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25.08.2020, Jamal Tuschick

Das Gebet der Stärke

Liegestütze. Klimmzüge. Sit-ups.

Viktor bringt sich in Form. Noch ist er der Kleinste in der Clique um Marcel, die sich bei jedem Wetter auf dem Sportplatz einstellt. Da feiert man Feste der Genügsamkeit. 

Feste der Genügsamkeit

Wikipedia: "During their medal ceremony in the Olympic Stadium in Mexico City on October 16, 1968, two African-American athletes, Tommie Smith and John Carlos, each raised a black-gloved fist during the playing of the US national anthem, "The Star-Spangled Banner". While on the podium, Smith and Carlos, who had won gold and bronze medals respectively in the 200-meter running event of the 1968 Summer Olympics, turned to face the US flag and then kept their hands raised until the anthem had finished. In addition, Smith, Carlos, and Australian silver medalist Peter Norman all wore human-rights badges on their jackets."

Power to the People - John Carlos, Tommie Smith, Peter Norman 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt - Gemeinfrei

Alle Dinge geschehen gleichzeitig in der kindlichen Synchronisation.

„Fly (köpft) Fliegen und (malträtiert) das Cello … ich (tobe) mit Viktor und (lasse) mich von Großvater aussaugen“. Die Kinder spielen den Protest „der Black Panther auf der Olympiade 1968 in Mexiko-Stadt (nach). Ich als Tommie Smith mit erhobener Faust auf dem ungemachten Bett, neben mir Fly als John Carlos“.

Fly ist der Bruder der Erzählerin, Viktor der Freund. Viktor teilt das Garnisonsleben seiner Eltern; der Vater dient als NVA-Unteroffizier einer ständigen Tuchfühlung mit der Roten Armee. Viktors russische Mutter versorgt die Kinder mit Tee. Ihr Zustand ist die Erschöpfung.

Ruth verätzt sich selbst bei der Nachahmung einer weltbewegenden Selbstermächtigungsgeste

Eine „blasse Wintersonne bricht sich in den Scheiben der Stube“. Noch ist Viktor ein Kind, das „die Faust in die Stubenluft streckt“. Es wirkt wie ein Athlet, bereit für Olympia, während Ruth wie ein „Mehlsack“ die Empowerment-Geste sich selbst verätzend imitiert.  

Ulrike Almut Sandig, „Monster wie wir“, Roman, Schöffling & Co., 22,-

Stärke ohne Form ist die reine Selbstgefährdung. Man möchte Viktor warnen. © Jamal Texas Tuschick

Zwischen Brecht und Protestantismus

In einer an allen Ecken und Enden notleidenden, sich am Konformismus aufgeilenden, mit den Parametern der Inferiorität ins Rennen geschickten Gesellschaft bleibt dem Akteur nur die innere Emigration in die Arroganz.

Als junger Mann fokussiert er sich an einem Punkt zwischen Protestantismus und Brecht. Er tritt in einer Lederjacke mit Knopfleiste und kragenlosem Ausschnitt auf. In der Schule wird ihm das als bürgerliche Bohème-Attitüde im Geist der Dekadenz angekreidet - zu einer Zeit, als der imperialistische Schutzwall die Wettbewerbsfähigkeit der DDR sichern soll. Seine Relegation erlebt er im Air eines Snobismus, der ihm in die Wiege gelegt wurde. Er ist der Enkel eines Mannes, der eine Kleinstadt mit Eleganz aufmischt. Da kommt der Antifaschismus aus der Geschmackssicherheit; die Haltung zaubert sich als Kaninchen der Solvenz aus dem Zylinder der Differenz.

Nicht mit mir.

In einer an allen Ecken und Enden notleidenden, sich am Konformismus aufgeilenden, mit den Parametern der Inferiorität ins Rennen geschickten Gesellschaft bleibt dem Akteur nur die innere Emigration in die Arroganz. So einer weist dann auch seine Frau auf ihre dicken Beine hin.

Das ist nicht schön.

Die Stärke verrottet in der Fäulnisfeuchte der Angst.

Schlafmangelsomnambulismus in der Zöglingshölle

Die Rede ist vom Vater der Erzählerin Ruth. Er gerät in eine Zöglingshölle, ernährt sich von Nietzsche und isoliert sich in den Futteralen eines Schlafmangelsomnambulismus. Er ergreift den DDR-Dissidentenberuf schlechthin.

In Ruths Hölle erscheint ein Großvater als Missbrauchsmonster. Sie phantasiert den Verwandten als Vampir. Sie freundet sich mit Viktor an. Der Sohn eines NVA-Unteroffiziers erweist sich als idealer Kamerad* in den Kiefern- und Fichtenwäldern voller Pilzparadiese in Todholzklappen.   

*Kamerad lässt sich mit Kammerspieler übersetzen. Das Wort leitet sich von camera ab.

Die Kinder sind Zeugen des sowjetischen Besatzungsbetriebs. Früh erkennen sie den Unterschied zwischen der Hinfälligkeit jedes einzelnen, schlecht in Schuss gehaltenen Soldaten und dem Verströmen des Parfüms der Mannschaftsstärke.

Ulrike Almut Sandig wurde in Großenhain geboren. Bisher erschienen von ihr vier Gedichtbände, drei Hörbücher, zwei Erzählungsbände, ein Musikalbum mit ihrer Poetry-Band Landschaft sowie zahlreiche Hörspiele. Ihre Gedichte wurden verfilmt und übersetzt, für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise. Zuletzt wurde sie 2017 mit dem Literaturpreis Text & Sprache des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet, 2018 mit dem Wilhelm-Lehmann-Preis. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.