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08.08.2020, Jamal Tuschick

„Heute träumte mir, ich sei eine kleine Erbse mitten im Atlantischen Ozean. Ich erhob mich aus den Wellen und sagte: Mit mir fängt die Landbildung an! Darauf zerschellte ich am afrikanischen Kontinent.“ Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966)

Von Stefanie Dörnberg

Archäologische Anwandlungen

© Jamal Texas Tuschick

Wir sind uns nur einmal begegnet, aber eine Weile hielten wir Kontakt. Marlies, die sich Mary nannte, zeigte ein träges Interesse an meiner vernagelten Art, die wir beide für original nordhessisch hielten. Mary kannte Kassel gut, das harte Ding mit den toten Seelen, die in Häusern hängengeblieben waren und sich an die Lebenden klammerten. Wo sind sie geblieben? Es gab ein psychedelisches Fluidum. Man wurde da leicht verrückt, ohne den Schutz einer Schale aus brutaler Vernunft. In Kassel war alles Verspätung und so glichen auch die Freaks der Siebzigerjahre viel mehr vergangenen Erscheinungen als zeitgenössischen Charakteren. Mary hatte ihr Herz an diesen Schlag verloren, ich entsprach ihrem Ideal. Nur war alles längst verrutscht und nicht mehr haltbar. Heute lässt sich das Programm kaum noch zu identifizieren, das Vokabular ist weg. Man muss mit archäologischen Anwandlungen durchgreifen, will man zu diesen Typusgrotten. Mary beschrieb sie als Nachfahren struppiger, vor allem jedoch zivilisationsresistenter Halbwilder mit Feuerstellen in den Ruinen einer zerschlagenen Stadt. Auf ihren Ärmeln prahlten Vogelschiss-Abzeichen. Russen und Roma bildeten einen Ring gegen die Barbarei der Tadellosen. Auf einer Rutsche der Verwahrlosung signierte Vitalität den Heldentext.

Wo habe ich zuletzt Ähnliches gelesen?

In einem Buch über Hans Jürgen von der Wense, weißt du zurecht.

Zu allen Zeiten aus der Zeit gefallen

„Heute träumte mir, ich sei eine kleine Erbse mitten im Atlantischen Ozean. Ich erhob mich aus den Wellen und sagte: Mit mir fängt die Landbildung an! Darauf zerschellte ich am afrikanischen Kontinent.“ Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966)

Wense wäre zu allen Zeiten aus der Zeit gefallen. Das glaubt Christian Schulteisz. Er widmete sich in seinem ersten, im Berenberg Verlag erschienenen Roman dem „Universaldilettanten“ Hans Jürgen von der Wense, der sich allen möglichen Gegenständen außerordentlich schwungvoll und eigendynamisch zuwandte und gelegentlich abrupt umschwenkte. Wense wanderte, dichtete und fotografierte in beflügelten Zuständen, und das besonders gern und ausdauernd in Hessen.

„Karten sind Partituren der Landschaft.“

Das ist ein Wense-Satz, bestimmt von seinem Urheber zur multiplen Verwendung. Stets wie aus dem Augenblick geschöpft und als Frucht der einseitigen Zwiesprache deklariert, taucht die Vergoldung in Briefen auf. Das weist auf die abgegriffene Seite des Repertoires hin und so auch auf Wenses Schreibökonomie. 

Schulteisz liest aus dem Roman. Er zeigt seinen Helden in einer Lazarettstadt. Ein Rollstuhlfahrer legt auf Tauben an. Dann quert Wense eine Nebellandschaft und „schlüpft zwischen Fichten“, bevor er im Verließ einer Burg Schülerinnen in Klassenstärke begegnet, die auf den Wanderer spukhaft wirken. Er verleitet sie, das Echo ihrer Stimme herauszulocken. Vor Ort könnte lange vor der ersten christlichen Gründung ein wotanischer Sachsenfürst residiert haben. Wense greift in den Dreck. Der Staub glitzert in seiner Phantasie. Seine Zunge spürt „heidnischen Krümeln zwischen den christlichen Zähnen“ nach.

Schulteisz macht einen Tarzan aus dem Kauz. Wense astet von Baum zu Baum. Er „bricht ein ins Gehölz“, nicht ohne gelegentlich etwas zu notieren. Ich fühle mich an Arno Schmidt erinnert – ein Tausendsassa in Gummistiefeln. Von der „Weserrenaissance“ zu den Gurkenmagnolien, „die noch klein waren als Zar Peter …“

Die Referenzen kapriolen und kollabieren. Als ein Wense ist Jürgen auch mit den Münchhausens und einem Staats von Wacquant-Geozelles verwandt. Erst wollte man ihn hart vor Karlshafen vom Hof und aus dem heruntergekommenen englischen Garten (dem ersten seiner Art auf dem Kontinent) scheuchen, doch kaum hat sich Wense zu erkennen gegeben, gehört er praktisch schon zur Familie.

Er sticht um drei Ecken durch bis zum gerade weggesprengten Kasseler Altmarkt.

„Die Schäden früherer Angriffe sind im Totalschaden verschwunden.“

Die Romangegenwart führt den Leser in das Jahr 1943. Kriegsgefangene schaufeln schadenfroh den Schutt zur Seite. Wense geht zur Schönen Aussicht. Da stand das 1811 abgebrannte Stadtschloss der kurhessischen Landgrafen.

Wense treibt sich herum. Es zieht ihn nach Kassel-Wilhelmshöhe. Er hat aber auch eine Arbeit in Göttingen, die ihn zu einem widerwilligen Aufseher von Zwangsarbeiter*innen macht. Er dilettiert als Dissident und distanziert sich von den kriegsautoritären Umgangsformen. Die militante Vormundschaft gegenüber zum Dienst Gezwungenen verweigert er nach Kräften.