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18.08.2020, Jamal Tuschick

Das Leiden der Anderen

Lange vermeidet Vanessa Wye eine Begegnung mit jener Gunstkonkurrentin, die den pädophilen Pädagogen Jacob Strane auf Facebook anzeigte und so seine Entmachtung einleitete. Im Gegenzug wird sie (in der Romangegenwart weiterhin) massiv bedroht. Wiederholt sucht sie Vanessas Solidarität und fordert V. auf, gemeinsam mit ihr eine Phalanx der Glaubwürdigkeit zu bilden. Vanessa verweigert die hilfreiche Identifikation mit dem Leiden anderer. Nicht nur in diesem Kontext zeigt sich die Vexierkunstfertigkeit von Kate E. Russell. Hätte sie Vanessas Rivalin Taylor Birch zur Heldin ihres Romans gemacht, wäre die Geschichte politisch korrekt erzählbar gewesen und deshalb doch gewiss nicht weniger überzeugend als mit der Isolationistin Vanessa als (den Leser) einladender Person.  Exklusivität lautet das Zauberwort. Vanessa beansprucht den Thron der Lolitas im Reich ihres persönlichen Humbert Humbert. 

Vanessa wehrt sich gegen Einmütigkeitsbestrebungen im Geist von #Metoo. Sie verweigert die Solidarität mit anderen Opfern des Meisters ihres Daseins – des in jeder Hinsicht beeindruckenden, als Lehrer unter seinem intellektuellen Niveau rangierenden Pädophilen Jacob Strane.

Vanessa will und kann sich nicht gemein machen mit anderen ehemaligen Objekten der Begierde eines alten Wüstlings. Hunderte von Seiten verwendet Kate Elisabeth Russell auf die Darstellung des Dilemmas ihrer Helden. Vanessa argumentiert trickreich. Was hätte sie denn von Gleichaltrigen bekommen können, fragt sie sich. Ihre sexuelle Zugänglichkeit wäre unbeholfen-hämisch publik gemacht worden von den Protegés ihrer Lust. Dem Sinn nach: Ich hätte ihnen einen heruntergeholt und sie hätten mich als Schlampe abgehakt. Der zweifellos unzulängliche Vergleich vergoldet Jacobs Engagement. Er ignoriert ein Machtgefälle, das Vanessa tatsächlich entgeht. Sie hält sich für mächtig, da Jacob sie so begehrt und endlich begehrte. Sie arbeitet mit diesem Erregungsmaterial auch dann noch als Jacob sich bereits von ihr abgewandt hat. Sie imaginiert sich als Lolita, um sich sinnlich erleben zu können. Ihr ist nicht klar, dass diese Fehlanpassung auf eine gemeine Prägung zurückgeht, der sie niemals ausgesetzt gewesen wäre, wenn sie ihr erotisches Training mit einigermaßen Gleichaltrigen absolviert hätte. Die Kulturalisierung der Sexualität entspricht in jedem Fall einem nicht vollständig gelingenden Einhegungsprojekt. Die Wahrscheinlichkeit einer traumatisierten Praxis sinkt im Takt der gleichzeitigen Ahnungslosigkeit. Zumindest glaube ich das. 

Kate Elisabeth Russell, „Meine dunkle Vanessa“, Roman, aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer, 446 Seiten, 20,-

Taylor arbeitet „in einem Schock aus Stahl und Glas“ fünf Blocks von dem Hotel entfernt, in dem Vanessa beruflich gestrandet ist. Die gescheiterte Dichterin firmiert als Beflissenheit in Person an der Rezeption. Ihr fehlt die Kraft, ihr Schicksal tragisch zu finden. Die Passive trifft sich dann doch mit der in Verarbeitungskonflikten zur Aktivistin gewordenen Taylor, die ihren Dichterinnentraum lebt.

Auch daran erkennt man den strategischen Romanaufbau. Russell führt den Leser dahin, Vanessas Verhalten desaströs zu finden. Taylor macht ihr klar, dass Jacob seine Opfer alle gleich angesprochen und ausgenommen hat. Die Einsicht in einen Mangel an Originalität erschüttert Vanessa. Sie offenbart sich ihrer Therapeutin:

„Ich (darf) nicht die eine Sache verlieren, die mir schon so lange Halt gibt … Es muss eine Liebesgeschichte (gewesen) sein, darauf kann ich nicht verzichten.“

Kate Elisabeth Russell © Elena Seibert

Social Media Hell

Eingebetteter Medieninhalt

Sie weiß, wie man ein „gutes Trinkgeld“ ergattert, ohne selbst Aufwand treiben zu müssen. Den Champagner als übersteigerte Aufmerksamkeit für „das Pärchen, das sein Einjähriges feiert“ ordert Vanessa auch nicht anders als jeder Gast. Sie nutzt Strukturen, Standardeinstellungen. Sie hält sich an das übliche Programm. Bloß leiert sie es nicht herunter. Die Irritation eines Wimpernschlags, ein scheinbar von der Faszination losgeschickter Blick, ein erotischer Hauch, der wie Nebel über dem Tonfall aufsteigt: das reicht, um einen guten Job zu machen und als Concierge ein gutes Leben zu haben.

Vanessa ist in der Tourismusbranche, sie datiert die Vorgänge der Gegenwart auf das Jahr 2017. Nach außen erscheint sie auf Draht, doch ihre Innenwelt hat eine Facebookhülle, das heißt, die Erzählerin steckt in der Sozialemedienhölle. Sie leckt sich die Finger nach Likes. 

„Wie unter Zwang rufe ich den Facebook-Post auf.“

Jacob Strane ist der Mann, dem gerade der Maulwurfhügel seiner Existenz auf die Füße fällt. Er war Vanessa Lehrer und Liebhaber in einer strikt verbotenen Konstellation.

In mir rauschen meine sechzig Lebensjahre auf. Mit der Hochschulreife zogen unsere Ehrgeizigsten, das waren Frauen durch die Bank, nicht nach Berlin, wo die Tage begannen, wenn in Westdeutschland Feierabend war, und nicht nach Frankfurt am Main, wo Adornos Geist vermutet wurde, sondern direkt und kompromisslos nach Amerika, um da zu bleiben. Sie wurden Meisterinnen ihrer Fächer, die sie dann unterrichteten. Sie bekamen Kinder oder auch nicht, doch blieben sie in jedem Fall in the long run alleinstehend, da die Kollegen vom Jugendmagnet angezogen wurden.

Same old story same old shit … doch verändern sich die Bewertungen in drastischer Weise. Der Fall, der Strane zu Fall bringt, wurde schon einmal ausgeleuchtet, jedoch in den Farben einer anderen Ära. 

„Wir leben jetzt in einer anderen Zeit“, weiß Jacob. 

Vanessa telefoniert mit ihm. Ab und zu schleicht sich die alte Vertrautheit ein. 

*

Taylor Birch heißt die Frau, die Jacobs Affären-Muff in der Öffentlichkeit stinken lässt. Im Highend-Jetzt eines Augenblicks am Rezeptionstresen ruft Vanessa Facebook auf. Die Likes und Shares, die auf Taylors #MeToo-Post reagieren, schießen durch die Decke diskreter Lösungen. Auf der Plattform formiert sich eine Armee im Angriffsmodus. Der Feind ist ausgemacht. Vanessa vertraut sich dem Erinnerungsstrom an.

„Als Strane und ich uns kennenlernten …“  

Sie ist fünfzehn, dreißig Jahre jünger. Er erzählt den üblichen Mist. Sie glaubt ihm einfach. Das ist leicht, so unbeschwert vom Gepäck der Erfahrung. Er rühmt die „emotionale Intelligenz“ der Schülerin. Er hebt Vanessa hervor. Er schmeichelt ihr, erklärt sie zum „Wunderkind“ – vor allem jedoch, das ist der infame Dreh, zur Seelenverwandten“.

Wir wissen es alle. Falls du keine Seelenverwandte in deinem Alter findest, hast du keine in deiner Reichweite. Sex und Seele sind sehr verschiedene Materien. Das begreift man im Verlauf der Jahrzehnte immer wieder neu. Mir ergeht es mit diesen Erweiterungen so wie mit den Fortschritten, die ich im Karate mache. Nach zehn Jahren Training, also mit spätestens zwanzig, hat man doch noch keine Ahnung. Es ist das Testosteron, das wie Doping wirkt; eine Droge, so wie Sex eine Droge ist, die einen zum Diversifikation-Extremisten macht. Nähe entsteht so nicht. Die Feinarbeit im Zentimeterbereich, das Zusammenspiel der Winkel; eine minimale Verschiebung der Hüfte. Man zieht Kraft aus der Erde. Das Knie wirkt wie ein Elevator. Und jetzt kommst du, dreißig Jahre älter, und lügst, weil dir mein Hintern nicht aus dem Kopf geht. Geh mir fort, sagt der Hesse*.

Wie ein Unterseeboot auf Schleichfahrt tastet sich Jacob vor. Er wirbt so elaboriert, berauscht von Vanessas Schmelz, den er mit seinen Augen aufkratzt.   

...

...

Vanessa ist gern mal traurig: mit Fiona Apple im Ohr.

Aufgewachsen in superber Einsamkeit bewahrt sie ein starkes Gefühl für sich selbst.  

Infames Spiel

#MeToo ist eine Befreiungstechnik, mit der sich frau aus dem Würgegriff des Schamschweigens löst. Was auch immer mit Missbrauch sich verbindet, Schüchternheit, behutsame Penetration, seelische Solvenz, ein großes Repertoire, vielleicht sogar Genie, in das Zentrum jeder Betrachtung rückt das Gefälle zwischen Macht und Ohnmacht zum Nachteil der Heranwachsenden. Auch der ambitionierte, beruflich lobenswert unverdrossene Englischlehrer Jacob Strane, ein Brocken aus Montana, vorgeblich so autonom und vor Ort deplatziert wie ein Kaffeeautomat in der Wüste, geht sachte vor. Er scheint seine Absichten selbst durchkreuzen zu wollen. Er suggeriert dem Objekt seiner Begierde eine selbstbestimmte Rolle im infamen Spiel. Er ködert sie mit Nabokovs LolitaGuck, das bist du, sagt der Subtext. Er sagt: Du willst es doch auch. 

Jacob kommt Vanessa mit Jonathan Swifts Cadenus and Vanessa, einem Gedicht über Esther 'Essa' Vanhomrigh, deren Namen der Dichter entzweibrach. Jacob verweist auf die Anspielungskunst (Allusionstheater) einer anderen Zeit. Swift verfasste seine fordernde Anbetung 1713, um sie erst dreizehn Jahre später zu veröffentlichen. Wikipedia weiß: “The poem contains in its title an anagram and a neologism: Cadenus is an anagram of the Latin decanus, meaning ‘dean’: Swift was dean of St Patrick's, and known as Dean Swift in the manner of the time.”

So verkauft Jacob dem Kind die verbotene Beziehung als Elysium von Academia. Er zerstört Vanessa, indem er sie auf sich fixiert und seine Geilheit als gemeinhin unerreichbaren Liebeshöhepunkt ausgibt. Jahre später versuchen beide es noch einmal. Sie spielen ihr erstes Mal nach. Jacob findet seine Erregung nicht, Vanessa konstatiert kühl: Ich war ihm schon zu alt

*

Ständig geht er zu weit. Er führt ihre Hand über der Maus, zupft an ihrem Pferdeschwanz, vergleicht ihre Haarfarbe mit dem Ahorn-Rot im Indian Summer. Er kommt ihr mit seiner provinziellen Kindheit, dem Studium in Harvard und Sylvia Plath. Er wickelt sie mit Zitaten ein.

Wir kennen die Masche.

Vanessa kennt sie nicht. Sie reagiert auf den fortgesetzten Übergriff mit Abspaltungen. Sie wird zur Akteurin. Die Konstellation erlaubt ihr nichts anderes. Der Erwachsene will von ihr getröstet und verstanden werden. Er überfordert sie, zeigt sich von ihr enttäuscht; belehrt sie über seine Erwartungen.

Sie ist ihm nur recht, wenn sie sich fügt. Zugleich behauptet er:

„Du hast das Sagen.“

Das Kind in der Falle

Lange verweigert sich Vanessa dem Recht, ihre sexuelle Funktionalisierung als missbrauchte Fünfzehnjährige anzuerkennen (sich selbst gegenüber anzuzeigen). Sie idealisiert den Täter zu Lasten der Genauigkeit ihrer Empfindungen. Zutiefst durchschaute Vanessa schon als Schülerin das schäbige Programm des großartig auftretenden Superpädagogen, der seine Pädophilie routiniert mit dem Gehabe eines eingefleischten Junggesellen tarnt, und doch immer nur seine Opfer täuschen kann. Jacob balanciert auf Messer Schneide und brummt dabei so vor sich hin, als beginge er lustig einen Boulevard erlaubter Leidenschaften.  

Alle wissen Bescheid. In der kleinen Collegewelt von Browick entgeht der Koloss (1.97 m, 123 kg) nicht nachstellenden Verdächtigungen, die weit mehr sind als Vermutungen. Man sieht sich mit familiären Augen an. Da sind Fremde, die einander lustlos durchschauen. 

Russell beweist ihre Meisterschaft in der Evaluierung von Abhängigkeitsverhältnissen, die vorderhand kontrollierbar erscheinen, in Wahrheit jedoch monströs sind. Eine Beobachterin bezeichnet Jacob als „Raubtier“. 

„Der Typ sollte nicht hier sein. Er sollte nicht in unsere Nähe gelassen werden.“ 

Vanessa ignoriert den Alarm. Ihre Ignoranz hält sie für einen Beweis von Autonomie. Das ist ein Denkfehler aus Erfahrungsmangel. Kein Mensch kann ihn Vanessa zum Vorwurf machen. Er ist das Produkt natürlicher Reaktionen, die das Kind in der Falle zeigt. 

Jacob macht Vanessa zu seiner Komplizin. Er kontaminiert sie mit seinem Dreck. Da sich Vanessa nicht bewahren kann, empfindet sie Schuld. Die Perversion feiert ihren Veitstanz: das Opfer erlebt sich als Täterin. Sie ist (in ihrer manipulierten Wahrnehmung) die Verführerin eines weich agierenden Vergewaltigers.

Sie lügt für ihn und wäscht seine Hände in ihrer Unschuld. 

Was sie nicht weiß, macht ihn heiß.

Jacob kennt die alte Karate-Weisheit:

I must keep the enemy in front of me/but not be in front of the enemy.

Er changiert, laviert, lamentiert, dementiert.

„Wir müssen uns eine Weile zurückhalten, sagt Strane, der Optik zuliebe.“

Den Feind erkennen/ Gegneranalyse I.

Was hat Jacob getan? Er hat Vanessa im Geist des Orwell-Katechismus belehrt. Krieg ist Frieden. Die Quellen deiner Empfindungen sind ideologisch. Sie kamen mit der Mayflower und den abgefuckten Pilgrim Vätern in die Neue Welt. Das alles ist „puritanische Hysterie“. Vanessa weiß, was sie fühlen müsste: Wut. Jacob hat sie von ihrer Wut getrennt. Russell schreibt: „Obwohl dieses Gefühl sich auf der anderen Seite der Schlucht befindet, jenseits meiner Reichweite …“

Das ist die Beschreibung eines Verbrechens, eine direkte Folge des Missbrauchs. Das Opfer verliert seinen natürlichen Schutz. Es sagt ja, wenn es nein sagen müsste, und es fühlt sich von allem getrennt, was sich richtig anfühlt.  

Die natürlichen Verknüpfungen lösen sich auf. Die Koordinaten des Lebens fangen an, mit Vanessa Memory zu spielen. In einer verdrehten Perspektive erscheint sie sich selbst dominant. Sie übte Macht über den armen Irren aus, der Behauptet, ihr verfallen zu sein. Doch dann rüttelt wieder die Wirklichkeit am Zaun:

„Normale Mädchen haben Schuhkartons voller Liebesbriefe, ich bekomme einen Karton voller Kinderpornografie.“

Ja, Jacob, dem inzwischen eine Reihe von Schülerinnen Missbrauch vorwerfen … Bald mehr.