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13.08.2020, Jamal Tuschick

Berliner Rotz- und Kanaillengesang aus der Keimzeit des Jahrtausends

Der kroatisch-deutsche Theatermacher, Autor und Performancekünstler Nikola Duric steht kurz vor der Veröffentlichung seines ersten Romans. „Tuschicks Textland“ feiert das Ereignis mit einer Ankündigung.  

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Gerade hat Nikola Duric seinen ersten Roman bis zur Druckreife gebracht. „Dreckiges Neon“ ist vordergründig eine Kriminalgeschichte. Aus dem Exposé: In Berlin taucht eine neue Designerdroge auf. Gleichzeitig verschwinden junge europäische Touristen, die zum Feiern in die  Hauptstadt gekommen sind. Racella Alvarez, die spanische Mutter  eines der verschwunden Jungen, kommt nach Berlin, engagiert  den privaten Ermittler Ivanin Grantic und stürzt sich mit ihm  in das Nachtleben an der Spree, auf der Suche nach ihrem Sohn. Der Kunststudent und Kleindealer David Maybohn versucht den  Herstellern und Vertreibern der neuen Droge auf die Spur zu kommen,  während die Berliner Polizei die Sondereinheit „Disco“ bildet, die  vom Ermittler Krauseneck angeführt wird. Das Zentrum der Handlung steht das vom kommunistischen  Griechen Stavros betriebene Cafe Turist in Kreuzberg, das nach  einer jugoslawischen Reisebusfirma für Gastarbeiter benannt ist.  Im Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass die jungen  Easyjetsetter aus den Clubs der Stadt entführt werden, um sie sediert  in einem geheimen Labor weiter tanzen zu lassen, wo aus Schweiß und  anderen Ausdünstungen die neue Designerdroge generiert wird.  Dient dieses illegale Experiment nur dem Profit der osteuropäische Mafia? Oder steckt hinter der Sache ein skrupelloser  Pharmakonzern, der ein neues Optimierungsmedikament für  die Kreativwirtschaft auf den Markt bringen will?

Die Abschnitte über das geheime Labor, sind die einzigen surrealen Horrormomente im Roman. Inspiriert ist es sonst von  einer wahren Begebenheit: Vor etwa 10 Jahren waren in Berlin-Mitte  Straßenlaternen und Bäume mit Vermisstenmeldungen nach jungen  Clubtouristen gepflastert.  Unter der fortlaufenden Kriminalerzählung entspannt sich außerdem ein  Panorama, das von der Geschichte der Migration in Deutschland  erzählt. Darüber hinaus wendet sich „Dreckiges Neon“ gegen das  Berlin der Nuller Jahre, in denen Klaus Wowereit aus der Hauptstadt  einen touristischen Themenpark über das besiegte Nazideutschland  erschaffen hat. Der Tonfall des Romans ließe sich am besten mit Boheme-Pulp beschreiben.

Eine Prosa-Vignette aus dem Werk des kroatisch-deutschen Theatermachers, Autors und Performancekünstlers

Ländergrenzen Mondrian

Vielleicht erinnern sie sich an den niederländischen Maler Piet Mondrian. Seine Bilder sind unterteilt in Rechtecke, die mit einem regelmäßigen schwarzen Pinselstrich gezogen wurden. Manche Flächen die entstehen sind in monochromen Farben ausgemalt, rot, oder blau, oder gelb. Beim Betrachten dieser Bilder hatte ich ein Erweckungserlebniß, wie Gertrude Stein nach ihrer ersten Reise in einem Flugzeug. Sie sagte, daß sie beim betrachten der Erde aus der Höhe, beim Anblick der Wiesen und Felder, Bahnlinien und Straßen von oben plötzlich den Kubismus verstanden habe.So habe ich beim Betrachten der Bilder Mondrians plötzlich in die Seele der Papierlosen blicken können. Sie haben kein Land, keine Heimat, keinen Ort. Ihnen gehören die Grenzen, die sich von menschenhand gezogen, unsichtbar zwischen den Ländern befinden. Ihr Land ist ein langer Strich, oder eine ewige Linie, welche sich über die Erde zieht. Ihr Land ist staatenlos und undendlich lang, soweit es nicht von Ozeanen oder Seen unterbrochen wird. Aber ihr Land ist auch sehr eng, wie ein kleiner Trampelpfad, den nur Tiere benutzen.