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24.08.2020, Jamal Tuschick

Zwischen Brecht und Protestantismus

Als junger Mann fokussiert er sich an einem Punkt zwischen Protestantismus und Brecht. Er tritt in einer Lederjacke mit Knopfleiste und kragenlosem Ausschnitt auf. In der Schule wird ihm das als bürgerliche Bohème-Attitüde im Geist der Dekadenz angekreidet – zu einer Zeit, als der imperialistische Schutzwall die Wettbewerbsfähigkeit der DDR sichern soll.

Seine Relegation erlebt er im Air eines Snobismus, der ihm in die Wiege gelegt wurde. Er ist der Enkel eines Mannes, der eine Kleinstadt mit Eleganz aufmischt. Da kommt der Antifaschismus aus der Geschmackssicherheit; die Haltung zaubert sich als Kaninchen der Solvenz aus dem Zylinder der Differenz.

Nicht mit mir.

In einer an allen Ecken und Enden notleidenden, sich am Konformismus aufgeilenden, mit den Parametern der Inferiorität ins Rennen geschickten Gesellschaft bleibt dem Akteur nur die innere Emigration in die Arroganz. So einer weist dann auch seine Frau auf ihre dicken Beine hin.

Das ist nicht schön.

Die Stärke verrottet in der Fäulnisfeuchte der Angst.

Schlafmangelsomnambulismus in der Zöglingshölle

Die Rede ist vom Vater der Erzählerin Ruth. Er gerät in eine Zöglingshölle, ernährt sich von Nietzsche und isoliert sich in den Futteralen eines Schlafmangelsomnambulismus. Er ergreift den DDR-Dissidentenberuf schlechthin.

Ulrike Almut Sandig, „Monster wie wir“, Roman, Schöffling & Co., 22,-

In Ruths Hölle erscheint ein Großvater als Missbrauchsmonster. Sie phantasiert den Verwandten als Vampir. Sie freundet sich mit Viktor an. Der Sohn eines NVA-Unteroffiziers erweist sich als idealer Kamerad* in den Kiefern- und Fichtenwäldern voller Pilzparadiese in Todholzklappen.   

*Kamerad lässt sich mit Kammerspieler übersetzen. Das Wort leitet sich von camera ab.

Die Kinder sind Zeugen des sowjetischen Besatzungsbetriebs. Früh erkennen sie den Unterschied zwischen der Hinfälligkeit jedes einzelnen, schlecht in Schuss gehaltenen Soldaten und dem Verströmen des Parfüms der Mannschaftsstärke.

Ulrike Almut Sandig wurde in Großenhain geboren. Bisher erschienen von ihr vier Gedichtbände, drei Hörbücher, zwei Erzählungsbände, ein Musikalbum mit ihrer Poetry-Band Landschaft sowie zahlreiche Hörspiele. Ihre Gedichte wurden verfilmt und übersetzt, für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise. Zuletzt wurde sie 2017 mit dem Literaturpreis Text & Sprache des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet, 2018 mit dem Wilhelm-Lehmann-Preis. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.