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27.08.2020, Jamal Tuschick

Fassadenspanner

Karin Schneuwly hat ihren Erzählungen einen Satz von Robert Walser vorangestellt: Verwirrt sind wir am schönsten.

„Mag ich die prächtigen, erlauchten weißen Menschen? Diese extraordinären Exemplare von Vergänglichkeit?“ Das fragt sich eine eingewanderte Krankenschwester im Züricher Spital Hirslanden. Aus der Werbung: „Erstklassige medizinische Versorgung in der Schweiz. Die Privatklinikgruppe Hirslanden steht für Exzellenz und Qualität. Seit über 25 Jahren genießen wir den ... Die Hirslanden AG ist eine Privatklinikgruppe aus der Schweiz und umfasst 17 Kliniken in 10 Kantonen. Sie zählt per Stichtag 31. März 2020 2.506 Belegärzte und 10.417 Mitarbeitende. Dadurch ist sie größte private Spitalkette der Schweiz. Im Geschäftsjahr 2019/20 wies Hirslanden einen Umsatz von 1.804 Millionen CHF aus.“ 

In diesem Premiumkonsortium arbeitet auch Mona Kubik aus Pforzheim, der badischen Enzperle am Fuße des Schwarzwalds im Nagoldtal. Mein Urgroßvater, der schöne Emil Britsch, stammte aus Pforzheim. Er war an sich nur Stahlgraveur und brachte es doch zum Leibjuwelier des dänischen Königs. Er verstieg sich zum Bigamisten, indem er außer meiner Urgroßmutter Pauline, geborene Schäufele, auch noch eine dänische Kapitänstochter heiratete. Oma Päule verzieh ihm auf ihrem Totenbett. Ihre letzten Worte: „Ich geh jetzt zu ihm.“

Er selbst hatte sich nicht um die Ehre eines Staatsbegräbnisses bringen lassen. Bestattet wurde er im weißen Smoking in einem gläsernen Sarg.  

Nachts spannt er um die Ecken, um seine Frau wie eine Fremde zu erleben. © Jamal Texas Tuschick

Karin Schneuwlys Personal fehlt die Grandezza meiner Ahnen. Fast scheint es, als habe sich Mona in der Schweiz verirrt. Sie freut sich so sehr über alles. Das registriert die Erzählerin, deren nicht-weißer Fokus die Perspektive bestimmt. Sie profitiert vom Expansionsdrang der Badenerin. Erst gründet Mona im Nebenerwerbsmodus eine Hebammenschule, dann steigt sie in die IT-Branche ein. Das erzählende Ich überflügelt sein Vorbild und rauscht ab nach Genf in die angeschimmelte Zukunft der Geldgeschäfte. Jahre später trifft es Mona in München, wo die einst Feurige den trostlosen Anblick einer verfetteten Verarmten bietet.   

Karin Schneuwly hat ihren Erzählungen, von denen ich die erste eben gerafft habe, einen Satz von Robert Walser vorangestellt: Verwirrt sind wir am schönsten

Karin Scheuwly, „Wein und Zeit“, Erzählungen, Dörlemann, 160 Seiten, 20,-  

In Olivenkerne erzählt sie von der geringfügen, sich aber an allen Kontaktstellen meldenden Erregung, die ein Spanner bei einer Beobachterin auslöst. Der beobachtete Beobachter schleicht um die Ecken in Sarahs Nachbarschaft. Sarah kennt sein Ziel und weiß doch nicht:

„Was hat sie wohl, was andere Frauen nicht haben?“ 

Im Gegenlicht der abendlichen Manöver, denen tatsächlich nichts Anrüchiges, wohl aber der Zauber einer phantasievollen Sexualität anhaftet, erkennt Sarah die Peinlichkeit ihrer persönlichen Notdurfterotik. Sie spricht aber so tüchtig mit ihrem Gil darüber, als habe sie irgendwelche Vorsprünge und ein heimliches Glück aus der sachlichen Praxis zu verzollen. Sie verkauft sich ihren Sex als propere Lösung, um sich nicht von der Einsicht verstimmen zu lassen, dass ihr etwas Schwerwiegendes fehlt; so etwas wie ein Ehemann, der bei Nacht und Wind das eigene Schlafzimmerfenster in Augenschein nimmt. Macht er seiner Frau nicht ein Kompliment, wenn er sie so begehrenswert* findet wie eine Unbekannte, die sich in einem filmreifen Szenario entkleidet? Gewiss nicht. Wir verurteilen die Ruchlosigkeit des Spiels und plädieren für Ausschluss und Ächtung. 

*Gestern Abend sagte im Fernseher eine Sex-Beraterin: „Der Alltag wird euch nicht die Hände reichen. Ihr müsst euch schon selbst was ausdenken, wenn ihr“ (das sind jetzt meine Worte) Mover bleiben wollt. 

Aus der Ankündigung: In sechzehn Erzählungen verdichtet Karin Schneuwly den eigenen Alltag zu exemplarischen Momentaufnahmen. Wir erfahren vom Aufstieg und Fall der einst besten Hebamme Zürichs, vom einsamen Angelausflug des melancholischen Herrn Kummer. Wir durchleben den schmerzhaften Prozess der Demenz von Jakobs Frau Rebekka. Ein Kindergeburtstag wird zum Albtraum, als der Sohn verschwindet. Und durch die Augen der überheblichen jungen Jeanne Tulipe schauen wir auf unsere Mitmenschen hinab. Es ist keine fremde Welt, in die Karin Schneuwly uns entführt. Vielmehr glauben wir in den Figuren den Nachbarn von gegenüber zu erkennen, die Arbeitskollegin – oder uns selbst.

Karin Schneuwly, geboren 1969, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Nach Anstellungen bei Verlagen und beim Literaturhaus Zürich arbeitet sie seit 2010 als freie Texterin, Lektorin und Korrektorin. 2017 debütierte sie mit Glück besteht aus Buchstaben.