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03.09.2020, Jamal Tuschick

Der Friedhof Ohlsdorf ist eine Welt für sich und „einmalig in Europa“ laut Hamburger Friedhöfe.

Zwischen Graugänsen und Grabstätten

Der Friedhof Ohlsdorf ist der größte Parkfriedhof der Welt. Unter alten Bäumen können Sie hier den grünen Reichtum genießen, für den er zu Recht berühmt ist. Mit seinen 389 Hektar ist er zugleich Hamburgs größte Grünanlage. Hier gedeihen 450 Laub- und Nadelgehölzarten, die Teiche und Bäche sind von Wasservögeln belebt. Quelle

„Selbstmord, solange ich noch einen Rest von Kontrolle habe über das Gemüse, das einmal meinen Namen trug. Ich sehe die Walther PPK in meiner Hand, ich sehe sie in meinem Mund.“ Wolfgang Herrndorf

Plastikpietät

Blendende Erzählidee - In Leonhard Hieronymis Friedhofsroman „In zwangloser Gesellschaft“ besucht der Erzähler Gräber mehr oder weniger schnell vergessener Schriftsteller wie Robert Gernhardt und Roger Willemsen.

„Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend?“ Heiner Müller © Jamal Texas Tuschick

Oft sah ich bei einem verschleppten Frankfurter Aufbruch Robert Gernhardt um die Ecke kommen, schon im Mantel und immer noch im Gespräch. Ihn hielt ein Interesse am Episodischen in Gang. Ich unterstellte ihm eine vorgetäuschte Umgänglichkeit.

Leonhard Hieronymi, „In zwangloser Gesellschaft“, Roman, Hoffmann und Campe, 16.99 Euro

Der Erzähler sucht im Verein mit einem Bruder Gernhardts Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Er passiert die Huch- und Unseld-Magistrale. Neben dem Verleger liegt der Witwenvater, während Joachim Unselds Mutter Hilde sonst wo liegt.

Friedhöfe erzählen Familiengeschichten zu Ende.

Der Repräsentationswille über den Tod hinaus als einer Domäne des 19. Jahrhunderts lässt sich auf Friedhöfen studieren. Da präsidieren die Brentanos, Chamissos und Kleists und übertrumpfen spielend Theodor W. Adorno, Matthias Beltz und Alfred Schmidt.  

Oft sah ich Willemsen wie einen Leuchtturm aus der Menge ragen, umringt von weiblichen Verlagsangestellten. Sie badeten in seiner Aura. Willemsen erschien in jeder geistigen Hinsicht überragend und wollte dann auch noch sexy sein. Noch am ehesten verkörperte er den Liebling der Götter in einer öden Welt, wenn auch in der Taschenbuchausgabe.

„Dorotheenstädtischer Friedhof: In dieser Oase in Berlin-Mitte findet man zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten vom 18ten Jhdt. bis zur Jetztzeit, mit teils prunkvollen Gräbern. Von Hegel, Schinkel über Bertolt Brecht, Anna Seghers bis zu Otto Sander und Wolfgang Herrndorf.“ Quelle

Abladementalität

Das erzählende Ich erinnert sich vor den Manifestationen der Endlichkeit, an Cointreau, den es aus einer Muschelschale einst trank, nämlich „am Tag von Herrndorfs Freitod“. Es assoziiert einen „warmen Augustnachmittag … auf dem Sofa“ in zeitlicher Koinzidenz mit Wolfgang Herrndorfs finalen Maßnahmen.

Hieronymi zitiert Herrndorf: „Ich sehe die Walther PPK in meiner Hand, ich sehe sie in meinem Mund.“

Niemand fiel bisher auf, dass die Notiz einen Satz von André Malraux paraphrasiert: „Kein Unglück soll weiterreichen als der Lauf meines Revolvers.“

Der Sondierende stößt auf ein Phänomen, das als Abladementalität seinen Begriff gefunden hat. Da die Leute nicht mehr wissen, wie ein Gespräch mit den Toten abläuft, laden sie einfach alles ab, was sich herbeischleppen lässt. In ihren Kolportagen werden Sitten struppig. Man bewahrt kein Andenken mit einem als Müll bereits produzierten Plastikengel. Stattdessen vermüllt man ein Grab mit der Plastikpietät. 

Der Erzähler erinnert sich an Partys auf imaginären, unter „Cäsarenschrott“ begrabenen Ruinen im Taunus. © Jamal Texas Tuschick

Der Erzähler erinnert sich an Partys auf imaginären, unter „Cäsarenschrott“ begrabenen Ruinen im Taunus. Er prüft die Chancen des Grotesken. Jedenfalls glaube ich das an einer Stelle, wo Hans Henny Jahnn und Hubert Fichte aufeinandertreffen. Doch dann belehrt mich Google. Es ist alles wahr: „Die analytische Präzision Fichtes ist in diesen späten Essays (1982 bis 1985) noch gesteigert, die polemische Schärfe im Urteil bleibt dieselbe. In diesem Band kann man auch die wichtige Begegnung mit Hans Henny Jahnn nachlesen, den Fichte als 14jähriger traf und dem er mit Herrn Pozzi im Versuch über die Pubertät ein - gewiss strittiges -Denkmal setzte.“  

In schwersten Dämmerungsgewittern übersteht der Inspizient Rumänien.

Bald mehr.