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18.08.2020, Jamal Tuschick

In der Endphase ihrer Selbständigkeit ließ Oma die Freiflächen vor ihrem Haus asphaltieren, um eine kleine Autobahn für ihre Rollator-Spritztouren zu haben. Sie kämpfte um jeden Tag der Mündigkeit. Erst in der späten Einsicht aller möglichen Endlichkeiten begreife ich ihre Entschlossenheit. Es ging immer nur um noch einen Tag in vertrauter Umgebung, mit dem Kaffee morgens um vier. 

Der Schlüsselsatz lautete schließlich:

Solange es nicht schlimmer wird, ist alles gut. 

Herzohr

Zwar sah ich meinem Vater nicht ähnlich, war aber ganz und gar der Enkel meiner Oma-Conrady

Meine Oma und ich

Meine Mutter ist als Au-Pair nach London, da war sie Anfang Zwanzig. Au-Pair war ein heißes Wort. Meine Großeltern hatten ein französisches Au-Pair-Mädchen, sehr katholisch. Edith nahm unseren Schäferhund Arno mit in die Kirche. Mich entzückten solche Sinfonien harmonischer Überschreitungen. Sie klingen immer noch in meinem Herzohr.

Au-Pair, das war die weite Welt, ohne verreisen zu müssen.

Edith kam aus Paris, und wir lebten den Südwest-Countrysidestyle in Breeches. In London traf meine Mutter meinen leiblichen Vater. Sie heiratete ihn, dann wurde sie schwanger. Mein Großvater flog in der alten Tante Ju nach London und sackte die rebellische Tochter ein. Sie sollte daheim entbinden.  

Ich badete in einer Riesenwanne des Willkommenseins und des Wohlwollens. Ich war die Sturmspitze meiner Generationskohorte, alle wollten mich als Beispiel für ein gelungenes Baby berühren. Ich war von früh bis spät das Ohr meiner Oma. Sie erzählte mir alles. Deshalb wusste ich schon als Säugling, dass seit Sechsundvierzig im Schlafzimmer meiner Großeltern nicht mehr viel lief. Mein Großvater war krank aus dem Krieg gekommen. Meine Urgroßmutter hatte mit ihrer Tochter und deren Mann in einem Raum geschlafen. 

Oma suggerierte mir, dass sie über meinen leiblichen Vater nicht nur Schlechtes sagen könne. Sie stilisierte ihn. Sie gab ihm eine überbordende Bedeutung. Die hatte ich dann auch.

Oma verstand es zu leben; gutes Essen, guter Wein. Noch mit siebzig schlug sie Räder. Gleichzeitig steckte sie in Abhängigkeiten, die sie unfrei hielten. In dieser Unfreiheit gewann sie aber wieder merkwürdig eine eigene Freiheit. 

Ein grenzenloses Leben sei für niemanden gut. Das erklärte Oma durch die Blume ihrer badischen Mundart und irgendwelcher Umständlichkeiten, die mir nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich denke die Sache mit der limitierten Freiheit gern weiter. Wir stoßen an Grenzen und reagieren auf Reibung. Wir bleiben bis zum Schluss in einem Wettbewerb smarter Lösungen. In der Endphase ihrer Selbständigkeit ließ Oma die Freiflächen vor ihrem Haus asphaltieren, um eine kleine Autobahn für ihre Rollator-Spritztouren zu haben. Sie kämpfte um jeden Tag der Mündigkeit. Erst in der späten Einsicht aller möglichen Endlichkeiten begreife ich ihre Entschlossenheit. Es ging immer nur um noch einen Tag in vertrauter Umgebung, mit dem Kaffee morgens um vier. 

Der Schlüsselsatz lautete schließlich:

Solange es nicht schlimmer wird, ist alles gut. 

Jahre verstrichen. Hätte Oma in dieser Zeit freier sein können? Man kann sich dem Alter nicht ergeben. Da ist nur der Tod. Also hat Oma es richtig gemacht, mit immer kleineren Schritten, aber dem Willen, so viele Tage wie möglich zu gewinnen und herauszufinden, wie das Glück aussieht.