuer Ideen und Pläne. Bei seinem Vater, Koch am französischen Konsulat in Hongkong, erlernte er chinesische Kampftechniken, bis die Eltern den schauspielerisch und akrobatisch begabten Siebenjährigen auf ein Internat der China Drama Academy schickten. Seine Ausbildung würde man heute wohl Kindesmisshandlung nennen, 1960 waren die Methoden für den jungen Chan erzieherischer Alltag. Als Stuntman brachte es Jackie Chan im Hongkonger Filmgeschäft zu Popularität. Anfang der Neunziger entdeckte Hollywood das Multitalent und machte ihn zum Multimillionär. Es ist nur eines der vielen sympathischen Gesichter des Mannes hinter dem Action-Star, dass er, laut Forbes-Magazin, zu den »zehn großzügigsten Prominenten der Welt« gehört und weltweit Projekte für unterprivilegierte Kinder unterstützt. In seiner Biografie »Never Grow Up« erzählt der Oscar-prämierte Filmstar schonungslos von der Härte seiner Ausbildung, von seinen Erfolgen und Rückschlägen als Stuntman und Schauspieler, aber auch von seinem Familienleben, das alles andere als perfekt lief. Jackie Chan steht dazu, Fehler gemacht zu haben, ist selbstkritisch und offenherzig – gerade das macht ihn so liebenswert.

Jackie Chan, geboren 1954 in Hong Kong, wurde im Alter von sechs Jahren auf das Internat der Chinese Drama Academy geschickt. Geprägt von eiserner Disziplin begann schon im Kindesalter seine Karriere als Kampfkünstler. Er wirkte zunächst in Asien in vielen Filmproduktionen als Stuntman mit, bis 1994 mit »Rumble in the Bronx« der Durchbruch in Hollywood gelang. Heute ist der Schauspieler und Kung-Fu-Meister nach über 150 Filmen aus Hollywood nicht mehr wegzudenken, seine Martial-Arts-Komödien erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. 2016 wurde Jackie Chan mit einem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet.