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19.08.2020, Jamal Tuschick

Neo-Eastern/East Side Story in Blue - Es ist eine Freude, Verena Keßlers Roman zu lesen. Wegen solcher Betörungen ist man Leser geworden.  

Frisierte Hinterlist

Verena Keßler hantiert mit rustikalem Personal in einem Scherbengericht der Normalität. Ihre Heldin schlägt sich tapfer durch die Unwä(e)gbarkeit schattiger Verhältnisse.

Verena Keßler © Michael Bader/Die Bude deines Vertrauens © Jamal Texas Tuschick

Eingebetteter Medieninhalt

Der Feind rückt auf. Er robbt auf dem Bauch gefälligen Verhaltens an. Das ist natürlich nur Vortäuschung und Abdeckung. Als geborene Kriegerin eratmet Larissa alle Schliche der Infiltration. Aus dem Muskelgedächtnis zeichnet sie Kampfverlaufsdiagramme. - Und ist es nicht kurz vor Krieg, zumindest eine massive Friedensstörung, wenn Biker Benno mit seiner kaum camouflierten Born-to-be-wild-Biker-Blödigkeit in Larissa Elternhaus (getarnt als Liebhaber der Mutter) den Platz einnimmt, den Larissas Vater (ein passionierter Trucker) aufgegeben hat.

Verena Keßler, „Die Gespenster von Demmin“, Roman, Hanser Berlin, 22,-

Benno hat die Hinterlist frisiert. Er dreht alles auf links und tut dabei so, als erfülle er Aufgaben im Sinn der familiären Gemeinschaft, die in Wahrheit doch nur aus Larissa und ihrer bedürftigen Mutter besteht.  

Verena Keßler hantiert mit rustikalem Personal in einem Scherbengericht der Normalität. Ihre Heldin schlägt sich tapfer durch die Unwä(e)gbarkeit schattiger Verhältnisse, aus denen Dönerbuden und Discountläden wie Leuchttürme ragen. Sie gerät in einen Emotionsinfight mit dem breitschultrigen Netto-Regalfüller Timo, der den schnörkellosen (Anti-Schmierenlappen-)Style des post-proletarischen Küstenossis kultiviert.

Dann wird es Larissa mit Benno zu bunt. Sie brennt durch und geht als Beifahrerin ihres Vaters gepflegt auf Trebe. Einen Augenblick lang fühlt sich das wie ein zweiter Lebensentwurf an, so brauchbar wie der erste als Beobachterin mütterlichen Irrsinns. Larissa begreift aber bald, dass ihr Vater nicht bibbernd wie ein ausgesetzter Hund auf Begnadigung und die Wiederherstellung einer Zeugungseinheit spekuliert. In Polen kocht er sein eigenes Gefühlssüppchen, den Möglichkeiten und Bedürfnissen eines großgabeligen Armleuchters ideal angepasst.

Was ist Familie?

Dieser Frage steigt Keßler nach.

Im Hintergrund rumoren die Toten von Demmin. Ich mache es mir einfach und zitiere aus einem rbb-Pressetext.  

„Ein 8. Mai in Deutschland. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Demmin, eine kleine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, erwacht. ... Sieben Hundertschaften Polizei nehmen Position ein. Neonazis formieren sich. Hier soll heute nicht der Tag der Befreiung gefeiert werden ...

Frühjahr 1945. Wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet sich in Demmin eine unfassbare Tragödie: Hunderte Einwohner nehmen sich das Leben ... Heute versuchen Neonazis mit einem alljährlichen Trauermarsch die noch immer bestehende Leerstelle zu besetzen und für ihre Zwecke zu missbrauchen.  

Regisseur Martin Farkas begibt sich in Über Leben in Demmin auf eine Reise in eine lang verdrängte Vergangenheit. Er trifft auf Bewohner, die das Drama als Kinder erlebt haben und zum ersten Mal davon erzählen, und auf ihren Nachkommen, die jungen Demminer.“

Soziale Stampede

Larissa reimt sich auf Pisser. Das ist ein Problem, wenn man in der Pubertät ist. Deshalb verlangt Larissa von ihren Freunden die maskuline Verknappung Larry. Entfernt erinnert das an die burschikosen Kameradschaftsvermännlichungen, die ab den 1920er Jahren unter verschiedenen Flaggen en vogue waren.

Verena Keßler, „Die Gespenster von Demmin“, Roman, Hanser Berlin, 22,-

Larissa wächst im vorpommerschen Tiefland am Zusammenfluss von Peene, Tollense und Trebel in der Hansestadt Demmin auf. Im Stettiner Haff bilden die Flüsse ein Delta vor der Ostsee. Manchmal stemmt sich Wind gegen die Betten und treibt das Wasser der Peene gegen den Strom.

Larissas Idol ist die Extremreporterin Anja Niedringhaus (1965 – 2014)

Larissa wohnt sieben Minuten vom nächsten Netto in einer Wohnung, die vorgibt, ein Haus zu sein. Ohne Keller und Dachboden steht das Ding da wie einer größeren Einheit entnommen. Als Herberge der Erzählerin übererfüllt es seinen Zweck. Mit einem Ehrgeiz bis zur Verstiegenheit verfolgt die Tochter einer alleinerziehenden Krankenschwester seltsame Ziele. Sie registriert einen Rekord beim „kopfüber vom … Apfelbaum hängen. Sie härtet sich mit Kältetraining ab. Einmal entgeht sie nur knapp dem Tod durch sportliches Ertrinken. Die eifrige Zeitnehmerin will Kriegsberichterstatterin werden und strebt das Hostile Environment Awareness Training der Bundeswehr an.

Ein „HEAT Training (Hostile Environment Awareness Training) ist sinnvoll für Länder wie Nigeria, Pakistan oder dem Irak, in denen neben einem hohen Kriminalitätsrisiko auch die Gefahr von Entführungen, Terroranschlägen und schweren politischen Unruhen besteht. In der Regel bestehen hier kulturelle, als auch religiöse Vorbehalte gegenüber westlichen Ausländern.“ Aus Smart Risk Solutions 

Soziale Stampede

Natürlich ist das alles nur Intermezzo. Ein Roman, der in Demmin spielt, dröhnt auf eine Tragik zu. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs begingen in Demmin Hunderte Selbstmord. Familien löschten sich aus. Viele beschwerten sich mit Steinen und überließen dem Meer den Rest. Der Massensuizid war in der DDR kein Thema.  

Auf einer zweiten Erzählspur huscht eine Greisin vorbei, die als Zeugin der sozialen Stampede von Fünfundvierzig ihren Text hat, den sie vor sich hin nuschelt. Es lohnt eh der Mühe nicht mehr. Schließlich gibt es nicht einmal mehr anständige Kuchenbäcker. Vor dem Ende, das der Niederlage folgte, und in Demmin sein eigenes Register hat, war selbstverständlich alles besser. Die Beobachterin (Frau Dohlberg) hat freie Sicht auf Larissas Expressionismus. Gern würde sie die Nachbarin einspannen, aber der Lebensfaden ist inzwischen zu empfindsam, um ihn in den mit Drachenblut gefüllten Herzteich einer Heranwachsenden tauchen zu lassen.   

Immer schön die Deckung oben lassen, möchte man Frau Dohlberg raten. „Old age ain’t no place for Sissies“, wusste schon Bette Davis.

„Wie sehr bestimmt die Geschichte unsere Gegenwart? Verena Keßlers Debüt über die Haltlosigkeit des Erwachsenwerdens brummt nur so vor Lebendigkeit. Traurig, witzig, abgründig – Bombe!“ Stefanie de Velasco

Stefanie de Velasco im Heimathafen Neukölln 2013 © Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung: Larissa-Larry lebt in einer Stadt mit besonderer Geschichte – Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Demmin der größte Massensuizid der deutschen Geschichte statt. Für Larry ist ihre Heimatstadt aber vor allem eins: langweilig. Sie will so schnell wie möglich raus in die Welt und Kriegsreporterin werden. Während Larry mit den Unzumutbarkeiten des Erwachsenwerdens kämpft, steht einer alten Frau der Umzug ins Seniorenheim bevor. Beim Aussortieren ihres Hausstands erinnert sie sich an das Kriegsende in Demmin und trifft eine folgenschwere Entscheidung. Mit Leichtigkeit und Witz erzählt Verena Keßler von Trauer und Einsamkeit, von Freundschaft und der ersten Liebe. Ein Roman über die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und die Möglichkeit, sie zu überwinden. 

Verena Keßler, geboren 1988 in Hamburg, lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. 2018 nahm sie an der Romanwerkstatt Kölner Schmiede teil, 2019 an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung. Sie war Stipendiatin des 23. Klagenfurter Literaturkurses.