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31.08.2020, Jamal Tuschick

Oh ja, Dita Kraus fürchtet sich. Sie fürchtet die Gewalt in gewichsten Stiefeln, so wie sie sich in der Person des Doktor Tod aka Dr. Mengele hypostasiert. Ihr Mentor Fredy Hirsch, der mit seinem Leben die Einsicht von Nâzım Hikmet illustriert: 

Es geht nicht darum, gefangen zu sein. Es geht darum, dass man sich nicht ergibt,

lobt die Debütantin über den grünen Klee. Er dekretiert:

„Ich brauche diejenigen, die zittern, ohne zu wanken.“

Intelligenter Mut

Ferne weilen wir von allem,
 was uns einst so gut gefallen.
Du nur kannst uns zurück führen
 durch entsprechende Lektüren,
daß ein Strahl der frühern Welt,
 uns das Dunkel hier erhellt“

Gedicht eines Häftlings, gerichtet an den Leiter der Ghettozentralbücherei Theresienstadt

Die Bibliothek mit Beinen

Dita ist dreizehn, als sie - im Tross der Eltern - in das „Familienlager“ von Auschwitz-Birkenau gerät. Der charismatische Kinderblockchef Fredy Hirsch erkennt sofort die göttliche Ladung aus Mut und Intelligenz, die Dita illuminiert und sie über die schiere Leidensgenossenschaft erhebt. Fredy macht Dita zur Hüterin des größten Schatzes in der Nacht von Auschwitz.

Es geht um Distributionsaufgaben im Kontext der Geheimverwahrung. Fredy schaltet Dita in den Transfer jener acht verbotenen Bücher, die im Besitz der Gefangenen kursieren. Gefahr überschattet jede Bewegung der Untergrund-Bibliothekarin.

Fredy spricht von einer „Bibliothek mit Beinen“.

Aus der Ankündigung: Im alles verschlingenden Morast des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau hat der Blockälteste Fredy Hirsch heimlich eine Schule aufgebaut. Ihr wertvollster Besitz sind acht alte, zerfallene Bücher. Fredy ernennt die 14-jährige Dita zur Bibliothekarin, sie soll die verbotenen Bände künftig verstecken und schützen. Dita, die schon früher Trost in Büchern gefunden hat, kümmert sich mit äußerster Hingabe um „ihre“ kleine Bibliothek. Und die Bücher geben zurück: Sie schenken Licht, wo nur noch Dunkelheit zu sein scheint, und bieten einen Anker, wo der Schmerz zu übermannen droht. Die Bücher begleiten Dita und die anderen Häftlinge durch die Zeiten der größten Verzweiflung, bis wieder ein neuer Hoffnungsschimmer zu erkennen ist.

Antonio Iturbe, geboren 1967, wuchs in Barcelona auf und hat bereits zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene verfasst. Als Kulturjournalist hat er unter anderem für El Periódico gearbeitet, derzeit leitet er das Literatur- und Kulturmagazin Librújula, schreibt für El País und unterrichtet an der Universitat de Barcelona sowie der Universidad Autónoma de Madrid.