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25.08.2020, Jamal Tuschick

Johanna von Kastilien ist ein dynastisches Premiumprodukt der größten Machtkonzentration, die auf Erden je zustande kam. Und was wiegen ihre Bedürfnisse? Nichts!

In der Enge eines Lebens

Alexa Hennig von Lange erzählt in ihrem neuen Roman aus dem Leben einer Hauptdarstellerin und all den Regieanweisungen, die zu befolgen jene nicht umhinkommt. Die Autorin schildert das Verhältnis von staatlicher Macht und persönlicher Ohnmacht in der Enge eines Lebens.

Novemberkind

Johanna I. von Kastilien, genannt Johanna die Wahnsinnige, flutscht als Novemberkind des Jahres 1479 in Toledo auf die Weltbühne. Als Tochter einer dramatisch ehrgeizigen Mutter sowie als Spielball eines Frauen verachtenden Systems versucht sich Johanna zu bewahren. Unsinnig lange glaubt sie an die Liebe, um wenigstens einen Halt zu haben.

Alexa Hennig von Lange in der Berliner Kulturbrauerei 2018 © Jamal Texas Tuschick

Der schwarze Tod der Inquisition

Alexa Hennig von Lange erzählt in ihrem neuen Roman aus dem Leben einer Hauptdarstellerin und all den Regieanweisungen, die zu befolgen jene nicht umhinkommt. Die Autorin schildert das Verhältnis von staatlicher Macht und persönlicher Ohnmacht in der Enge eines Lebens. Alles geht von einem Punkt aus, der vor der Erzählung liegt: dem Sieg der Christenheit über die Mauren in Spanien. Mit dem Sieg verbindet sich das Jahrtausendverbrechen des Kolonialismus. Das vom Erfolg angefasste Power-Duo Isa & Ferdi expandiert gleich nach der Rückeroberung Andalusiens transatlantisch. Die Erkundung des Seewegs nach Indien konkurriert mit einem größeren Staatsziel – der Rückeroberung des Heiligen Landes. Für das Seelenheil eines Christen liegt in Westindien wenig und in Jerusalem viel. Die königlichen Hoheiten Isabella und Ferdinand haben den Ehrgeiz von Musterschülern. Sie wollen die besten katholischen Monarchen sein und folglich die Lieblingskönige des Papstes in seinem römischen Atrium des Himmelreichs.

Kolumbus verspricht seinen Herrschaften die Mittel für eine grandiose Himmelfahrt. Im Frühjahr 1495 passiert er den Drachenschlund vor Trinidad und stößt auf Inder, die nicht freundlich sind. Eine Streitmacht stellt sich der Expedition entgegen, auf einen Spanier kommen fünfhundert Bürger. Ein mitreisender Zeitgenosse erinnert sich: „Aber die Übermacht hielt den Geschützen, der Reiterei und der Bluthundestaffel nicht stand. Der Sieg des Kolumbus war leicht und vollkommen. Der Admiral brachte das harte Recht der Sieger über den Verlierern zur Geltung.”

Auch Johanna ist von Geburt an eine Besiegte. Die leibliche Existenz gehört der Dürftigkeit; das Übrige erschöpft sich in der Leuchtschildhaftigkeit eines Symbols. Spanien droht der schwarze Tod der Inquisition. Unter einem Leichentuch aus Verdächtigungen und Denunziationen stockt die Atmung des Gesellschaftskörpers. Seelische Hyperventilation zählt zu den Folgen der Erpressung.

Manchmal zwingen die Tröstungen der Natur Johannas Mutter einen kleinen „Schwächeanfall“ auf. Dann scheint es, „als könne Spanien kurz aufatmen“.

Krähenarmada

In der Aura einer Königstochter wird Spanien selbstverständlich zur Metapher für das persönliche Empfinden. Johanna bleibt sich selbst gegenüber blumig-verschwiegen. Das verlangt ihre Rolle.

Die geistlichen Intriganten umschwirren Johanna wie eine Krähenarmada.

Johanna von Kastilien ist ein dynastisches Premiumprodukt der größten Machtkonzentration, die auf Erden je zustande kam. Und was wiegen ihre Bedürfnisse? Nichts!

Aus der Ankündigung: Spanien, 1503: In der Festung La Mota soll Johanna von Kastilien endlich zur Vernunft kommen. Zu viel steht für ihre Mutter, Isabella die Katholische, auf dem Spiel. Die Königin regiert das Land mit unerbittlicher Härte, sie hat die Mauren vertrieben und lässt Tausende als Ungläubige auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrennen. Sie kann ihr Reich nicht in die Hände einer Tochter geben, die nicht betet, nicht beichtet und der Macht nichts bedeutet. Johanna will nicht über andere herrschen. Alles, was sie will, ist, über sich selbst zu bestimmen. Aber das scheint eine Freiheit zu sein, die nur Männern vorbehalten ist. Als sie mit Philipp dem Schönen ins ferne Flandern verheiratet wird, sieht es für einen Moment so aus, als sei das Unwahrscheinliche möglich: ein Leben in Liebe in einer Welt aus Verrat. Doch auch als sich diese Hoffnung nicht erfüllt, hält Johanna unbeirrbar an dem fest, was alle um sie herum für Wahnsinn halten – dem unerhörten Wunsch, dass die Welt anders sein könnte als sie ist.

Alexa Hennig von Lange, geboren 1973, wurde mit ihrem Debütroman ›Relax‹ 1997 zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Jugendbücher. 2002 wurde Alexa Hennig von Lange mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Bei DuMont erschienen die Romane ›Risiko‹ (2007), ›Peace‹ (2009), ›Kampfsterne‹ (2018) und ›Die Weihnachtsgeschwister‹ (2019). Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Berlin.