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22.08.2020, Jamal Tuschick

Gewalttätige Stille

„Der Anschein von Wahl ist ein Vorschein von Freiheit“, sagt Heiner Müller.

Die Erzählerin zweifelt schon am Anschein. Sie versäumt alle Gelegenheiten zur Überlistung der Mutlosigkeit. Sie nimmt Maß an der sich selbst verschweigenden Mutter, die zwar als Familienmotor reibungslos läuft, für sich aber nichts übrig hat.

Eine stupide Angst macht den Vater der Erzählerin immun gegen jeden Fortschritt und bereit für den Verfall. Sein Zeichen ist die Sterilität. © TexasTeamTuschick (TTT)

Sie hat eine türkische Mutter, aber ihre Muttersprache ist so deutsch wie ihr Nachname. Ihr fehlt eine zweite Kultur für ihre Vornamen. In ihrer Prägung röhrt der Wohnzimmerhirsch. Alle Verkümmerungen bleiben hinter deutschem Blendwerk dann doch nicht verborgen. Die Erzählerin behandelt sich. Mit einem Einwegrasierer teilt sie täglich die Monobraue.

Deniz Ohde, „Streulicht“, Roman, Suhrkamp, 284 Seiten, 22,-

Die besonderen Umstände der Herkunft verlangen eine bizarre Distanzierung von biografischen Tatsachen; da das Türkische nicht durchdringt. Die Distanzierung erzeugt Sterilität.

„Der Anschein von Wahl ist ein Vorschein von Freiheit“, sagt Heiner Müller.

Die Erzählerin zweifelt schon am Anschein. Sie versäumt alle Gelegenheiten zur Überlistung der Mutlosigkeit. Sie nimmt Maß an der sich selbst verschweigenden Mutter, die zwar als Familienmotor reibungslos läuft, für sich aber nichts übrig hat. Selbstverzehrend hütet sie sich, die Vulnerabilität des Gatten mit Hinweisen auf seine Schwäche ausbrechen zu lassen.  

Die Tochter beobachtet die Tauchfahrten der Mutter. Sie baut ihr eigenes U-Boot. Sie konstituiert sich im Verfall der Eltern. Sie erfindet Begründungen. Sie wähnt sich auch noch unter Verdacht, wenn man ihrem Können (ihr Englisch ist außergewöhnlich gut) auf die Spur kommen will.     

In jedem Zimmer ein Aschenbecher

Die Kristallaschenbecher aus irgendeiner Tombola des Besonderen haben Logenplätze in einer Privathölle. Sie signalisieren Frieden & Ordnung in Verhältnissen, die zu dürftig sind, um von bürgerlichem Glanz auch nur gestreift zu werden. 

Ein als Geschenk in die Wohnung gelangtes Service wurde nie ausgepackt, weil es dem Vater zu gut für den Gebrauch erschien. 

Alles geschieht wie zum Hohn der Erzählerin. Zu den Marken ihrer Kindheit gehören das Aufploppen von „Mundstuhl“ im Fernseher, Nachrichten von brennenden Häusern, überforderte Eltern und überfordernde Lehrer. 

Die Erzählerin nimmt „Mundstuhl“ als unbegreiflichen Blödsinn wahr. Das Duo erscheint Ende der Neunzehnhundertneunziger Jahre auf der Frankfurter Bildfläche, die erste Großveranstaltung findet im Sinkkasten statt. Wikipedia weiß: „Mundstuhl ist ein Comedy-Duo aus Frankfurt am Main, bestehend aus den Komikern Lars Niedereichholz (* 1968) und Ande Werner (* 1969). Die beiden wurden vor allem mit den Kanak Sprak sprechenden Figuren Dragan und Alder bekannt.“

Sekundant des Elends

Der Vater isoliert sich. Er mumifiziert sich mit Schamschichten. Die Scham nennt er Verachtung. Selbst in der Wohnung verbirgt er sich. Seine Tochter erlebt einen Gefangenen als Tyrannen. Die Not des Vaters wird für sie zur Zumutung. Er zieht sie in das Gewebe seiner Schwäche. Sie spürt die Textur am eigenen Leib.

Sie verbessert ihre Duldungselastizität. Ihr Zuhause ist eine Schule des Überlebens von Unvermögen. Der häusliche Betrieb blockiert die Heranwachsende auf der ganzen Linie gesellschaftlicher Erwartungen. Immer wieder ruft ein Wirt an und verlangt von der Frau eines Trinkers, den Gatten aus Kneipen zu ziehen, die Conny’s Eck und Schluckspecht heißen und von der Erzählerin als Herbergen „blinkender Spielautomaten“ wahrgenommen werden. Der dem Elend sekundierende Großvater sagt noch Wirtschaft zur Kneipe. Im Familienensemble erscheint er als der Einzige, der biografisch überzeugend in den Maschen der Zeit hängengeblieben ist. Die Übrigen sind einfach nur sitzengeblieben.

Die Mutter verweigert der Realität das Recht zur Kenntnis genommen zu werden bis zum Hörsturz. Sie macht es sich gern gemütlich in der Unwirtlichkeit. Ihre Fähigkeit zur Ignoranz kommt mir bekannt vor. Ich bin unter Leuten aufgewachsen, die sich so bewirtschaftet haben. Was intern hilft, wirkt extern stigmatisierend. Kein Wunder, dass die Tochter in der Orientierungsstufe Gefahr läuft, „ausgesiebt“ zu werden. Zu vage sind die Zeichen der Exzellenz.

Die als Freundin firmierende Referenzgröße Sophia ist besser aufgestellt. Sie macht die Gemeinschaftsräume der Freizeitgestaltung zu ihrer „Landschaft“, angefangen mit der Pferdeturnhalle, in der sie voltigiert, vielleicht animiert von einer Sendung über Kaskadeure in der Camargue.

Geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Deniz Ohde Germanistik in Leipzig, wo sie auch lebt. 2016 war sie Finalistin des 24. open mike und des 10. poet bewegt Literaturwettbewerbs, 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Förderpreis. „Streulicht“ ist ihr erster Roman.