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20.08.2020, Jamal Tuschick

Neues Unbehagen

„Der Erfolg setzt ein, wenn die Wirkung vorbei ist.“

Drei Treppen und die Sphinx zeigt ihre Kralle“  

Eingebetteter Medieninhalt

1975 reist Heiner Müller zum ersten Mal nach Amerika. Im Verlauf eines Dreivierteljahrs überschreitet er weit das Visum. Mit seiner Rückkehr rechnet kein Mensch mehr. Die BE-Gagen werden storniert. HM kehrt zurück mit einem neuen Unbehagen.

W.S. Burroughs hält er für unübersetzbar. Auf Deutsch habe Naked Lunch die Originalität von Wilhelm Busch. Immer wieder macht sich HMs Wunsch bemerkbar, im Krieg ohne Schlacht Teil einer großen Partie (auch des Unrechts) zu sein. Einmal registriert er die amtliche Verweigerung der Herausgabe von Aufnahmen, die Wernher von Braun als Menschenschinder identifizieren, weil die DDR-Koryphäe Manfred von Ardenne nicht weniger belastet war.

Brecht in Hollywood

Allmählich kennt man die HM-Schleifen. HM sagt zu Brecht, was er auch über Brasch sagt: Die Emigration trennt den Autor von seinem Material. Die Unmittelbarkeit der Erfahrung erlischt.

„In Hollywood (wurde Brecht) …. auf die Fabel verwiesen.“

Das sei Schiller in Jena passiert. Das passiert Brasch in Westberlin.

Neulich sah ich ein Foto, das Brasch und Bukowski zeigt. Braschs Mimik konserviert ein ungern preisgegebenes Erstaunen darüber, dass Bukowski sich offenbar ernst meint. Gemessen an den Ernsthaftigkeitsfestivals des Ostens kann Brasch Bukowski nur als Farce-Figur wahrnehmen. Das ist nun das, was er zur Verfügung hat nach dem Landwechsel 1977, während HM (solange er kann) im Material bleibt.

„Du kannst DDR zu mir sagen.“

In der Vorläufigkeit der Formalisierung des Materials steckt eine subversive Kraft, die sich gegen den Autor wendet. Plötzlich durchdringt er den Stoff nicht mehr, weil er die Zeichen einer fremden Gesellschaft nicht lesen kann. HM beansprucht diese Quelle von Missverständnissen auch für sich. Dem Sinn nach: Dann bin ich zu einem Taxistand irgendwo in Amerika. Für den weißen Fahrer liegt mein Ziel zu nah. Er ruft einen Schwarzen mit Onkel-Tom-Attitüde und beauftragt ihn förmlich. Ich halte das ohne jeden Vergleich für typisch.  

Mit solchen aus schwachen Erfahrungen destillierten Vermutungen lässt sich nicht solide wirtschaften. Deshalb geht HM immer wieder mit einem deutschen Besteck an die Sache heran: Karl May, Faschismus, Bertolt Brecht. Fasst man das zusammen hat man die Träume verpasster Kolonialherrlichkeit in Kombination mit Flucht- und Elendsmigration. Man hat Goethe, den Kaiser, Hunger und Hitler. Daraus ergibt sich zum Beispiel der Holzschnitt:

Hollywood war Brechts Weimar. Die kalifornische Herausforderung bestand darin, dass sich Brechts Auseinandersetzung mit dem Faschismus nicht amerikanisieren (übersetzen) ließ. Der Dramatiker lag wie eine abgetakelte Fregatte im amerikanischen Trockendock. Brecht wäre ohne Hitler als potenten Feind zugrunde gegangen, jedenfalls nicht historisch geworden.

„Gegnerschaft war die Motivation für seine besten Arbeiten.“

...

HM entdeckt in Texas Haltungen, die es in Deutschland seit 1945 nicht mehr gibt. Er sagt, die Texaner wissen nicht, „was Faschismus ist, selbst wenn sie das machen“. Er bewegt sich unter ihnen wie der Weiße unter Wilden einerseits. Andererseits wähnt er sich in der Gegenwart von Marsmenschen, die bereits in einer konkreten Zukunft leben. Ich glaube, dieser Gegensatz stellt sich stets dann ein, wenn Entwicklungen möglich sind und Dynamik und Stabilität sich nicht ausschließen.  

Allmählich kennt man die HM-Schleifen. HM sagt zu Brecht, was er auch über Brasch sagt: Die Emigration trennt den Autor von seinem Material. Die Unmittelbarkeit der Erfahrung erlischt. © Jamal Texas Tuschick

Post-koitale Bademantelbilder

In den Geschirren liegengebliebener Fuhrwerke blähen sich die Zugtierkadaver in ihren Verwesungsfestivals.

Seit Jahrzehnten sucht mich die Vorstellung heim, in dem uferlosen Werk von Heiner Müller auf eine Notiz zu stoßen, die sich in abstoßender Kürze auf mich bezieht. So etwas wie: Gestern nach dem Zahnarzt Tuschick auf der Schönhauser Allee getroffen. Schien kaum bei sich, ignorierte einladende Bemerkungen. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn zum Verweilen im Prater zu überreden.   

Es gibt ja diese post-koitalen Bademantelbilder. Manchmal versteige ich mich zu der Idee, HM könne dazu Flipflops getragen haben. Vieles, was ich lange für Zustimmung gehalten habe, lese ich heute als Abwehr. HM wehrt sich gegen alle möglichen Zuständigkeitserwartungen. Er verwahrt sich dagegen, als Orakel belagert zu werden.

Heiner Müller, Der amerikanische Leviathan, herausgegeben von Frank M. Raddatz, Suhrkamp, 341 Seiten, 18,- 

Ein anderes Phänomen. Früher fand ich HMs Themenzugänge wunderbar stichhaltig. Heute erscheinen sie mir manchmal vorsätzlich plump; so als habe HM sein Fragen stellendes Gegenüber unauffällig beleidigen wollen.  

Das Verhältnis eines Theatergotts zu seinem Metier fing in einer norddeutschen Spelunke an.

HMs Verhältnis zum Theater begann in einer Mecklenburger Kneipe. Wilhelm Tell wurde gegeben. Der junge Zuschauer vermisste ein Pferd im Stück. Deshalb war die Inszenierung eine Enttäuschung. Auf der gleichen Linie liegt HMs erste „Amerikaerfahrung“. Angeblich geht sie von Karl May aus. Dessen Kritik am weißen Unwesen bestimmte dann HMs Perspektive. So geht die Erzählung. Sie mäandert durch das Erzgebirge und mündet vorläufig in Mecklenburg. Da nimmt ein amerikanischer Sieger dem Erzähler eine Flasche Anisschnaps weg.

„Das hat ein bisschen die antiamerikanische Einstellung … wiederbelebt, die von Karl May.“

Zwischen Karl May und dem Kriegsende pfercht HM einen verreckten Treck.

„Und ich hatte eine Flasche Schnaps liegen sehen.“

In den Geschirren liegengebliebener Fuhrwerke blähen sich die Zugtierkadaver in ihren Verwesungsfestivals. Ich müsst mal darauf achten. Im Werk von HM wimmelt es von toten Pferden.    

Auxiliargenossenschaft DDR

HM sagt noch Dritte Welt. Das Highend-Amerika habe den globalen Süden inkorporiert. Da wächst der Dschungel aus der Zivilisation. Die Barbarei verkleidet sich als Zerfall und natürlich „bilden sich dauernd neue Zellen“.

Als DDR-Genie rechnet HM mit Amerika just for fun (ist ein Stahlbad, Adorno) ab. Das ist alles nur Schaulaufen und Kapitalismuskritik sowie Kritik an der klinischen Segregation, ohne die Wohnheimpolitik der DDR auf die Schandliste zu setzen. HM weiß, dass viele Phänomene seiner Gesellschaft keine Chance haben, historisch zu werden. Unsere DDR-Wahrnehmung begnügt sich; während wir die amerikanischen Schichten gründlich voneinander scheiden. Jedes Imperium fordert eine Maßstab bildende Genauigkeit heraus. Die Satelliten- und Auxiliargesellschaft DDR könnte sich ihre Geschichte als halbkünstlerische Keramik im Stil der D‘Annunzionalen Republik von Fiume ins Regal stellen. Wer, außer ein paar Betrunkenen, würde das Geschirr von den Borden reißen. Die alte Bundesrepublik ist doch auch nur noch Nebelland und allen soweit unbekannt, außer jenen bald sagenhaft-versprengten Boomerbriganten, die sich ins Jetzt durchgeschlagen haben und allezeit aus ihren Mastkörben aufs Vordeck der Gegenwart schiffen.  

„Den Hauptpunkt, auf den ich … hin wollte, habe ich nun wieder vergessen.“

Aus der Ankündigung: Zeitlebens war »Amerika« für Heiner Müller eine Traum- und Projektionsmaschine. Unvergessen bleibt der erste Mickey-Mouse-Film des Kindes in Eppendorf, prägend die Faulkner-Lektüre des Jugendlichen. Die frühe Faszination paart sich mit der ablehnenden Skepsis gegenüber der aggressiven Politik des Systemgegners im Kalten Krieg. Als Müller 1975 und in späteren Jahren die USA und Mexiko bereist, verbringt er Tage und Wochen im Kino, trifft den Regisseur Robert Wilson und gewinnt den Weiten des Landes mit dem Begriff der Landschaft die entscheidende Kategorie für die Erneuerung der eigenen Theaterarbeit ab. Zugleich blieb »Amerika« für Müller die Chiffre des schlechten Ganzen im mittlerweile globalen Kapitalismus – und der verpassten Möglichkeit von Geschichte. Alphabetisch geordnet, versammelt das Buch die wichtigsten Passagen aus dem Werk Müllers zum Komplex Amerika.