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14.08.2020, Jamal Tuschick

Die Bedeutung der DDR könnte sich in der retrospektiven Auffassung als Episode u.a. der sächsischen Landesgeschichte erschöpfen. In einer Lesart ist der Staat eine Maus, die einem Elefanten befehlen möchte. Ich sag das jetzt mal so unverschmockt: der Elefant, das sind immer wir. 

Sozialistischer Thriller

Konrad Wolfs 1958 im Tau der Aufbaueuphorie entstandene sozialistische Thriller „Sonnensucher“ kam wegen halbwegs realistischer Schilderungen des Uranbergbaus der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut lange nicht in die DDR-Kinos, obwohl der Staat mit solchen Referenz-Schmuckstücken für sich hätte Reklame machen können. Wolf variiert den Birth-of-Nation-Topos ohne Preisgabe des genretypischen Pathos. Die Deppen im Politbüro erkannten nicht, dass ihnen der Idealist Wolf ein goldenes Ei in ihr armes Nest legen wollte.  

Eingebetteter Medieninhalt

Irgendwann bringt Hermann Flades Ziehvater das Schulgeld nicht mehr auf. Flade demissioniert in den Uranbergbau der sowjetischen Wismut-AG, dem fürchterlichsten Betrieb im Moskauer Herrschaftsbereich auf deutschem Boden.

„Die Arbeitsbedingungen sind denkbar schlecht“, schreibt die Autorin schlicht.

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Die DDR als Episode

Mancher behält ihn als „Sonderling“ in Erinnerung. Nach seiner Geburt ein süddeutscher Katholik wirkt Hermann Flade in dem sächsischen Erzgebirgsflecken Olbernhau versprengt, wenn nicht sogar deplatziert. Die Münzen der Kleinstadt stammen aus einem protestantischen Prägestock. In dieser Presse liegt die Form von Ordnung und Normalität in einer Größenordnung, die am Ende auch die DDR lediglich als Episode in der sächsischen Landesgeschichte erscheinen lassen wird.

Karin König, „Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben. Hermann Flade – Eine Biographie“, 40 Abbildungen, Lukas Verlag, 200 Seiten, 19.80 Euro

Irgendwann bringt der Ziehvater das Schulgeld nicht mehr auf. Flade demissioniert in den Uranbergbau der sowjetischen Wismut-AG, dem fürchterlichsten Geschäft im Moskauer Herrschaftsbereich auf deutschem Boden.

„Die Arbeitsbedingungen sind denkbar schlecht“, schreibt die Autorin.

Flade steckt bald wieder auf und verdingt sich in einer Ziegelei. Immer wieder eckt er an. Zum Beispiel verweigert er die freiwillige Zwangsabgabe einer Stalinspende. Mit Mutterwitz zieht er sich aus der Affäre. Ihm glückt die Freundschaft zu einer angehenden Apothekenhelferin. Mit ihr wandert er. Flade gibt das freie Umherschweifen im Wald altklug als bescheidenes Vergnügen aus. Nur, welches Vergnügen könnte denn größer sein?

König fragt nach Motiven zumal junger Dissident*innen in der frisch aufgebrühten, noch nach Zukunft duftenden DDR. Sie erinnert an Verhaftungen und schwere Strafen und benennt Uwe Johnson und Brigitte Reimann als potente Zeug*innen der Zeit um 1950. Reimann, die als Stalin-Bewunderin supergut ankommt, nennt Gegner*innen des Regimes Verräter*innen.

„Auch zum Verräter gehören Mut und eine gewisse Portion Gehirn.“ 

Flades Widerstand stellt sich als privates Projekt dar. Der Oppositionelle operiert an einer Außenkante seines Gewissens. Er will nicht schuldig werden, die Fehler im Nationalsozialismus nicht wiederholen … und er trägt schwer an seinen abweichenden Ansichten.

„Es war ein Tasten und Suchen“, so Flade in seinen eigenen Worten. Nach seinen Ausflügen in die Produktion firmiert er nun wieder als Gymnasiast. Überall lauert der Vorwurf, ein „Feind des Volkes“ zu sein.   

Der Mut des jungen Flade

Er ist ein Selbstläufer. Unerreichbar für die Moden und Marotten einer verhauenen Jeunesse. Der Krieg ist gerade einmal fünf Jahre vorbei, als Hermann Flade, kaum achtzehnjährig, Charakter beweist. Er steht gerade, während andere buckeln und sich wegdrücken. Am 15. Oktober 1950 geht die Wahl zur ersten Volkskammer als Pflichtprogramm über die Republikbühne. Wer zum Ankreuzen nicht aufkreuzt, muss mit Sanktionen rechnen.

„Die Wahl ist eine ... Farce“, schreibt Karin König.

Flade opponiert mit Flugblättern gegen die Scheinwahl. Die Wahlbeteiligung liegt knapp unter hundert Prozent.

Parteilichkeit ist das Gebot der Stunde.

1950 verurteilen DDR-Gerichte „78000 Angeklagte wegen politischer Delikte”. Unter dem staatlichen Gewaltschirm „können politische Konflikte nicht offen ausgetragen werden”.

Protestäußerungen fehlen die großen Kaliber bürgerlichen Selbstbewusstseins.

*

Ende der Vierzigerjahre bilden sich an Oberschulen in der Sowjetischen Besatzungszone Widerstandsgruppen. Gymnasiasten bieten „der SED-Diktatur die Stirn“ mit kleinen Manövern. Im thüringischen Altenburg sind Lehrer mit von der Partie. Die Subversion gipfelt in der Störung einer Rundfunkfrequenz. Das Ministerium für Staatssicherheit macht eine große Sache daraus. Verhaftete werden an den NKWD überstellt. In einem Geheimprozess versteigt man sich zu Hinrichtungsanordnungen. Die Delinquenten werden für die letzten Maßnahmen nach Moskau verbracht.

Flades Kindheit im Erzgebirge

Bauern auf kargen Boden sind die Erzgebirgler beinah von jeher. Bereits im 17. Jahrhundert stand man vor dem Ruin erschöpfter Bodenschätze. Das Klöppeln und die Feierabendschnitzerei gehören zu einer Armutsproduktion mit sich selbst verklärenden Aspekten im „Weihnachtsland“, das als protestantisches Zentrum eine eigene Gravitation hat. Davon profitiert heute die Tourismusindustrie. Sie vermarktet Idyllen mit märchenhaften Anmutungen. 

Der 1932 in Würzburg auf die Welt gekommene Flade wächst in Olbernhau auf. Die Kleinstadt im sächsischen Erzgebirgskreis ist der Geburtsort seines Ziehvaters. Der leibliche Vater spielt im Takt der mütterlichen Regie weiter keine Rolle.

„Der Mann war Schlosser, und es war mir nicht wegen der Liebe, ich wollte ein Kind.“

Erst unter dem nationalsozialistischen Konformitätsdruck entschließt sich die mit einer Waisenhaussozialisation geschlagene Therese Breul zur Ehe mit einem gefälligen Mann, dem die Anpassung zur zweiten Natur geworden ist; so dass man ihn als Parteigenosse kennt. Das Kind im Haushalt ist aus anderem Holz geschnitten. Flade verweigert sich den jungvölkischen Sperenzchen. Intuitiv lehnt er die paramilitärische und autoritäre Struktur der NS-Nachwuchsschulung ab. Er bindet sich an den katholischen Pfarrer in einer erzevangelischen Gegend.

„Der war ja katholisch“, werden ihm die Leute einmal nachsagen. Dem Lutherischen Volk reicht das als Erklärung der Andersartigkeit.

Eine interessante Nebenspur: Olbernhau ist durch und durch reformiert. Dann kommen mit den Geflüchteten („Umsiedler“ nach der offiziellen Sprachregelung) „verstärkt Katholiken in den Ort“. So geht eine gemeinhin unbeachtete Gegenreformation vonstatten. Evangelische Landstriche haben plötzlich wieder eine Opposition wie seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr.

Das macht doch was mit einem. Ewig war man unter sich, war evangelisch und lobte seinen Luther. Und nun sind die anderen wieder da. Katholische Gottesdienste hält man in einem aufgelassenen Gasthof ab. Mehr Entgegenkommen gibt es nicht. Heute signalisiert der Internetauftritt Kontinuität im geistlichen Leben von Olbernhau. Dass da eine Lücke von Jahrhunderten klafft, fällt nicht auf.

Seit dem späten 17. Jahrhundert fertigt man Büchsen in Olbernhau. Ein Weilchen verband sich mit dem Städtchen die einzige sächsische Gewehrmanufaktur. 

Aus der Ankündigung: Wenn es jemanden in der DDR gegeben hat, der die Staatsideologie der SED bereits in ihrer Anfangszeit schonungslos entlarvt hat, dann war es der aus dem Erzgebirge stammende Oberschüler Hermann Flade. Als im Oktober 1950 die ersten Volkskammerwahlen stattfinden sollten, griff er mit einer individuellen Protestaktion das von der Einheitspartei vertretene Demokratieverständnis frontal an und charakterisierte es als totalitäre Herrschaft, die weder Pluralität noch Gewaltenteilung kannte. Wie brutal der Staatsapparat auf die Verteilung von Flugblättern in der Provinz reagierte, wurde deutlich, als man den Achtzehnjährigen in einem Schauprozess zunächst zum Tode verurteilte. Erst eine internationale Protestkampagne führte dazu, dass das Urteil revidiert und Flade zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Ein Jahrzehnt lang musste er die Qualen und Demütigungen so berüchtigter Gefängnisse wie Bautzen, Torgau und Waldheim über sich ergehen lassen. Als er 1960 entlassen wurde und sich in den Westen absetzen konnte, blieb der junge Oppositionelle weiter ein erbitterter Gegner des SED-Regimes. Er studierte Politische Philosophie, um seinem Handeln ein theoretisches Fundament geben zu können. Ein an Hannah Arendt orientierter Freiheitsbegriff schien ihm die entscheidende Voraussetzung für eine parlamentarische Demokratie, die ihren Namen verdiente. An einen heute vergessenen Mann wie Flade zu erinnern bedeutet auch, sich jener unteilbaren Fundamente zu vergewissern, die erst nach der deutschen Einigung für alle Deutschen gleichermaßen Geltung erlangt haben. 

Karin König, geb. 1946, ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin. Nach einer Berufsausbildung zur Physiotherapeutin, einem Studium der Sozialarbeit und dem sich anschließenden Studium der Erziehungswissenschaften in Frankfurt/Main hat sie vornehmlich als Jugendbuchautorin über junge Migrantinnen aus der Türkei und über DDR-Jugendliche publiziert. Von 1995 bis 2015 war sie Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung; seitdem ist sie an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur beschäftigt. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Untersuchung von Protest und Widerstand in der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR.