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16.08.2020, Jamal Tuschick

#MeToo ist eine Befreiungstechnik, mit der sich frau aus dem Würgegriff des Schamschweigens löst. Was auch immer mit Missbrauch sich verbindet, Schüchternheit, behutsame Penetration, seelische Solvenz, ein großes Repertoire, vielleicht sogar Genie, in das Zentrum jeder Betrachtung rückt das Gefälle zwischen Macht und Ohnmacht zum Nachteil der Heranwachsenden. Auch der ambitionierte, beruflich lobenswert unverdrossene Literaturlehrer Jacob Strane, ein Brocken aus Montana, vorgeblich so autonom und vor Ort deplatziert wie ein Kaffeeautomat in der Wüste, geht sachte vor. Er scheint seine Absichten selbst durchkreuzen zu wollen. Er suggeriert dem Objekt seiner Begierde, der fünfzehnjährigen Schülerin Vanessa Wye, eine selbstbestimmte Rolle im infamen Spiel. Er ködert sie mit Nabokovs LolitaGuck, das bist du, sagt der Subtext. Er sagt: Du willst es doch auch. 

Jacob kommt Vanessa mit Jonathan Swifts Cadenus and Vanessa, einem Gedicht über Esther 'Essa' Vanhomrigh, deren Namen der Dichter entzweibrach. Jacob verweist auf die Anspielungskunst (Allusionstheater) einer anderen Zeit. Swift verfasste seine fordernde Anbetung 1713, um sie erst dreizehn Jahre später zu veröffentlichen. Wikipedia weiß: “The poem contains in its title an anagram and a neologism: Cadenus is an anagram of the Latin decanus, meaning ‘dean’: Swift was dean of St Patrick's, and known as Dean Swift in the manner of the time.”

So verkauft Jacob dem Kind die verbotene Beziehung als Elysium von Academia. Er zerstört Vanessa, indem er sie auf sich fixiert und seine Geilheit als gemeinhin unerreichbaren Liebeshöhepunkt ausgibt. Jahre später versuchen beide es noch einmal. Sie spielen ihr erstes Mal nach. Jacob findet seine Erregung nicht, Vanessa konstatiert kühl: Ich war ihm schon zu alt

Infames Spiel

Ständig geht er zu weit. Er führt ihre Hand über der Maus, zupft an ihrem Pferdeschwanz, vergleicht ihre Haarfarbe mit dem Ahorn-Rot im Indian Summer. Er kommt ihr mit seiner provinziellen Kindheit, dem Studium in Harvard und Sylvia Plath. Er wickelt sie mit Zitaten ein.

Wir kennen die Masche.

Kate Elisabeth Russell, „Meine dunkle Vanessa“, Roman, aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer, 446 Seiten, 20,-

Vanessa kennt sie nicht. Sie reagiert auf den fortgesetzten Übergriff mit Abspaltungen. Sie wird zur Akteurin. Die Konstellation erlaubt ihr nichts anderes. Der Erwachsene will von ihr getröstet und verstanden werden. Er überfordert sie, zeigt sich von ihr enttäuscht; belehrt sie über seine Erwartungen.

Sie ist ihm nur recht, wenn sie sich fügt. Zugleich behauptet er:

„Du hast das Sagen.“

So differenziert schreibt auch Ute Cohen in „Satansspiel“ über das Phänomen der Vereinnahmung. Hier noch einmal die Besprechung.

© Jamal Texas Tuschick

Zustimmende Ablehnung

Ute Cohen im Gespräch: Pretending to be a stone - Die jahrelang währende Omertà wird unweigerlich eines Tages durch überschäumende Offenheit gebrochen. Das rechte Maß zu finden ist für alle ehemaligen Opfer eine Herausforderung. Vielleicht aber – und darin liegt ein gewisser Trost – ist die Maßlosigkeit auch charakterbedingt. Der Gedanke, nicht alles sei auf den Missbrauch zurückzuführen, muss aber erst sedimentieren; ein Prozess, der Zeit braucht. Im „Pretending to be a stone“ aber liegt auch Koketterie und Selbstermächtigung. So tun als ob oder auch nicht, meine Wahl, meine Entscheidung! Das Spiel mit der Maske weist Wege zu einer neuen Persönlichkeit.

Rummel und Rauch

Er kommt mit Waffeln und dem Versprechen grenzenloser Wunscherfüllung, während sie sich vom Echo des Freizeichens zerstreuen lässt. Ihr Zustand ist die Unschärfe in der Schwebe.

Ihre Empfindungen sind so unausgewogen, dass sie an allen Enden Polster brauchen. Fast alle Behauptungen fühlen sich falsch an.

Er schmeichelt sich ein und erscheint gleichzeitig als tonangebende Instanz. Sie bewirbt sich um seine Aufmerksamkeit. Auch wenn sie noch ein Kind ist, hat sie ihn bereits als Aufschneider durchschaut.

Seine Intuition ist eine Angel. Er angelt kleine Mädchen.   

Ute Cohen, „Satans Spielfeld“, Roman, Septime, 216 Seiten, 21.90 Euro

Eine Zwölfjährige registriert die verbotenen Valeurs. Sie erkennt die skrupellose Überschreitungsbereitschaft des fremden Vaters gegenüber einer Freundin seiner Töchter. Sie wird zur Verlassenen, als die Blutsschwestern abschwirren in ein Internat am Starnberger See.

Ute Cohen in einem Interview: „Manche sagen: Dein Körper macht, was er will, und die psychosomatischen Wechselwirkungen darf man nicht unterschätzen. Ja, das muss man wahrnehmen! Aber man darf eben auch seine Analysefähigkeiten nicht unterschätzen und die Macht, die man damit über sich erlangt. Auch das ist ein Wechselspiel. Es erfolgt nicht alles über das Unbewusste und die Körperlichkeit.“

Marie ist die Neue. Eine in Gnaden aufgenommene Asylantin. Fordernd und mutwillig beanspruchen Sabine und Nicole Bauleitner die Gebietshoheit. Ihr anmaßendes Wesen wiederholt in einer panzerbrechenden Verdopplung den Herrschaftswillen ihres Vaters. Einmal lässt der Mann einen Zwanzigmarkschein auf dem Rummel in Rauch aufgehen, um allen zu zeigen, wie frei er sich fühlt.

Jetzt ist er fast am Ziel. Marie sieht zu dem erfolgreichen Vater auf. Ihre eigene Familie sitzt auf einem absteigenden Ast und hat sich schon prima verschlechtert. Aus dem Altbau in die bayrische Platte. Marie ignoriert so gut sie kann die Misere des sozialkatholischen Wohnungsbaus.

Sie empfindet die Deklassierung als ungerechte Strafe. Was kann sie für die Unfähigkeit ihres Vaters? Im Gegensatz zu ihm funktioniert Sabine und Nicoles Vater. Er übererfüllt sämtliche Erwartungen. Bauleitner schreibt Drehbücher der Faszination für die ihm Anvertrauten. Nur seine Frau lässt er links liegen.

Eines Tages ist es soweit. Marie Steger bricht und fühlt sich doch erhaben. Die sexuell funktionalisierte Zwölfjährige weiß mehr als ihr Vater und manch anderer Wirtshausfürst auf dem ländlichen Schauplatz ihrer verpfuschten Kindheit. Fred Bauleitner äußert sich freimütig in Maries Gegenwart. Bei ihr lässt er die Sau raus; Ute Cohen zeigt, wie ungebunden/unkontrolliert der Mann ist. Er dreht frei und vertraut auf sein Glück.

„Marie fragte sich, warum alle Menschen im Dorf ihn so verehrten.“

Lektürestress

Bauleitner ist ein hitzköpfiger Verschwender, der mit seinem Parteibuch die Leute vermöbelt. Marie verspricht er, ihre Vagina mit einer Karotte „schonend“ zu weiten. Cohen lässt offen, wie viel (nicht allein vorgebliche) Fürsorge in der Absichtserklärung steckt. 

Nicht auszuschließen ist, dass er sich mit Floskeln um ein schlechtes Gewissen betrügt. Die ambivalente Schilderung eines Scheusals stellt sich als Herausforderung dar. Gesteigert wird der Lektürestress von Maries atemlosen Bemühungen, die von Bauleitner angewiesenen Anpassungsgipfel zu erreichen.

Bauleitner will Marie magersüchtig dünn. Er fordert gewichtserhaltene Verzichtleistungen. Marie unterwirft sich. Sie verweigert Mahlzeiten, rügt sich für jedes Stück Schokolade, das die drakonischen Wächter des Überichs passieren lassen. Das ist der traurige Witz. Bauleitner hat sich als Überich in Marie eingerichtet. Er muss jetzt nicht mehr viel tun.

Er könnte sie geschwängert haben. In der Logik ihres Verhängnisses hat sie nicht richtig gerechnet und deshalb ungeschützten Verkehr an einem fruchtbaren Tag zugelassen. Der Akt selbst gleicht so oder so einem Apportierkunststück. Lobt er, lacht ihr die Sonne.

Marie und Bauleitner spielen Vater und Tochter, um einen Arzt zu täuschen. Marie füllt ihr Aufgabe mit großer Überzeugungskraft aus. Sie geht in ihrer Rolle auf und weiß nicht, wie ihr geschieht.

In einer der grausamsten Szenen führt Bauleitner Marie einem Spezi zu, von dem er sich als Geschäftspartner und Türöffner so viel verspricht, dass er bereit ist, seine Beute zu teilen.

Die Schäbigkeit des seelischen Interieurs der Vergewaltiger überschreitet eine Schmerzgrenze des Lesers. Marie erlebt ihre Verdinglichung in eben der Antinomie, die in der Formulierung steckt. Man spürt, wie man zum Ding wird. Stößt in den Prozessen auf Widerstände und geht in die Vermeidung durch Vortäuschung: Pretending to be a stone.

Bauleitner bleibt unangefochten. Er hat sich ein Wesen erschaffen – eine Attrappe, die Eifersucht empfindet. Ein Mädchen, das sich auf einen gemeinsamen Urlaub mit ihrem Vernichter und dessen Töchter freut und zugleich ihren Eltern zum Vorwurf macht, sie einfach ziehen zu lassen.

Seine Intuition ist eine Angel. Er angelt kleine Mädchen.

Garantierte Präsenz

Aus dem Gespräch zwischen Ute Cohen und mir: Das freut mich ungemein, lieber Herr Tuschick, dass Sie die Nuancen wahrnehmen. Es betrübt mich, dass es vielen Feministinnen nicht gelingt, die Identifikationsmöglichkeiten für Betroffene in dem Buch (die Rede ist von "Satans Spielfeld") zu erkennen. Warum sehen oftmals selbsternannte Opferhüterinnen eine Verräterin in mir? --- Ich entgegne: Der Vorwurf verfehlt das Buch. Sie beschreiben, wie emotionale Abhängigkeit aufgebaut und ein Herrschaftsverhältnis etabliert wird. Den Satz übernehme ich gleich in der Fortsetzung meiner Besprechung. In mir arbeitet etwas, dass ich vorläufig die „Farben der Gewalt“ nenne. Schon bei der Goldkettenszene wollte ich schreiben: Er legt sie an eine Goldkette. Dann habe ich mich das nicht getraut. Sie selbst sprechen von einer „unsichtbaren Leine“. 

Der Missbrauch erfüllt sich überhaupt erst in der Sublimation. Wenn man ihn in seinen Sex integriert hat. Der Seelenschänder bleibt an Bord. Der Mensch, mit dem man wenigstens zu tun haben will, garantiert sich eine Präsenz, indem er dafür sorgt, dass alles auf ihn hinweist. In diesem Satz stimmt die Zeit nicht. Aber ich finde, dass die Perpetuierung einer vergangenen Gegenwart im Jetzt den Nagel auf den Kopf trifft. - Das Prinzip der Vernichtung: Man macht jemanden für sich geräumig, indem man ihn gegen sich einnimmt. Der Schänder sorgt dafür, dass man gegen sich selbst vorgeht (wütet) und ihm sogar nachsieht, was man sich selbst nicht nachsehen kann. Deshalb sind Racheakte theatralisch. Man kann sich nicht rächen. Jede Reaktion legt eine

Schweißspur des Ungenügens

Marie sucht Orientierung sogar in der „Bravo“. Niemand kann ihr helfen. Auch ihr Vater existiert in Abhängigkeit von dem Seelenschänder, der sich die Zwölfjährige krallt. Für Fred Bauleitner ist Marie ein „Pflänzchen“, das, so will es die im Roman zitierte bayrische Wirtshauszote, „gegossen“ werden muss. Sonst „vertrocknet das Pflänzchen.“

Rechts die Marienkirche im Zentrum zwischen Wismarer Marktplatz und Fürstenhof. Ihr von Bomben zerschlagenes Schiff wurde 1960 gesprengt. Das Politbüro schenkte sich die Wiederherstellung aus Rache an der bürgerlichen Angelegenheit Religion. Während ich mir die Sache ansah, dachte ich über Ute Cohens Erzählgenauigkeit nach. Sie geht so weit hinaus über das Allerlei der verkürzten Auffassung von dem, was Missbrauch jenseits offener Gewalt eigentlich ist. Cohens Analyseroman „Satans Spielfeld“ muss unbedingt als erstrangiger Betrachtungsgegenstand begriffen werden.

Maries Selbsttäuschung

Marie Steger ist eine Zwölfjährige in höchster Not. Längst stehen sich ihre Eltern feindlich gegenüber. Dem Vater gelingt nichts. Er hat schon so viel angefangen und nichts zu einem Erfolg geführt. Trotzdem fühlt er sich erhaben und den rustikalen Leistungsträgern in der Gegend seines Desasters überlegen. Er leistet sich einen Dünkel; Maries Mutter geht putzen. Sie versucht zusammenzuhalten, was wie von Magneten auseinandergezogen wird. Auch an Marie zerren die Kräfte des Niedergangs. Die Schwäche der Eltern macht sie zur Beute des barock auftrumpfenden Kleinstadtbaulöwen Fred Bauleitner. Er ruiniert Marie ohne Skrupel. Sie fühlt sich „eingepflanzt in seiner Hand“. Sie erklärt sich ihre Vernichtung als Folge ihrer eigenen Entscheidungen.

Das ist entsetzlich. Cohen gelingt es, dass Grauen jedermann frei Haus zu liefern. Lesen Sie „Satans Spielfeld“. Dann wissen auch Sie, dass ich nicht übertreibe. 

Eine Goldkette für Marie

Bauleitner geht strategisch vor. Er spinnt die zwölfjährige Marie ein. Die zurückgebliebene Freundin der in ein Internat am Starnberger See ausgerissenen Schwestern Sabine und Nicole beteiligt sich (in der von Ute Cohen in ihrem ersten Roman „Satans Spielfeld“ genial beschriebenen Wahrheit von) halbtot und lebhaft an der Inszenierung eines alten weißen Mannes. Bauleitners Idol ist der englische Fotograf und Regisseur David Hamilton, dessen weichgezeichneten Mädchen-unter-wehendem-Chiffon-am-Strand-Szenen in den 1970er Jahren zur legalen erotischen Nahrung gehören. Heute erscheint Hamiltons Tunika-Theater peinlich und verboten. So deutlich als sei sie nackt, steht die Überschreitung im Raum. Bauleitner staffiert Marie aus. Er legt ihr eine Goldkette an. Er instrumentalisiert sie und ihren Doppelwunsch nach Schutz & Anerkennung.

Pädophilie im Weichzeichner 

„Du bist fett geworden.“

Nein, Inge findet keine Gnade mehr in den Augen ihres Gatten - des Kleinstadt-Tycoons Fred Bauleitner. Die Verzweifelte konkurriert mit ihren Töchtern und deren besten Freundin Marie um Fragilitätsvorsprünge. Herausgemeißelte Schlüsselbeine, zurecht gehungerte Taille … Inge kauft sich Mädchenkleider. Wir sind in den obszönen Siebzigerjahren, Rolf Dieter Brinkmanns sexistischer Roman „Keiner weiß mehr“ ist ein Bestsellererfolg. Die Feinschmecker warten auf eine würdige Neuübersetzung von Vladimir Nabokovs „Lolita“. Steht ein Genie auf Zwölfjährige, dann gehört das zur Genialität. Siehe Roman Polanski. Alle sehen den neusten Woody Allen und identifizieren sich mit Allens Großstadtneurotikern. Den Vogel ab schießt David Hamilton. Das Markenzeichen des perversen Briten ist die Pädophilie im Weichzeichner. Auch darauf steigen viele ein. Hamilton formuliert ein Ideal. Seine Ikonografie der pubertierenden Elfe liefert Ute Cohens Roman „Satans Spielfeld“ die Folie. Der Minimogul will seine eigene Bilitis. Wikipedia sagt „Bilitis ist ein Film … (von Hamilton) nach Gedichten von Pierre Louÿs.“ Bauleitner vergleicht Marie mit der Titelheldin. Er fotografiert das Mädchen in der Waschküche. Er animiert sie mit einschlägigen Fotos. „Siehst du, Mädchen lassen sich gerne fotografieren. Das ist Kunst. Du darfst es aber nicht erzählen.“

Das Grauenhafte vollzieht sich im unwahren „Einverständnis“ des Opfers. Marie kommt den Erwartungen des Täters entgegen. Sie wähnt sich auf einem Hochseil der Freiwilligkeit. 

Ute Cohen über Gewalt:

„Gewalt – ein Faszinosum! Vergessen wir nicht, dass sich hinter roher, körperlicher Gewalt, subtiler psychischer Gewalt und rücksichtsloser Zwangsausübung auch etwas Mächtiges, Großes und Eindrucksvolles verbirgt. Gewalt kommt zwittrig daher, stößt ab oder zieht unweigerlich in den Bann. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin als Kind vergewaltigt worden. Mein Roman „Satans Spielfeld“ lotet diese schillernden Seiten der Gewalt aus, die Vereinnahmung und Bannung jenseits von Täter- und Opferrollen. Gewalt ist deutbar. Gewalt zu deuten und umzudeuten kann das Überleben garantieren. Als Betroffene, als Gebannte schärft man den Blick, feilt an einem Prisma, das Gewalt in ihrer Ästhetik erkennt. Das Unerträgliche abzuspalten, gelingt nur durch die Erschaffung von Bildern und Parallelwelten, die eine ganz eigene Schönheit entfalten. Schmerz, Wunden, Narben werden verfremdet und in ihrer brüchigen, fragilen und doch titanenen Beschaffenheit erkannt. Das reale Geschehen verblasst dagegen. Nach dem GewaltAKT wird man handlungsfähig, gestärkt durch diese zweite Welt der Ästhetik und Poesie. Denn was ­­– um Himmels willen! – schenkt uns sonst die Kraft, zu überleben, wenn nicht Schönheit, Kunst und Poesie? Dazu mehr, eines Tages, ein Essay vielleicht zur „Poesie der Gewalt“.

Der durch Gewalt geformte Körper verleibt sich diese Zwittrigkeit ein: Er wird geschwächt und abgehärtet zugleich. Der Auslöschung nah, begegnet er der Welt mit Furchtlosigkeit. Was kann ihm noch passieren, was nicht schon geschehen ist? 

Aufgewachsen in superber Einsamkeit bewahrt Vanessa ein starkes Gefühl für sich selbst. © Jamal Texas Tuschick

Social Media Hell

In „Meine dunkle Vanessa“ lokalisiert Kate Elisabeth Russell irritierende Echos des global-viralen #MeToo-Aufschreis

Eingebetteter Medieninhalt

Sie weiß, wie man ein „gutes Trinkgeld“ ergattert, ohne selbst Aufwand treiben zu müssen. Den Champagner als übersteigerte Aufmerksamkeit für „das Pärchen, das sein Einjähriges feiert“ ordert Vanessa auch nicht anders als jeder Gast. Sie nutzt Strukturen, Standardeinstellungen. Sie hält sich an das übliche Programm. Bloß leiert sie es nicht herunter. Die Irritation eines Wimpernschlags, ein scheinbar von der Faszination losgeschickter Blick, ein erotischer Hauch, der wie Nebel über dem Tonfall aufsteigt: das reicht, um einen guten Job zu machen und als Concierge ein gutes Leben zu haben.

Kate Elisabeth Russell, „Meine dunkle Vanessa“, Roman, aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer, 446 Seiten, 20,-

Vanessa ist in der Tourismusbranche, sie datiert die Vorgänge auf das Jahr 2017. Nach außen erscheint sie auf Draht, doch ihre Innenwelt hat eine Facebookhülle, das heißt, die Erzählerin steckt in der Sozialemedienhölle. Sie leckt sich die Finger nach Likes. 

„Wie unter Zwang rufe ich den Facebook-Post auf.“

Jacob Strane ist der Mann, dem gerade der Maulwurfhügel seiner Existenz auf die Füße fällt. Er war Vanessa Lehrer und Liebhaber in einer strikt verbotenen Konstellation.

In mir rauschen meine sechzig Lebensjahre auf. Mit der Hochschulreife zogen unsere Ehrgeizigsten, das waren Frauen durch die Bank, nicht nach Berlin, wo die Tage begannen, wenn in Westdeutschland Feierabend war, und nicht nach Frankfurt am Main, wo Adornos Geist vermutet wurde, sondern direkt und kompromisslos nach Amerika, um da zu bleiben. Sie wurden Meisterinnen ihrer Fächer, die sie dann unterrichteten. Sie bekamen Kinder oder auch nicht, doch blieben sie in jedem Fall in the long run alleinstehend, da die Kollegen vom Jugendmagnet angezogen wurden.

Same old story same old shit … doch verändern sich die Bewertungen in drastischer Weise. Der Fall, der Strane zu Fall bringt, wurde schon einmal ausgeleuchtet, jedoch in den Farben einer anderen Ära. 

„Wir leben jetzt in einer anderen Zeit“, weiß Jacob. 

Vanessa telefoniert mit ihm. Ab und zu schleicht sich eine alte Vertrautheit ein. 

*

Taylor Birch heißt die Frau, die Jacobs Affären-Muff in der Öffentlichkeit stinken lässt. Im Highend-Jetzt eines Augenblicks am Rezeptionstresen ruft Vanessa Facebook auf. Die Likes und Shares, die auf Taylors #MeToo-Post reagieren, schießen durch die Decke diskreter Lösungen. Auf der Plattform formiert sich eine Armee im Angriffsmodus. Der Feind ist ausgemacht. Vanessa vertraut sich dem Erinnerungsstrom an.

„Als Strane und ich uns kennenlernten …“  

Sie ist fünfzehn, dreißig Jahre jünger. Er erzählt den üblichen Mist. Sie glaubt ihm einfach. Das ist leicht, so unbeschwert vom Gepäck der Erfahrung. Er rühmt die „emotionale Intelligenz“ der Schülerin. Er hebt Vanessa hervor. Er schmeichelt ihr, erklärt sie zum „Wunderkind“ – vor allem jedoch, das ist der infame Dreh, zur Seelenverwandten“.

Wir wissen es alle. Falls du keine Seelenverwandte in deinem Alter findest, hast du keine in deiner Reichweite. Sex und Seele sind sehr verschiedene Materien. Das begreift man im Verlauf der Jahrzehnte immer wieder neu. Mir ergeht es mit diesen Erweiterungen so wie mit den Fortschritten, die ich im Karate mache. Nach zehn Jahren Training, als mit spätestens zwanzig, hat man doch noch keine Ahnung. Es ist das Testosteron, das wie Doping wirkt; eine Droge, so wie Sex eine Droge ist, die einen zum Diversifikation-Extremisten macht. Nähe entsteht so nicht. Die Feinarbeit im Zentimeterbereich, das Zusammenspiel der Winkel; eine minimale Verschiebung der Hüfte. Man zieht Kraft aus der Erde. Das Knie wirkt wie ein Elevator. Und jetzt kommst du, dreißig Jahre älter, und lügst, weil dir mein Hintern nicht aus dem Kopf geht. Geh mir fort, sagt der Hesse*.

Wie ein Unterseeboot auf Schleichfahrt tastet sich Jacob vor. Er wirbt so elaboriert, berauscht von Vanessas Schmelz, den er mit seinen Augen aufkratzt.   

...

Vanessa ist gern mal traurig: mit Fiona Apple im Ohr.

Aufgewachsen in superber Einsamkeit bewahrt sie ein starkes Gefühl für sich selbst.  

Aus der Ankündigung: Vanessa ist gerade fünfzehn, als sie das erste Mal mit ihrem Englisch-Lehrer schläft. Jacob Strane ist der einzige Mensch, der sie wirklich versteht. Und Vanessa ist sich sicher: Es ist Liebe. Alles geschieht mit ihrem Einverständnis. Fast zwanzig Jahre später wird Strane von einer anderen ehemaligen Schülerin wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Taylor kontaktiert Vanessa und bittet sie um Unterstützung. Das zwingt Vanessa zu einer erbarmungslosen Entscheidung: Stillschweigen bewahren oder ihrer Beziehung zu Strane auf den Grund gehen. Doch kann es ihr wirklich gelingen, ihre eigene Geschichte umzudeuten – war auch sie nur Stranes Opfer?  »Meine dunkle Vanessa« ist ein brillanter Roman über all die Widersprüche, die unsere Beziehungen prägen, ein Roman, der alle Gewissheiten erschüttert und uns spüren lässt, wie schwierig es ist, klare Grenzen zu ziehen. Verstörend und unvergesslich!

Kate Elizabeth Russell wurde in Maine geboren und hat an der University of Kansas promoviert. Sie schreibt für verschiedene Magazine, und eine ihrer Erzählungen wurde für den renommierten Pushcart Preis nominiert. Ihr Debütroman »Meine dunkle Vanessa« stieg direkt nach Erscheinen in die Top Ten der New-York-Times-Bestsellerliste ein und wird von Kritikern wie Leserinnen heiß diskutiert. Das Buch erscheint in rund 25 Ländern. Kate Elizabeth Russell lebt in Madison, Wisconsin.