MenuMENU

zurück zu Main Labor

27.08.2020, Jamal Tuschick

Schwarze Schwester

Die Kraft des Glaubens erfüllt sie schon im Geburtskanal. Zari kommt ermächtigt auf die Welt, wo ihre Vorsprünge zunächst in den falschen Resonanzkästen landen. Sklavenjäger entziehen sie ihrer ursprünglichen Heimat in den sudanesischen Nuba-Bergen. Man stellt die Achtjährige zur Schau und bietet sie der zahlreichen Kundschaft auf einem ägyptischen Markt an. Zari trägt Zeichen der Prädestination, doch die Unwissenden begreifen nicht, „dass sie den Preis der Heiligkeit nicht zahlen“ können. Sie vergreifen sich an einer Seligen und verbrennen sich; es ist, als würde Gott selbst ihnen den Finger zeigen.  

Giulia Caminito © Rino Bianchi

Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, wo sie politische Philosophie studierte. Sie hat zwei mehrfach preisgekrönte Romane geschrieben und betreibt mit vier Kolleginnen eine Verlagsagentur. »Ein Tag wird kommen« ist dem Andenken ihres Urgroßvaters gewidmet, einem in den Marken bekannten Anarchisten, dessen Spuren sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland verlieren.

Einer „fasst sie zwischen die Beine, beinah so, als taste er eine Tomate ab“; Zari verbirgt sich in einer Unnahbarkeit zwischen Schlaf und Traum. Sie verwandelt sich. Sie tanzt. Weder weint sie vor noch spricht sie mit ihren Erpressern.

Giulia Caminito, „Ein Tag wird kommen“, Roman, aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, 264 Seiten, 23,- 

Das Pack vergreift sich im Plural seiner Unbelehrbarkeit. Aber allen Armen sind die Hände gebunden. Das Meer teilt sich. Zari sprengt ihre irdischen Bindungen. Auf dem Platz ihrer größten Erniedrigung erfährt die künftige Äbtissin von Serra de‘ Conti ihre Befähigung zur Divination.

Serra de’ Conti ist eine Gemeinde im Schatten eines Klosters in den Marken westlich von Ancona. Zari gelangt als Schwererziehbare nach Santa Maria Maddalena.

Giulia Caminitos Ahnen stammen aus der Gegend. Die Autorin erzählt eine an Stellen verbürgte Geschichte. Die Schwarze Chefin hat es gegeben.  

Keine Reformation störte den katholischen Betrieb in den romanischen Ländern.  

Das Schwarze Empowerment in furioser Marienlieblichkeit rumpelt im Roman gegen die Wände aus Kolonialismus, Faschismus, Anarchismus und Bella Ciao/Brigate Rosse-Pathos. Die Autorin kraxelt mit Rechercheabsichten in den Zerklüftungen ihrer Herkunft herum. Sie stößt auf Votivstatuen im Rahmen eines Kultes um Zeinab Alif. Die Schwarze Nonne avancierte zu einer Verkörperung des Widerstands. Sie wirkte Wunder und war außerdem musikalisch.

Caminito wuchs nach eigener Angabe als Autorin „an der unglaublichen Stärke eines wahren Gläubigen“. Die Evokationsmacht im Himmelbett klösterlicher Metaphysik trifft auf lauter bizarr kleiner Lichter. Die Leute in den Marken tendieren zu Unterschreitungen der niedrigsten Wohlstandsmarken. Der Roman spielt mit der Polarität von Vita activa und Vita contemplativa, wobei die Action aus den Übersteuerungen der Seligkeit kommt. Den Aktivist*innen des Säkularen fehlt die Energie der illuminierten Schwesternschar.

Zari gibt einer Zeit ein Beispiel, in der die Bräute Christi sozial stranguliert werden. Eine Schwester murmelt in ihren Bart:

„Sie wollen uns aus der Welt schaffen … sie wollen, dass wir vertrocknen.“  

Zari donnert dagegen an. Ihr Gesang legt Mauern flach. Die Schwarze Schwester pulverisiert die Melancholie der Abgehängten.

Eine Textprobe, damit ihr den Beat hört:

„Sie erinnerte sich, wie sie … nach Italien gekommen war, klein, Schwarz, wütend … und sie einen Moment lang geglaubt hatte, sie würde hier … ihre Kuh mit den langen Hörnern, die Hühnereier und das Flämmchen der Mutter, das immer im Fenster ihrer Erinnerung brannte“ wiederfinden.  

Aus der Ankündigung: Im Wald ist es warm und dunkel, als Nicola zitternd das Gewehr auf seinen geliebten Bruder Lupo richtet. Er bittet um Verzeihung, dann schießt er. Der Erste Weltkrieg hat Serra de’ Conti erreicht, ein Dorf in den italienischen Marken. An diesem Ort der Habenichtse zählt der Einzelne bloß, wenn er arbeitet, gehört keinem Bauern das Land, das er bestellt. In der Familie des Bäckers Ceresa überlebt kaum ein Kind, bald sind nur noch zwei Söhne übrig, so grundverschieden wie unzertrennlich: Nicola, der schwächliche Junge mit dem Prinzengesicht, und der aufsässige Lupo, der sich schon früh den Anarchisten anschließt. Unermüdlich beschützt Lupo den ängstlichen Bruder, kämpft gegen die Ungerechtigkeit der Mächtigen und die Märchen der Kirche. Doch zwischen den Brüdern steht eine Lüge, verborgen hinter Klostermauern. In wirkmächtigen Bildern von karger Schönheit erzählt Giulia Caminito »von unten« aus der Geschichte Italiens: von Malatestas Anarchisten, dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe bis zum Aufstieg Mussolinis – ein Roman über zwei ungleiche junge Männer und über den unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft.