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26.08.2020, Jamal Tuschick

Wenn die Mörder stärker sind als die europäisch-französische Kultur. Die Pariser Attentate des Jahres 2015 stellten alles in Frage. Das behauptet Hilmar Klute. Der Autor fragt sich: Was bedeutet jetzt noch Nation? Was Patriotismus? Was bedeutet es, die Marseillaise zu singen?“ Quelle

Allons enfants de la Patrie
Le jour de gloire est arrivé !
Contre nous de la tyrannie
L'étendard sanglant est levé
Entendez-vous dans nos campagnes
Mugir ces féroces soldats?
Ils viennent jusque dans vos bras.
Égorger vos fils, vos compagnes!
Aux armes citoyens
Formez vos bataillons
Marchons, marchons
Qu'un sang impur ...
 

Humphrey Bogart in Casablanca als Held der freien Welt. Die Marseillaise hat er schon gesungen. Gemeinfrei.

Experte für verpasste Chancen

© Jamal Texas Tuschick

Die Welt ist ein einfacher Ort, wenn man sich im Begriffsdunst der Agenturen sein eigenes Nebelgebläse patentieren konnte und weiterhin nicht Gefahr läuft, seelisch zu lecken. Jonas Beckers einschlägige Bilanz fällt positiv aus. Nicht ab geht ihm die Eleganz der Effizienz. Ihm reichen verkürzte Ableitungen, die das Große und Ganze zum Küchenreim reduzieren. Er denkt so vor sich: „Vielleicht gibt es doch das richtige Leben im falschen“. Solche Krümel fallen vom Teller seiner Beobachtungen, die vielleicht auch deshalb so schwach sind, weil Jonas sich in seinem Leben keinen Augenblick der Verwilderung gegönnt hat.

Hilmar Klute, „Oberkampf“, Roman, Galiani, 22,-

Das ist der psychotopografische Ausgangspunkt in Hilmar Klutes Roman.

Pressetext

Hilmar Klute war nach Paris gezogen und genoss die bohemienhaft angehauchte Atmosphäre der französischen Hauptstadt, als am 7. Januar 2015 der Terror-Anschlag auf Charlie Hebdo, in unmittelbarer Nachbarschaft von Klutes Wohnung, alles änderte und Paris in den Ausnahmezustand versetzte. Klute (der im Berufsleben Streiflicht-Chef der Süddeutschen Zeitung ist) berichtete journalistisch über die Geschehnisse. Das Erleben des schlagartigen Wechsels der Atmosphäre, die völlige Neujustierung einer ganzen Stadt nach einem traumatischen Ereignis aber war etwas, was Klute in etwas Größeres, in einen Roman fassen wollte. Über die Jahre stellten sich das Personal des Buches ein und auch der Plot – Klute schrieb, feilte, gab das Manuskript ab und man einigte sich auf ein Erscheinen Ende August 2020. Es ist daher ein fast schon bizarrer Zufall, dass der Prozess gegen die Charlie Hebdo-Attentäter aufgrund der Corona-Pandemie auf den 2. September verschoben werden musste - und damit beinahe mit dem Erscheinungstermin des Buches zusammenfällt.

In Hilmar Klutes Oberkampf bildet das Jahr 2015 den zeitlichen Rahmen der Handlung, 
beginnend mit dem Umzug des Protagonisten Jonas Becker in ein kleines Apartement in der Rue Oberkampf, direkt um die Ecke der Charlie-Redaktion. Als kurz nach Jonas' Ankunft in Paris der grausame Anschlag geschieht, ist von der schwebenden Atmosphäre der Stadt auf einmal nichts mehr übrig. Klute schickt seinen Romanhelden  einen Schöngeist, der sich in Paris dem Traum vom Leben als Schriftsteller verwirklichen will  in eine abgründige Welt, in der sämtliche Gewissheiten eine nach der anderen wegbrechen und sich schnell die Frage stellt: Wie kann es gelingen, unter diesen Umständen frei und selbstbestimmt zu leben? Überhaupt stellt Oberkampf  wie so viele gute Romane  mehr Fragen, als Antworten zu liefern. In leichtfüßigen, wunderschönen Sätzen schreibt Klute über die Brüchigkeit unserer Existenz, aber auch über die sinnstiftende Kraft von Kunst und Kultur.

Im Interview mit Joachim Scholl (Deutschlandfunk) spricht Klute u.a. auch über seine Zeit in Paris; in einer ersten Rezension im SRF lobte Michael Luisier: "Das ist alles sehr aus dem Leben." Wir können diesen Satz nur unterstreichen, denn auch wenn es sich bei 2020 um ein Jahr des Ausnahmezustands handelt, sind die schrecklichen Ereignisse aus 2015 nicht nur wegen des anstehenden Prozesses noch immer sehr präsent und haben unser Leben für immer verändert. Klutes Roman ist ein ebenso melancholischer wie komischer Versuch, dem Terror mithilfe von Literatur beizukommen.

Hilmar Klute ist Streiflicht-Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er hat einige Bücher veröffentlicht, darunter den zeitkritischen Essay Wir Ausgebrannten (2012). 2015 erschien bei Galiani seine »ebenso kluge wie gründliche und liebevolle« (FAZ) Ringelnatz-Biografie War einmal ein Bumerang. Sein literarischer Debütroman Was dann nachher so schön fliegt erschien 2018 und wurde von der Presse hochgelobt. Hilmar Klute lebt in Berlin.