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20.08.2020, Jamal Tuschick

Müßigglanz

Mariannes bürgerliche Vorsprünge gleichen Terrassen im Müßigglanz. Die Würfel in ihrem Eistee schmelzen nie. Sie verdunkelt ihre Informationen mit Expressionen. Lustvoll gesteht sie:

„Bei dir musste ich keine Spielchen spielen ... ich hätte alles getan, was du verlangst.“

Jede Brücke wird zur Terrasse im Müßigglanz der ausschwärmenden Reproduktionskohorte. © Jamal Texas Tuschick

Begin strong, end big. - Jamie ist zu klein für Marianne. Dem sexuell verschlagenen Zwurch geht die schlafwandlerische Dominanz seines Rivalen Connell ab.

Einfache Lösungen

Auch wenn viele vom Gegenteil ausgehen, Biologie schlägt Kultur um Längen. Die Biologie „eröffnet alle Möglichkeiten, welche die Kultur dann einschränkt oder verbietet“. Das erklärt Mineke Schipper in ihrer Betrachtung „Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht“. Sie beruft sich auf Yuval Noah Harari, der einen Verdacht äußert. Vielleicht sei es doch nicht die plump-mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Politik des abgesprengt-empathielosen Männchen, die es so lange seine Vormachtstellung behaupten ließ, sondern Sozialkompetenz im Kontext globaler Solidaritätsstrategien. Natürlich werden in jedem Kreis sehr viel mehr Personen ausgeschlossen als aufgenommen. Aber das sind dann immer noch genug … Hobbyeisenbahner, Kleingärtner, leidenschaftliche Laubfroschimitatoren … sobald das gemeinsame Thema festgestellt wurde, ergeben sich weiterführende Kontakte bis nach China. Ich muss wieder Großmeister Kernspecht anführen. Wieder versteht sich die Einschränkung von selbst, dass die meisten nicht kontraintuitiv die eigene Position reflektieren. Aber die Richtung stimmt auch intuitiv. Die Kommunikation läuft fast automatisch mit dem Ziel der „Mühelosigkeit, Vermeidung von Kraft gegen Kraft (und einem auslotenden Spiel) von Kontrolle (und) Angriff. (Der Test) beginnt damit, dass einer (auch im übertragenen Sinn) beide Arme innen zwischen die Arme* des Gegners oder außen auf die Arme des Gegners bringt. Danach soll leichter Berührungskontakt gehalten und angegriffen werden, Wechsel von innen nach außen und außen nach innen müssen so durchgeführt werden, dass der Gegner in diesem Augenblick nicht durch eine Lücke** stoßen kann.“

*Komme ich zu den Armen, dann komme ich auch zum Hals.

**Wir füllen die Lücke, die der Gegner uns lässt.    

Sally Rooney, „Normale Menschen“, Roman, aus dem Englischen von Zoë Beck, Luchterhand, 317 Seiten, 20,-

Das Scharnier effektiver Kooperation vergrößert die Anziehungskraft. Connells Anziehungskraft ist jedenfalls so groß, dass er Marianne in der Gegenwart ihres Freundes Jamie, der selbstverständlich kleiner als Connell und außerdem sexuell verschlagen ist, verführen kann. 

„Sie wird in seinen Armen ganz weich.“

Die höhere Tochter macht es dem Putzfrauensohn Connell leicht. Ihre bürgerlichen Vorsprünge gleichen Terrassen im Müßigglanz. Die Würfel in ihrem Eistee schmelzen nie. Sie verdunkelt ihre Informationen mit Expressionen.

„Bei dir musste ich keine Spielchen spielen ... ich hätte alles getan, was du verlangst.“ 

Junge Menschen in der Zukunftspresse. Bringen sie es nicht, bringt es keiner. © Jamal Texas Tuschick

Steinzeitfuturismus

Die mit den Allergrößten verglichene Sally Rooney schildert den Alltag pedantisch irrlichtender Kleinstadt-Adoleszenten in der Gegend von Connemara an der irischen Westküste. Marianne will den Provinzmuff so schnell wie möglich hinter sich lassen. Connell wirkt weniger energisch. Gleichwohl steckt er in einer Vorläufigkeitsfalle, bis er akademisch am Dubliner Trinity College Stellung bezieht.

„Die Realität ist nicht die Wahrheit.“ Heiner Müller

Nebenbei lese ich Heiner Müllers Der amerikanische Leviathan. HM entdeckt in Texas Haltungen, die es in Deutschland seit 1945 nicht mehr gibt. Er sagt, die Texaner wissen nicht, „was Faschismus ist, selbst wenn sie das machen“. Er bewegt sich unter ihnen wie der Weiße unter Wilden einerseits. Andererseits wähnt er sich in der Gegenwart von Marsmenschen, die bereits in einer konkreten Zukunft leben. Ich glaube, dieser Gegensatz stellt sich stets dann ein, wenn Entwicklungen möglich sind, und Dynamik und Stabilität sich nicht ausschließen. Als halbwilder Träger von Zukunftsinformationen prüft auch Connell seine Chancen. Er muss sich erst daran gewöhnen, anderen nicht bekannt zu sein. Nie zuvor hatte er es nötig, sich um Anerkennung zu bemühen. Bei einer Party trifft er Marianne, die ihren Kreis gefunden hat und Connell deshalb defizitär erscheinen lässt.  

Miserable versus gediegene Verhältnisse

Anna Mayr schreibt in den Elenden: „In diesem Sinne war der Bettler (im Mittelalter) vielleicht arm und auf Almosen angewiesen - aber seine gesellschaftliche Position war nicht defizitär, ihm fehlte nichts.“

Man konnte sich einfach geschlagen geben.

Heute läuft jeder Gefahr, als Repräsentant seiner Niederlagen gelesen zu werden. Der seines Heimatglanzes beraubte Connell zeigt sich beschämt. Er haust in einem Zweckverbund, während Marianne „allein über eine Wohnung verfügt, die ihrer Großmutter gehört“.

Episoden verkümmerter Nähe

Rooney stellt dieses Gefälle aus. Es konterkariert das Liebesverhältnis an seiner engsten Stelle. Die Etablierte wirbt um den Aufsteiger. Der Beziehungsmotor läuft nicht gleichmäßig. In der Spanne zwischen 2011 und 2015 folgen Phasen konstanter Intimität Episoden verkümmerter Nähe.    

Aus der Ankündigung: Die Geschichte einer intensiven Liebe: Connell und Marianne wachsen in derselben Kleinstadt im Westen Irlands auf, aber das ist auch schon alles, was sie gemein haben. In der Schule ist Connell beliebt, der Star der Fußballmannschaft, Marianne die komische Außenseiterin. Doch als die beiden miteinander reden, geschieht etwas mit ihnen, das ihr Leben verändert. Und auch später, an der Universität in Dublin, werden sie, obwohl sie versuchen, einander fern zu bleiben, immer wieder magnetisch, unwiderstehlich voneinander angezogen. Eine Geschichte über Faszination und Freundschaft, über Sex und Macht.

Besprechung von Sally Rooneys erstem Roman „Gespräche mit Freunden“

Melissas Mann

Dann ergibt sich das ursprüngliche Viereck zwischen Frances - Bobbi – Melissa – Nick noch einmal mit viel Sonne und Strand. Frances wartet auf ein Zeichen.  

Sie debütiert in der gegengeschlechtlichen Liebe.

Frances versteht sich selbst nicht, Nick ist zehn Jahre älter und wie geschaffen für die Rolle als Melissas Mann. Aber da ist dieses Ziehen in der Leiste, wenn sie ihn sieht; das Funkeln der ablandigen Liebe und die Glut im Strandkleid. Nicht hingucken und nebenbei anfassen ist wahnsinnig anstrengend. Von mehr als einem Sundowner erheitert, verguckt sich Frances eines Abends nahe Dalkey im Süden der Grafschaft Dublin auch noch in den Sonnenuntergang. Coliemore Harbour liegt rechts außerhalb des Bildes. 

Eingebetteter Medieninhalt

Eines Tages wird sie so klug sein, dass sie keiner mehr versteht. Die Erzählerin trudelt durch alle möglichen Zustände und redet so vor sich hin. Sie ist auf Nebensachen fokussiert. Wie wer die Nase kraus zieht und die Mundwinkel zucken lässt. Ihren Charakter erkennt Frances auf einem Foto. Sie zoomt die Konturen und konstatiert das günstige Ergebnis mit einer sich selbst zurückweisenden Kühle.

„Selbst ich konnte sehen, dass ich Charakter hatte.“

Gemeinsam mit der Ex-Geliebten Bobbi tritt Frances bei Vorlesewettbewerben in Dublin auf. Die beiden Studentinnen wirken noch immer wie ein Paar mit der Aura von Szenestars – von Leuten mit einer goldenen Zukunft im Kulturbetrieb.

Sally Rooney, „Gespräche mit Freunden“, Roman, Deutsch von Zoë Beck, Luchterhand, 380 Seiten, 20,-

Eingebetteter Medieninhalt

Im Aufwertungszug wachsender Anerkennung werden Frances und Bobbi zu Freundinnen des zehn Jahre älteren Erfolgsduos Melissa und Nick. Melissa erscheint als Gönnerin und Kennerin. Als jemand, der von Herzen zu schätzen weiß, was Frances und Bobbi zu bieten haben. Der Nachwuchs liefert dem Markt neue Gesichter, währen Melissa und Nick wie eingeführte Marken ticken. Unklar bleibt, ob Nicks Zurückhaltung gegenüber Frances eine Masche ist – Pseudodesinteresse als Leim. Jedenfalls intensivieren Frances und Nick ihre Beziehung. Er ist der erste Mann in ihrem Leben. Die Tochter armer Leute ist vernarrt in ihn und das Haus, das zum Schauplatz eines ausgebauten Betrugs wird; „wie makellos alles war und wie kühl sich die Holzdielen am Morgen anfühlten“.

„Der Sex war so gut, dass ich oft schon währenddessen weinte.“

Gleichzeitig spürt Frances ihre Macht. Sie kann Nick mühelos kommen lassen in dem Bett, das er normalerweise mit der länger abwesenden Melissa teilt.

Das ist die Konstellation. Nick weist Frances nicht unbedingt freundlich auf die Differenz hin, die ihm und ihr sehr verschiedene Vorteile bietet. Es muss alles erst einmal geübt werden, auch wie man mit einem fremdgehenden Mann oder einer zu jungen Frau ein Frühstück hinbekommt.

Die kulturellen Applikationen splittern vom Holz der Gewöhnlichkeit. Melissa kehrt zurück und nimmt ihren angestammten Platz wieder ein. Man ahnt eine Bereitschaft zur Reconquista. Offenbar bedeutet Nick für Melissa sehr viel mehr als Frances sehen kann oder zu sehen bereit ist. Das erzeugt eine schöne Spannung, die nachlässt, da die von Nick Zurückgesetzte auf jene zurückgreift, die sie zurückgesetzt hat. Frances und Bobbi verreisen gemeinsam. Der Informationsfluss plätschert weiter vor sich hin, nur eben mit Bobbi als Objekt zahlreicher Feststellungen, die mitunter etwas Schülerhaftes haben.

„Bobbi hatte so eine Art an sich, mit der sie überall dazugehörte.“

Dann ergibt sich das ursprüngliche Viereck zwischen Frances - Bobbi – Melissa – Nick noch einmal mit viel Sonne und Strand. Frances wartet auf ein Zeichen.  

Sally Rooney © Patrick Bolger

Sally Rooney wurde 1991 geboren, ist in Castlebar, County Mayo, aufgewachsen und lebt in Dublin. Ihre frühen Arbeiten sind erschienen in The New Yorker, Granta, The White Review, The Dublin Review, The Stinging Fly, Kevin Barrys Stonecutter und der Anthologie Winter Pages. Sie studierte am Trinity College Dublin, zunächst Politik, machte dann ihren Master in Literatur. Sie war dort 2013 die Nr. 1 bei den European University Debating Championships. Rooneys Debütroman »Gespräche mit Freunden« war Book of the Year in Sunday Times, Guardian, Observer, Daily Telegraph und Evening Standard. Der Roman kam auf die Shortlist des Sunday Independent Newcomer of the Year Award 2017, des International Dylan Thomas Prize und des Rathbones Folio Prize 2018. Rooney war die Gewinnerin des Sunday Times/Peters Fraser & Dunlop Young Writer of the Year Award 2017, den u.a. auch Zadie Smith und Sarah Waters gewannen. Rooney ist inzwischen Redakteurin des irischen Literaturmagazins The Stinging Fly. Ihr zweiter Roman »Normal People« wurde für den Man Booker Prize 2018 nominiert und gewann u.a. den Costa Novel Award, den An Post Irish Novel of the Year Award und den British Book Award (Novel of the Year und Book of the Year).