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28.08.2020, Jamal Tuschick

El fracaso no es una opción - Versagen ist keine Option

Blutige Expansion

Karl V. lässt sich von Agenten, die es normal finden, „ungläubige Völker“ mit der Schärfe des Schwertes einem christlichen Fürsten zu unterwerfen, die Neue Welt aufschließen. Diese Praxis versteht man unter Europäern als Pflicht & Kür kriegsgewandter Männer. Nach seiner Ernennung zum Statthalter von Neucastilien zieht Pizarro mit seinen Geschwistern, hundertneunzig Gefolgsmännern und siebenundzwanzig Pferden einer Armee von zweihunderttausend Kriegern entgegen. Der entfesselte Schweinehirte besingt das Glück, endlich in der Gewissheit leben zu dürfen, dass alles nurmehr eine Frage von Mut sein wird. Der Niedriggeborene will einen Stand gewinnen, mit dem man sich überall blicken lassen kann.

Um erhobenen Hauptes zu leben, müssen nur Heidenhäupter von Rümpfen getrennt werden. Pizarros Gegenspieler heißt Huayna Cápac. Der spanische Usurpator glaubt, „eine höhere Gesittung“ habe den alten Inka Macht über „die (von den Inkas bedrängten) Eingeborenen in den Hochthälern“ erlangen lassen. Eine „tiefstehende Menschenrasse“, die ihre Kinder „im Blute von Kriegsgefangenen“ ertränkte, Menschen aß und „Thiere … und Felsen“ anbetete, war von einer „höherstehenden Rasse“, die ihre Kinder „im Blute von Kriegsgefangenen“ ertränkte, Menschen aß und „Thiere … und Felsen“ anbetete unterjocht worden. Bei Großveranstaltungen „rauchte das Blut. Die Heiden bestrichen ihre Götzen mit dem Blut der Gefangenen. Sie rissen Herz und Lunge rituell aus der Brust.“

Huayna Cápac stirbt an den Pocken. Seine Nachfolgeregelungen und ihre Interpretationen lösen einen Bruderkrieg aus, der Pizzaro das Geschäft erleichtert.

Pizarro bestraft jeden Zauderer in seinen Reihen. Den Labilen verspricht er einen peinlichen Tod. Er prägt einen Schlüsselsatz des Expeditionswesens: „El fracaso no es una opción. Versagen ist keine Option.“ Von einem Grat der Westkordilleren lenkt Pizarro seinen erschöpften Hengst schließlich auf einen bewehrten Marktplatz. Die Männer hinter ihm erschrecken angesichts der Kasernen am Rand des Platzes. Sollten sie in eine Falle gestolpert sein?

Pizarro folgen hundertelf Mann zu Fuß und siebenundsechzig Reiter. Das ist nicht viel. Die Bereitschaft „der Wilden“, sich schlachten zu lassen, klingt ab. Die abergläubische Angst vor den gepanzerten Göttern schwindet. Das weiß Pizarro. In seinem Gefolge reitet ein Zeuge der Blutnacht von 1521, als die Cortés-Bande aus Moctezumas Hauptstadt Tenochtitlán fliehen musste. Silvio Planterra stammt aus Genua wie viele Italiener in spanischen Diensten. Man tat ihn auf ein Schiff, kaum dass er entwöhnt war. Mit Arbeit verdiente er sich Prügel. Der Gouverneur von Kuba erhob Silvio zum Trossknecht einer Expedition, die von Kariben aufgerieben wurde. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen. Entscheidend ist, hinter der blutigen Expansion steht ein Sohn jener Johanna, die Alexa Hennig von Lange zur Titelheldin gemacht hat. 

In der Enge eines Lebens Alexa Hennig von Lange erzählt in ihrem neuen Roman aus dem Leben einer Hauptdarstellerin und all den Regieanweisungen, die zu befolgen jene nicht umhinkommt. Die Autorin schildert das Verhältnis von staatlicher Macht und persönlicher Ohnmacht in der Enge eines Lebens.

Die Mechanik von Macht und Unterwerfung

Hier liegt ein Jahrtausendverbrecher: Christoph Kolumbus. Die Kathedrale Santa María de la Sede steht in Sevilla als weltweit kolossalster Sakralbau im gotischen Stil. Es gäbe noch ein paar Rekorde zu melden, allein es fehlt uns die Zeit zur malerischen Ausgestaltung. Allenfalls für nüchtern vorgebrachte Fakten bleibt Raum. Santa María de la Sede entstand in der Spanne von 1401 bis 1519 als architektonischer Triumph und christliches Dominanzzeichen auf den Trümmern der islamischen Mezquita Mayor. © Jamal Texas Tuschick

Johanna von Kastilien ist ein dynastisches Premiumprodukt der größten Machtkonzentration, die auf Erden je zustande kam. Und was wiegen ihre Bedürfnisse? Nichts!

Dynastische Meilensteine

Für Johanna existiert die Welt in zwei Ausgaben. Die eine leuchtet bis zum letzten Sandkorn. In ihr illuminiert der Heilige Geist jede Maus. Da entdeckt die Geneigte die Musikalität der Grashalme. Die andere ist ein Gefängnis, in dem es außer der Mechanik von Macht und Unterwerfung nichts gibt. Johannas Mutter, Isabella von Kastilien … Fleisch gewordene Erfüllung aller christlichen Wünsche, zugleich Drache auf dem Thron, gierig, geizig, kalt, heiß nur darauf, dem Papst zu gefallen … unterstellt die Tochter Kerkermeistern der Kirche.  

Alexa Hennig von Lange, „Die Wahnsinnige“, Roman, Dumont, 208 Seiten, 20,-

Wieder und wieder versucht sich Johanna das Leben zu nehmen.

„Sie hatte auf einigen Fenstersimsen gestanden, in wehender Luft;“ hoch über einem Burggraben, angenehm erfasst von einem Schwindel infolge allzu geringer Nahrungsaufnahme.

Routiniert nimmt sie Abstand von ihrer Absicht und den damit verbundenen Aussichten. Verheiratet ist Johanna mit einem, dem einst nachgesagt wurde, er sei als Mädchen auf die Welt gekommen.

Johannas Gatte ist ein Habsburger Herzog. Beinah direkt nach ihm gewinnt seine Familie die Universalmonarchie*.

*Die Habsburger stellen sich über alle anderen Fürsten und finden in der Sonderrolle Anerkennung.

Philipp dem Schönen sind zwar nur wenige Monde der Macht beschieden. Wie Jimi Hendrix und Jim Morrison stirbt er im Alter von siebenundzwanzig Jahren. Doch vorher setzt er dynastische Meilensteine. Er zeugt den ersten (gesamt)spanischen König. Ich rede von Kaiser Karl V. Zu Karls Zeit werden die Kräfte der Krone von den Türken gebunden. Byzanz ist Geschichte. Das Osmanische Reich übernimmt die Rolle des Bedrängers der Christen in Europa. Der Kaiser regt eine neue Reconquista an. Sein Konzept ignoriert den osmanischen Ansatz. Süleyman der Prächtige treibt kein türkisches Heer nach Westen. Vielmehr sammelt er und gliedert ein, wer immer ihm über den Weg durch Europa läuft. Balkanvölker stellen Verbände, um die Vorherrschaft in ihren Gebieten zu erlangen. Man muss nicht Muslim sein, um mitmachen zu dürfen. Karl ist nicht so modern.

Alexa Hennig von Lange 2018 in der Berliner Kulturbrauerei © Jamal Texas Tuschick

Novemberkind

Johanna I. von Kastilien, genannt Johanna die Wahnsinnige, flutscht als Novemberkind des Jahres 1479 in Toledo auf die Weltbühne. Als Tochter einer dramatisch ehrgeizigen Mutter sowie als Spielball eines Frauen verachtenden Systems versucht sich Johanna zu bewahren. Unsinnig lange glaubt sie an die Liebe, um wenigstens einen Halt zu haben.  

Gekeilt von der Inquisition

Alexa Hennig von Lange erzählt in ihrem neuen Roman aus dem Leben einer Hauptdarstellerin und all den Regieanweisungen, die zu befolgen jene nicht umhinkommt. Die Autorin schildert das Verhältnis von staatlicher Macht und persönlicher Ohnmacht in der Enge eines Lebens. Alles geht von einem Punkt aus, der vor der Erzählung liegt: dem Sieg der Christenheit über die Mauren in Spanien. Mit dem Sieg verbindet sich das Jahrtausendverbrechen des Kolonialismus. Das aufschäumende Power-Duo Isa & Ferdi expandiert gleich nach der Rückeroberung Andalusiens transatlantisch. Die Erkundung des Seewegs nach Indien konkurriert mit einem größeren Staatsziel – der Rückeroberung des Heiligen Landes. Für das Seelenheil eines Christen liegt in Westindien wenig und in Jerusalem viel. Die königlichen Hoheiten Isabella und Ferdinand haben den Ehrgeiz von Musterschülern. Sie wollen die besten katholischen Monarchen sein und folglich die Lieblingskönige des Papstes in seinem römischen Atrium des Himmelreichs.

Kolumbus verspricht seinen Herrschaften die Mittel für eine grandiose Himmelfahrt. Im Frühjahr 1495 passiert er den Drachenschlund vor Trinidad und stößt auf Inder, die nicht freundlich sind. Eine Streitmacht stellt sich der Expedition entgegen, auf einen Spanier kommen fünfhundert Bürger. Ein mitreisender Zeitgenosse erinnert sich: „Aber die Übermacht hielt den Geschützen, der Reiterei und der Bluthundestaffel nicht stand. Der Sieg des Kolumbus war leicht und vollkommen. Der Admiral brachte das harte Recht der Sieger über den Verlierern zur Geltung.”

Auch Johanna ist von Geburt an eine Besiegte. Die leibliche Existenz gehört der Dürftigkeit; das Übrige erschöpft sich in der Leuchtschildhaftigkeit eines Symbols. Spanien droht der schwarze Tod der Inquisition. Unter einem Leichentuch aus Verdächtigungen und Denunziationen stockt die Atmung des Gesellschaftskörpers. Seelische Hyperventilation zählt zu den Folgen der Erpressung.

Manchmal zwingen die Tröstungen der Natur Johannas Mutter einen kleinen „Schwächeanfall“ auf. Dann scheint es, „als könne Spanien kurz aufatmen“.

Krähenarmada

In der Aura einer Königstochter wird Spanien selbstverständlich zur Metapher für das persönliche Empfinden. Johanna bleibt sich selbst gegenüber blumig-verschwiegen. Das verlangt ihre Rolle.

Die geistlichen Intriganten umschwirren Johanna wie eine Krähenarmada.

Johanna von Kastilien ist ein dynastisches Premiumprodukt der größten Machtkonzentration, die auf Erden je zustande kam. Und was wiegen ihre Bedürfnisse? Nichts!

Alexa Hennig von Lange, geboren 1973, wurde mit ihrem Debütroman ›Relax‹ 1997 zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Jugendbücher. 2002 wurde Alexa Hennig von Lange mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Bei DuMont erschienen die Romane ›Risiko‹ (2007), ›Peace‹ (2009), ›Kampfsterne‹ (2018) und ›Die Weihnachtsgeschwister‹ (2019). Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in Berlin.