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26.08.2020, Jamal Tuschick

Mely Kiyak und ihre Jünger*innen © Jamal Texas Tuschick

Unter der maßlosen Überschrift „Hundert Jahre Mely Kiyak“ versammelte sich einst die Gorki-Familie auf der Studio Я Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters an einer langen Tafel, um die hundertste Kolumne ihrer Lieblingskolumnistin zu feiern. Hausherrin Shermin Langhoff verkündete: „Für euch habe ich New York sausen lassen.“  Es saßen zusammen: Max Czollek, Necati Öziri, Mely Kiyak, Margarita Tsomou, Sasha Marianna Salzmann, Deniz Utlu, Mehmet Yılmaz.

Ali-Travestie

Günter Wallraff claimte mit seiner Ali-Anmaßung „Ganz unten“ türkische Einwanderungsgeschichte als deutsche Domäne. Die Exploitation eines kulturellen Mehrwerts migrantischer Provenienz würde heute als illegitime Cultural Appropriation gecancelt. 

© Jamal Texas Tuschick

„Was es über uns zu berichten gab, wurde fremderzählt.“

Sie erlebt sich als Gegenstand von Zuschreibungen. Ihr Subjektstatus wird negiert. Sie kratzt höchstens mit ihrer kleinen Kritik an den Oberflächen der Objektivierung. 

Sie wird gedacht.

Günter Wallraff maßt sich die Rolle des Generalerzählers der Einwanderungsgeschichte als Epochentext an. So setzt sich die deutsche Suprematie überall da durch, wo es was zu holen gibt. Selbstverständlich lobt man Wallraff für sein Einfühlungsvermögen und für die realistische Darstellungskraft. Das Degoutante dieser Ali-Travestie verliert sich in den Registern der Mehrheitsgesellschaft. Da wird der Wert des Manövers festgestellt in Geld. Die Exploitation des kulturellen Mehrwerts ließe sich heute als illegitime Cultural Appropriation easy canceln. 

Mely Kiyak, Frausein, Hanser, 127 Seiten, 18,-

Die Autorin verweist auf eine Kofferkindheit* an allen möglichen Rändern ... unter anarchisch-archaischen Umständen.

Feudelarmee

Die Mutter reiht sich in das Heer jener ein, die in den Amtsfluren aufkreuzen, wenn die Herrschaften Feierabend haben. Sie gehört zur Feudelarmee aus dem Kontingent der Verfügbaren, die dankbar sein sollen, Deutschland putzen zu dürfen. Manchmal begleitet das erzählende Ich die Mutter an die Front der Degradierung. Das Mädchen rührt einen altmodischen Amtsrichter so sehr, dass er seine teewurstigen Frühstücksbrötchen rituell abtritt. Er institutionalisiert die Almosenabgabe. Er gießt sie in einen bigotten Akt der Barmherzigkeit. Die Mutter sackt die verschmähten Schrippen ein und zwingt ihre Kinder zum Verzehr der üblen Wohltaten. 

„Die Wurstbrötchen waren eine Herausforderung.“

Erziehung bedeutet „Unterordnung bis hin zur Unterwerfung“.

Mely Kiyak exponiert den wesentlichen Punkt. Dass die Mutter zwar Höflichkeit walten ließ, aber keinesfalls Höflichkeit erwartete. Ihr reichte der gute Wille des alten Tölpels, der keinen Schimmer hatte, wie anmaßend seine Unwissenheit war. Die Tochter wundert sich retrospektiv, dass der Mutter das Bedürfnis abging, sich zu erklären und ihre „Verhältnisse geradezurücken“.

Pittoreske Zurückhaltung

Gewiss, man war arm, bedürftig war man jedoch nicht.   

Kiyak klärt die pittoreske Zurückhaltung der Mutter als Aspekt eines Konditionierungsvorgangs. Die Debütantin wurde in die trotzlose Hinnahme von Fremdzuschreibungen eingewiesen. Die Selbstwahrnehmung war ein Kassiber - ein Untergrundmedium.

Kiyak beschreibt, wie Selbsterniedrigung aka blinde Zustimmung gelehrt und geübt wird. Überschreitungen der einschlägigen Schamgrenzen sind der Heranwachsenden nur erlaubt bei körperlichen Übergriffen, als Jungfrauenprotest im Geist einer rigiden Reinheitserhaltung. Kiyak setzt dann das Szenario des Widerstands (der Selbstbewahrung) auch bei allgemeineren Gelegenheiten ein. Ihr Nein avanciert zu einer verstörenden Instanz. Es reagiert stets analytisch auf einen konkreten Vorfall, greift aber alles Mögliche wie mit Baggerschaufeln auf. Wer auf ein Nein stößt, endet an Verteidigungslinien.

„Mit jedem Protest verausgabte ich mich bis zum Äußersten.“

Die Autorin isoliert sich. Durch die Schranken ihres Alleinseins gelangt sie nur mit Lampenfieber.     

...

Sie wird zur Schrift erzogen. In ihrem Koordinatensystem ist „das Putzfrauensein … der Referenzpunkt für alles“. Da sind solche, die sich nicht zu erheben vermochten, und jene, die ein Geheimnis zu wahren wissen und „deren Haar noch am Abend“ nach der Distinktion einer leichten Tätigkeit riecht.  

Lauter Solistinnen fädeln sich auf dem Parcours der Bildungselite ein. Es gibt keinen Schulterschluss der Selbstermächtigten. Jede zieht ihr Ding allein durch, während sich Deutschland um den Hals fällt. Die überwundene Teilung erzeugt eine revolutionäre Stimmung, die den Sturmspitzen der Minderheiten abgeht. 

Es ist ein Verdienst der Autorin, darauf hinzuweisen: hier der deutsche Einheitstaumel mit einem Feuerwerk des Rassismus und da die migrantische Vereinzelung mit der Emanzipation als Virtuos*innenleistung. 

Günter Wallraff claimte den kulturellen Mehrwert der Migration als deutsche Domäne. © Jamal Texas Tuschick

*Generation Koffer/Die Pendelkinder der Türkei - Von den Eltern verlassen, bei Verwandten aufgewachsen - Gülcin Wilhelm schreibt über ein türkisches Tabu

In der Ära der Anwerbung ging es nur um die Arbeitskraft. Das erste Abkommen mit der Türkei kam 1961 ohne Berücksichtigung der Kinderfrage zustande. In der deutschen Administration ersetzte man „Fremd“ mit „Gast“, um die Arbeiter dann wieder fast genauso unterzubringen wie gehabt: das heißt konzentriert in Baracken. Die Perspektiven koinzidierten: alle gingen von kurzer Dauer der Arrangements aus. Kinder wurden bei den Großeltern „geparkt“. Vor Gülcin Wilhelms Untersuchung war das ein ausgespartes Thema. Mitunter hielten die Zurückgelassenen die Großeltern für ihre Eltern. Wenn sie dann nach Deutschland verbracht wurden – in der Konsequenz mutierter Lebensplanungen – kollabierte ihre stärkste Bindung unbesprochen. Nun konnten die gesetzlichen Eltern schlecht erklären, warum sie den nachkommenden Nachwuchs erst einmal ausgeschlossen hatten.

 

„Das zurückgelassene Kind entwickelt Schuldgefühle“, erklärt Gülcin Wilhelm. Es vermutet Gründe für die Isolation in der eigenen Unzulänglichkeit. „Aus dem Muster der Selbstverurteilung rührt der Drang, sich extra zu beweisen“, in der vergeblichen Hoffnung auf immediate-return. Gülcin Wilhelm findet dafür das Bild: „Du wirfst einen Stein nach dem anderen in einen bodenlosen Brunnen“.

Trainingssache Mutterliebe
„Es gibt keinen Mutterinstinkt“, sagt Gülcin Wilhelm. Auch Mutterliebe ist Trainingssache. Da gerieten in vielen Konstellationen Fremde aneinander und sollten sich doch als Familie verstehen. Wie darüber reden? Dieser Frage ist Gülcin Wilhelm nachgegangen. Sie führt in einen Abgrund, der sich auftut, wenn man feststellen muss, dass man die lieblose Mutter nicht liebt. Zum Beispiel ergeben sich so, sagt Gülcin Wilhelm, „Verlustängste in den erwachsenen Partnerschaften“.

Die Väter der Kofferkinder glänzen in pädagogischer Abwesenheit. Über sie muss noch geschrieben werden.  

Zu den von Gülcin Wilhelm Befragten gehört D., Erzieherin, 41
Im Jahr der Revolte geht der Vater nach Deutschland. Die Mutter folgt, da ist D. zwei Monate alt. Sie verwechselt ihre Großeltern mit den Eltern, es haben schließlich alle Eltern. Ein naheliegender Trugschluss. Mit fünf wird D. nach Deutschland geschickt, sie fühlt sich zumal von der Großmutter im Stich gelassen.

„Was hatte ich mit diesen Fremden zu tun, die behaupteten, meine Eltern und Geschwister zu sein?“
Auch die Mutter verzichtet auf eine Annäherung. D.´s Resümee ist indes positiv: „Mich hat der Mangel selbstbewusst gemacht. Ich brauche nicht um jeden Preis einen Mann“.

E., Taxifahrer, 38
Sehnsucht nach der Oma in der Aura einer gefühlskalten Mutter. Die Rede ist von einem „offiziellen Mutter-Kind-Verhältnis“. E. wird ohne Deutschkenntnisse in B.-Wilmersdorf eingeschult. Sprachförderung findet nicht statt. Eine Clique der Ausgegrenzten dient dem Familienersatz.

Der Mangel an Verbundenheit wird von Müttern oft theatralisch überspielt. Allein ihre Überforderung steht außer Frage … in der Migration bieten die Traditionslinien der Herkunft keine sicheren Orientierungen mehr. Übrigens spielt der „Kofferkinder“-Titel an auf jene jüdischen „Kofferkinder“, die in einer kurzen Spanne nach den Novemberpogromen von 1938 in England willkommen waren. Von denen kehrte kaum eines in das Land der toten Eltern zurück. 

Aus der Ankündigung: „Ich bin eine Frau. Ich bin es gerne. Davon möchte ich erzählen.“ Was Frausein bedeutet, zeigt sich in jedem einzelnen Leben: Mely Kiyak erzählt von den Gesprächen über Weisheit und Nichtwissen, die sie als Mädchen mit dem Vater führte. Von den Cousinen, die vom Begehren erzählten. Vom Aufwachsen zwischen Ländern und Klassen, zwischen „Herkunftsgepäck“ und Neugier auf unbekannte Erfahrungen. Vom Alleinsein, von Selbsterkundung, von Familie. Was ist Weiblichkeit, wenn man den öffentlichen Blick überwindet und zurückbleibt mit sich selbst? Aufrichtig, lebenslustig, zärtlich und entwaffnend klug erinnert Mely Kiyak daran, dass es die Verhältnisse sind, die einem beibringen, wie man liebt und lebt.

Mely Kiyak, geboren 1976, lebt in Berlin und veröffentlichte mehrere Bücher und Essays, Theaterstücke und andere Texte. Für Zeit Online schreibt sie die wöchentliche politische Kolumne „Kiyaks Deutschstunde“, für das Gorki Theater Berlin „Kiyaks Theater Kolumne“. 2011 wurde sie mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. 2020 erscheint ihr neues Werk Frausein im Carl Hanser Verlag.