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08.08.2020, Jamal Tuschick

Kann man erst einmal das Verhalten von Millionen Verbrauchern zuverlässig voraussagen, lässt es sich auch steuern. Der Witz dabei: Die Manipulierten erkennen ihre Lage nicht. Sie halten sich für Autonome.

Datenkolonialismus

Facebook ist eine Kolonialmacht. Der Krake saugt Daten, auf die Wylie lange ziemlich skrupellos zugreift. Als Linker munitioniert er damit Rechte. Das macht ihn zu einem Dissidenten des Selbstregimes.

Eingebetteter Medieninhalt

Genie und Desaster

Sein Genie wird Christopher Wylie zum moralischen Verhängnis. Er verstrickt sich in den vielen Möglichkeiten daten-neuronaler Verknüpfungen. Da ihm kaum einer folgen kann, erreicht ihn auch keine Kritik. Sich selbst kann er nicht regulieren. Das Glück des Pioniers, der noch nicht vom Bock geschossen wurde/dessen Rakete nicht gleich beim Start explodiert ist/ … erlaubt ihm keinen Rückzieher. Berauscht von der Erfolgsdroge tastet sich Pfadfinder Wylie vor. Er bewegt sich allein in der Neuen Welt unserer Zukunft so ungehemmt wie die Navigatoren der Neuzeit sich im neuweltlichen Urwald bewegten.

Christopher Wylie, „Mindf*ck. Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“, auf Deutsch von Gabriele Gockel, Claus Varrelmann, Bernhard Jendricke, Thomas Wollermann, Dumont, 416 Seiten, 24,-

Auch Wylie dient dem Kolonialismus. Ohne Ausnahme zielen seine Missionen auf die Entmündigung der Massen. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung gibt Informationen für Like-Tand nicht anders preis als einst die sogenannten Naturvölker ihr Land preisgaben.

Facebook ist eine Kolonialmacht. Der Krake saugt Daten, auf die Wylie lange ziemlich skrupellos zugreift. Als Linker munitioniert er damit Rechte. Das macht ihn zu einem Dissidenten des Selbstregimes.

Schließlich begreift er sein Dilemma. Er akzeptiert eine journalistische Anfrage, die ein dezentes Whistleblowing impliziert. Eins führt zum anderen. Bald baut Wylie mit dem ihm eigenen Eifer eine Falle, in die ein Manager von Cambridge Analytica tappen soll. Die Rede ist von Alexander Nix, dem Einpeitscher beim Spy-Spielzeug des superreichen Robert Mercer. Vorübergehend war CA die schärfste Waffe in den Händen des eiskalten Kulturkriegers Steve Bannon.

„Now I’m free. I’ve got my hands back on my weapons … I am definitely going to crush the opposition. There’s no doubt.“ Bannon nach seinem Gastspiel im Weißen Haus.

Nix sah den monströsen Bedeutungsgewinn seiner Firma für psychologische Kriegsführung voraus. Seine Nase fürs Geschäft wies ihm den Weg. Erst gewann er den eitlen Haudegen Bannon, der Mercer an Land zog. Daher kamen die Ziele und das Geld. Die Arbeit blieb an Wylie und seinem Nerd-Team hängen. Allen zusammen gelangen zwei globale Destabilisierungen, so Wylie. Die Durchsetzung von Trump & Brexit.

Als Marktforschungsinstitute getarnte Militärdienstleister erledigen für Regierungen die Drecksarbeit. Geschieht dies in Afrika, ergeben sich Beispiele für digitalen Kolonialismus. Korrupte Regimes erlauben die Auswertung sämtlicher über Mobilfunkanbieter und Soziale Medien generierten Daten, um das Wahlverhalten der Bevölkerung zu ihren Gunsten zu manipulieren. Die illegalen Wahlkämpfe finanzieren sie mit Steuern.

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Wylie erkennt, dass Politik und Mode „Erscheinungsformen desselben Phänomens“ sind. Die Gemeinsamkeiten bestimmen Zyklen von Kultur und Identität. Das sind Trends, deren Ästhetiken signalhaft das Verhalten steuern.

In Prozessen der Verfeinerung stellt Wylie sich die Frage: Gibt es Leute, die schwulenfeindliche Kirchenorganisationen unterstützen und (jetzt nicht trotzdem denken) in Bioläden einkaufen? Der Analytiker besucht eine Frau, die Homophobie mit Christentum und Yoga kombiniert. Sie verwendet eine Reihe „mentaler Abkürzungen“, die sie in die gesellschaftliche Mitte zurückkatapultieren; dahin, wo die Leute vor Fox News auf der Couch am Rad der Wut drehen. Dabei erwerben sie eine Gruppenidentität an ihren Interessen vorbei. Kritik an reaktionären Positionen und deren Repräsentanten betrachten sie als Angriff auf ihre Identität.

Geniale Perspektiv

Als im Land herumreisender Analyst der englischen Liberaldemokraten erkennt der Kanadier Christopher Wylie, dass es keine traditionelle Polit-Plattform gibt, auf der sich typische Lib Dems-Wähler treffen. Die Frage lautet: Was verbindet einen Farmer in Norfolk, dessen konservatives Repertoire offensichtlich erscheint, mit einem fashionvisionären Kombattanten im Kulturkampf von Shoreditch und mit einem Professor in Cambridge. Der Autor erklärt die drei Akteure zu Brüdern im Geist. Tatsächlich eint sie ihr psychologisches Profil. Sei treffen sich auf einer Linie von offen, exzentrisch und verbohrt.

Darauf muss man erst mal kommen.

Das heißt, man muss lernen, geo- und demografische Informationen neu und vorderhand paradox zu verknüpfen. Gegensätze und Gemeinsamkeiten verbergen sich hinter den Leuchtturm-Präferenzen, die ihre basale Aussagekraft im Spektrum von Stadt – Land, reich – arm, gebildet – ungebildet etc. eingebüßt haben.