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28.08.2020, Jamal Tuschick

Exzesse der Vergeblichkeit

Giulia Caminito erzählt von einem Schwesternglück in den Marken. Die Nonnen feiern eine heimliche Freiheit. Die Abwesenheit des Hungers hebt sie über die italienischen Hillbillys vor der Pforte ihres Refugiums.

Umweltbewusste Bräute Christi an der nordöstlichen Stadtgrenze von Berlin © Jamal Texas Tuschick/Giulia Caminito © Rino Bianchi

Der Aufsicht enthoben

Das Amt der Äbtissin ist ein Sieg weiblicher Autonomie auf einer männlichen Domäne; „eine mit Hingabe aufrechterhaltene Möglichkeit der Selbstbestimmung“. Die Nonnen wählen ihre Chefin, deren vornehmste Aufgabe es ist, „auf Abwege Geratene wieder heimzuholen“. Solche, die den Zauber einer sakralen Existenz nicht mehr empfinden können, ertragen auch die Klosterstille nicht. Eine erhängt sich und wird, der Häresie zum Trotz, in der Klostergruft beigesetzt.

Giulia Caminito, „Ein Tag wird kommen“, Roman, aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, 264 Seiten, 23,- 

Da ist viel Eigenmächtigkeit im Spiel. Giulia Caminito beschreibt eine Gemeinschaft, die sich manches gestattet: der Aufsicht enthoben. Die Autorin deutet eine Freiheit an, die man nicht unbedingt in einem Kloster vermutet – die Freiheit in einer Festung. Dem Leichnam der Selbstmörderin versichert die Oberschwester:

„Keine Sorge, meine Liebe, niemand wird dich mehr wegbringen.“

Eine Welt in Unordnung

Das Kloster „sitzt wie ein Adler“ über dem Dorf. Vor der Pforte herrschen äußerste Armut, nagender Hunger, während im Refektorium Pasteten kursieren. Caminito erzählt die Not italienischer Hillbillys, die weder lesen noch schreiben können. Diese Analphabeten sind sprachlos auch in ihrer Gewalttätigkeit. Sie verausgaben sich in Exzessen der Vergeblichkeit.

Die entrückte Perspektive der Nonnen koinzidiert mit Ansichten ihrer Entschlossenheit. Immer wieder wird ihr Wille herausgefordert.  

„Ein Wille, der nichts beschließt, ist kein wirklicher Wille; der Charakterlose kommt nie zum Beschließen. Der Grund des Zauderns kann auch in einer Zärtlichkeit des Gemüts liegen, welches weiß, daß im Bestimmen es sich mit der Endlichkeit einläßt, sich eine Schranke setzt und die Unendlichkeit aufgibt: es will aber nicht der Totalität entsagen, die es beabsichtigt. Ein solches Gemüt ist ein totes, wenn es auch ein schönes sein will. Wer Großes will, sagt Goethe, muß sich beschränken können. Durch das Beschließen allein tritt der Mensch in die Wirklichkeit, wie sauer es ihm auch wird, denn die Trägheit will aus dem Brüten in sich nicht herausgehen, in der sie sich eine allgemeine Möglichkeit beibehält. Aber Möglichkeit ist noch nicht Wirklichkeit. Der Wille, der seiner sicher ist, verliert sich darum im Bestimmten noch nicht.“ Hegel

Die Schwestern üben Solidarität im Widerstand gegen die Kirchenoberen.

„Sie standen alle mit leeren Händen da, als Zeichen der Entschlossenheit und des Protests, sie hatten alles zurückgelassen, ihre Zellen waren schon jetzt Museen ihrer Abwesenheit.“

Im Weltkrieg von 1914 sollen sie an einen anderen Ort und so der kirchenfürstlichen (männlichen) Autorität (näher) gebracht werden. Das ganze Dorf bäumt sich gegen den Transfer auf. Greise verbünden sich mit Knaben. Sie steinigen die Kutscher, die gekommen sind, um die Nonnen zu holen. Man erachtet den Riot als Wunder.  

Schwarze Schwester

Die Kraft des Glaubens erfüllt sie schon im Geburtskanal. Zari kommt ermächtigt auf die Welt, wo ihre Vorsprünge zunächst in den falschen Resonanzkästen landen. Sklavenjäger entziehen sie ihrer ursprünglichen Heimat in den sudanesischen Nuba-Bergen. Man stellt die Achtjährige zur Schau und bietet sie der zahlreichen Kundschaft auf einem ägyptischen Markt an. Zari trägt Zeichen der Prädestination, doch die Unwissenden begreifen nicht, „dass sie den Preis der Heiligkeit nicht zahlen“ können. Sie vergreifen sich an einer Seligen und verbrennen sich; es ist, als würde Gott selbst ihnen den Finger zeigen.  

*

Einer „fasst sie zwischen die Beine, beinah so, als taste er eine Tomate ab“; Zari verbirgt sich in einer Unnahbarkeit zwischen Schlaf und Traum. Sie verwandelt sich. Sie tanzt. Weder weint sie vor noch spricht sie mit ihren Erpressern. Das Pack vergreift sich im Plural seiner Unbelehrbarkeit. Aber allen Armen sind die Hände gebunden. Das Meer teilt sich. Zari sprengt ihre irdischen Bindungen. Auf dem Platz ihrer größten Erniedrigung erfährt die künftige Äbtissin von Serra de‘ Conti ihre Befähigung zur Divination.

Serra de’ Conti ist eine Gemeinde im Schatten eines Klosters in den Marken westlich von Ancona. Zari gelangt als Schwererziehbare nach Santa Maria Maddalena.

Giulia Caminitos Ahnen stammen aus der Gegend. Die Autorin erzählt eine an Stellen verbürgte Geschichte. Die Schwarze Chefin hat es gegeben.  

Keine Reformation störte den katholischen Betrieb in den romanischen Ländern.  

Das Schwarze Empowerment in furioser Marienlieblichkeit rumpelt im Roman gegen die Wände aus Kolonialismus, Faschismus, Anarchismus und Bella Ciao/Brigate Rosse-Pathos. Die Autorin kraxelt mit Rechercheabsichten in den Zerklüftungen ihrer Herkunft herum. Sie stößt auf Votivstatuen im Rahmen eines Kultes um Zeinab Alif. Die Schwarze Nonne avancierte zu einer Verkörperung des Widerstands. Sie wirkte Wunder und war außerdem musikalisch.

Caminito wuchs nach eigener Angabe als Autorin „an der unglaublichen Stärke eines wahren Gläubigen“. Die Evokationsmacht im Himmelbett klösterlicher Metaphysik trifft auf lauter bizarr kleiner Lichter. Die Leute in den Marken tendieren zu Unterschreitungen der niedrigsten Wohlstandsmarken. Der Roman spielt mit der Polarität von Vita activa und Vita contemplativa, wobei die Action aus den Übersteuerungen der Seligkeit kommt. Den Aktivist*innen des Säkularen fehlt die Energie der illuminierten Schwesternschar.

Zari gibt einer Zeit ein Beispiel, in der die Bräute Christi sozial stranguliert werden. Eine Schwester murmelt in ihren Bart:

„Sie wollen uns aus der Welt schaffen … sie wollen, dass wir vertrocknen.“  

Zari donnert dagegen an. Ihr Gesang legt Mauern flach. Die Schwarze Schwester pulverisiert die Melancholie der Abgehängten.

Eine Textprobe, damit ihr den Beat hört:

„Sie erinnerte sich, wie sie … nach Italien gekommen war, klein, Schwarz, wütend … und sie einen Moment lang geglaubt hatte, sie würde hier … ihre Kuh mit den langen Hörnern, die Hühnereier und das Flämmchen der Mutter, das immer im Fenster ihrer Erinnerung brannte“ wiederfinden.  

Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, wo sie politische Philosophie studierte. Sie hat zwei mehrfach preisgekrönte Romane geschrieben und betreibt mit vier Kolleginnen eine Verlagsagentur. »Ein Tag wird kommen« ist dem Andenken ihres Urgroßvaters gewidmet, einem in den Marken bekannten Anarchisten, dessen Spuren sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland verlieren.