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30.08.2020, Jamal Tuschick

„Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie bewegt mich in einer so fremden Region, daß ich mir Zeit nehmen muß, mich in beide zu finden.“ Goethe gegen Kleist

Seefahrt im Kirchenschiff

Der Erzähler erscheint als Buchhalter seiner Einfälle. Zwanzig Jahre widmete er dem Unterfangen, die Welt „lesen zu lernen“. Jetzt will er sie sich „erschreiben“.

Brachiosaurus brancai © Jamal Texas Tuschick

Verramschtes Debüt

Vor Jahrzehnten gewann sie einen Preis. Ich glaube, für Meinhard. Jedenfalls hieß so ihr (alle Jahre wieder ausgekramtes und aufgerüschtes, inzwischen jedoch endgültig verramschtes) Debüt. Ascona von Kleist heiratete im Glanz der vielversprechenden Anfängerin einen Ahrenshooper Strandbadpiraten, der schon satt auf die Welt gekommen ist. Er trägt den Champagner im Kübel immer noch hinter ihr her, während sie Sandburgruinen in Abendstimmungen fotografiert. Man sieht, wie sehr die beiden auf ihre Ernährung achten. Röntgenbilder nannte Tom Wolfe einst den Typus. Ganz Kaschmir und Seide, schauen sie sich Bilder und Kirchen an. Von Stralsund bis Magdeburg ist der Osten für sie Protestantismus; Seefahrt im Kirchenschiff. Heimlich sind sie katholisch und orgelkonzertsüchtig.

Ich rede mit Kleist über „Flussabwärts gegen den Strom“ von Christian Haller. Der Roman hat diese pietistische Strenge, die dazu einlädt, aus einem Besenstiel ein Steckenpferd zu schnitzen.

Der Erzähler erscheint als Buchhalter seiner Einfälle. Zwanzig Jahre widmete er dem Unterfangen, die Welt „lesen zu lernen“. Jetzt will er sie sich „erschreiben“.

Christian Haller, „Flussabwärts gegen den Strom“, Roman, Luchterhand, 219 Seiten, 22,-

Die Schweiz als Textland

Seine Themen sind Intrigen und Macht, kurz, die atmende Gesellschaft. Er residiert in Zürich „in einer Atmosphäre höhlenartiger Geborgenheit“. Eine Pippa gehorcht ihm aufs Wort der Liebe. Ein Schlag reißt sie von den Füßen, und aus dem Liebhaber wird ein Fürsorger. Er schreibt auf einer Hermes Baby: Feinmechanik von Paillard-Bolex. Beim Schreiben erreicht er Zustände, wie im Weiteren niemals. Die Produktion versorgt ihn mit allem.

Wozu noch Leute treffen? Was will man in der Stadt?

Doch fehlt dem Erzähler der lange Atem schierer Selbstgewissheit. Er erstellt ein Gutachten für den S. Fischer Verlag, in dem er feststellt, dass die Schweiz als Textland zu wenig Substanz für eine Dependance bietet.

Mit dem aberwitzigen Urteil bringt sich der Erzähler um einen Posten. Übrigens geschieht dies noch vor Pippas Hirnblutung. Das desolate Duo kehrt im Elternhaus des Erzählers heim. Die Mutter lebt noch, ist aber zu schwach, um sich zu wehren.

Chinese people like to stay with their enemies. Adam Hsu

Wohlfühl-Chichi to go

Anders als der Erzähler habe ich früh mit Wushu begonnen. Man begreift natürlich nichts, wenn man mit philosophischen Allgemeinplätzen als fünfundzwanzigjähriger Greis an die Sache herangeht. Die Gnade der Unbefangenheit ist mit Intellekt nicht aufzuwiegen. Mein erster Lehrer war ein Südvietnamese, der aufs Härteste geprüft worden war. Man hatte versucht ihn zu brechen. Vielleicht lag da die stärkste Aussage über die Qualität seines Tuns. Dass er sich über die Gewalt mit heiterer Leichtigkeit hinwegzusetzen vermochte. Ich glaube, das war der Grund, weshalb ich von ihm und dem Training fasziniert blieb. Meister Xuan war ein kleiner leichter Lachsack. Wollte man ihm etwas ernsthaft auseinandersetzen, bog er sich.

Wushu ist ein Weg zur Mitte. Von alters her erachtet man eine Ausgeglichenheit im Spektrum der Seligkeit als beste Kampfverfassung. Das ist so unglaublich weit weg von den martialischen Posen, in denen sich hier die Leute gefallen, und die man doch stets nur mit der schlechtesten Note bewerten kann. 

Eingebetteter Medieninhalt

Geturnte Philosophie

Der Erzähler kultiviert sich mit Tai Chi (Taijiquan). Er begreift die innere Kampfkunst als „alte chinesische Übung des Ausgleichs und der Konzentration“. Er schnürt die Exerzitien mit ein paar philosophischen Schrumpfköpfen zusammen. Das sind Leichen im Keller der Verständnislosigkeit. Im „wortlosen Vollzug von Bewegungen“ erkennt der Praktizierende dies und das. Mir macht das wieder einmal klar, weshalb man so früh anfangen muss, zu üben, wenn es denn mehr werden soll als Wohlfühl-Chichi.

Chinese people like to stay with their enemies. Adam Hsu

Eingebetteter Medieninhalt

Anders als der Erzähler habe ich früh mit Wushu begonnen. Man begreift natürlich nichts, wenn man mit philosophischen Allgemeinplätzen als fünfundzwanzigjähriger Greis an die Sache herangeht. Die Gnade der Unbefangenheit ist mit Intellekt nicht aufzuwiegen. Mein erster Lehrer war ein Südvietnamese, der aufs Härteste geprüft worden war. Man hatte versucht ihn zu brechen. Vielleicht lag da die stärkste Aussage über die Qualität seines Tuns. Dass er sich über die Gewalt mit heiterer Leichtigkeit hinwegzusetzen vermochte. Ich glaube, das war der Grund, weshalb ich von ihm und dem Training fasziniert blieb. Meister Xuan war ein kleiner leichter Lachsack. Wollte man ihm etwas ernsthaft auseinandersetzen, bog er sich.

Aus der Ankündigung: Der Damm ist gebrochen, der Fluss des Lebens trägt Christian Haller näher an seine Bestimmung heran. Aus dem jungen Mann, der den Weg suchte, "den es nicht gab und den er dennoch gehen wollte", ist ein Schriftsteller geworden. Durch Widerstände, Schicksals- und Rückschläge eröffnen sich ihm zunächst neue Lebens- und Arbeitsbereiche. Er aber muss kämpfen gegen finanzielle Nöte, gegen Ablehnung und für die Anerkennung seiner Arbeit. Doch schreibend gelangt er an sein Ziel: In der Erkundung seiner Herkunft, jener Einschläge des 20. Jahrhunderts, die die Wege seiner Familie bestimmten, tritt allmählich das erzählende Ich hervor. Und mit ihm die Frage, wie der Untergrund des Lebens tatsächlich beschaffen ist.

Christian Haller wurde 1943 in Brugg, Schweiz geboren, studierte Biologie und gehörte der Leitung des Gottlieb Duttweiler-Instituts bei Zürich an. Er wurde u. a. mit dem Aargauer Literaturpreis (2006), dem Schillerpreis (2007) und dem Kunstpreis des Kantons Aargau (2015) ausgezeichnet. Zuletzt sind von ihm die ersten beiden Teile seiner autobiographischen Trilogie erschienen: »Die verborgenen Ufer« sowie »Das unaufhaltsame Fließen«. Er lebt als Schriftsteller in Laufenburg.