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04.09.2020, Jamal Tuschick

Die schärfsten Feinde der Republik gaben sich den Anschein normaler Leute. Den Umsturzeifer tarnten sie mit Versatzstücken aus dem Repertoire des Biedermanns. Sie organisierten sich hinter Schildern der Harmlosigkeit und so auch als „Club der Harmlosen“.

Der Terrorist als Bürger

Ein Korvettenkapitän als Missionar des völkischen Nationalismus; selbstverständlich unter Ausschluss des Pöbels. - Den Sieg vor Augen entsprach Hermann Erhardt dem idealtypischen Produkt einer im Untergang begriffenen Welt.

Infames Begriffsmuster

Die schärfsten Feinde der Republik gaben sich den Anschein normaler Leute. Den Umsturzeifer tarnten sie mit den Zimbeln des Bürgerlichen. Ein Beispiel. Carl Tillessen, Bruder des Erzberger-Attentäters Hermann T., ist in den 1920er Jahren bei den Obertiefenbacher Basaltwerke beschäftigt. 1930 avanciert er zum Direktor der Westfälischen Sand- und Tonwerke in Dorsten. Nach ihm sind ein Park und ein See benannt. CT verkörpert den Terroristen als Biedermann. Er zählt zur Funktionselite der Organisation Consul und ist nicht zuletzt an der Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau beteiligt. Der Mord erfolgt nach Ansage im Völkischen Beobachter. Das antisemitische Motiv wurde unterstrichen. 

Florian Huber, „Die Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland“, 282 Seiten, 24,-

Huber analysiert das besondere Interesse der rechten Ränkeschmiede an Rathenau. Die offensichtliche Überlegenheit seiner Persönlichkeit macht den Großbürger zum Ziel. Er firmiert „als Agent des Auslands“. Man projiziert auf Rathenau die Kriegsniederlage und die Bedingungen des Friedens. Man unterstellt ihm eine „jüdisch-fremdländische Mission, die Deutschen zu Sklaven Europas zu machen“.

Huber bringt einen Punkt, an dem wir verdeckten Antisemitismus zu erkennen gelernt haben. Die Schattenkrieger in der Ehrhardt’schen Vorhaltung sehen in Rathenau den Puppenspieler, an dessen Fäden gezappelt wird. Nach diesem infamen Begriffsmuster steuert Rathenau antideutsche Kräfte.  

Killerauftrag

In Wahrheit will der Vollblutpolitiker nur der Demokratie zum freien Lauf verhelfen. Für seine Feinde verkörpert er das „System Weimar“ wie kein zweiter; obwohl er viel zu aristokratisch rüberkommt, um als Identifikationsfigur für den gemeinen Mann (in der ungewohnten Rolle des Souveräns) effektiv zu sein. Der plebejische Matthias Erzberger taugte deutlich besser zu einem Vorbild für die Massen. Allein, der Volkstümliche wurde bereits von OC-Schergen ermordet. Nun legt man auf Rathenau an.  

Erwin Kern kriegt den Killerauftrag. Sein Wikipedia-Eintrag weist ihn als Berufsattentäter aus. Huber beschreibt einen zupackenden und mitreißenden, von Entschlossenheit geradezu geschleuderten Charakter. Der 1998 geborene Kern war Marineoffizier, Ehrhardt-Brigadist und OC-Akteur. Huber olympisch: „Kern drängte sich auf als Kraftzentrum des Terrorkommandos.“ 

Mit ihm treten Hermann Fischer, Ernst Werner Techow und Ernst von Salomon zu einem Mörderring zusammen.

Resistenter Kern

„Ein guter Soldat braucht keine Befehle, denn er kennt seine Pflicht.“ Antonio Iturbe, „Die Bibliothekarin von Auschwitz“

„Der Mensch wird entweder abgerichtet oder hingerichtet.“ Frank Wedekind

Die Rollen stehen fest. Nur das Personal wechselt.

Ehre und Pflichterfüllung sind Leitbegriffe seiner Existenz. Zwar zeigt Hermann Ehrhardt gegebenenfalls jede Bereitschaft, sich zu arrangieren, nach der Decke zu strecken und Fünfe gerade sein zu lassen, doch das ist nur äußerlich. Es dient zur Aufrechterhaltung der Dreh- und Kippfigur des guten Kerls. Wie die meisten seiner Generationskohorte geht Ehrhardt davon aus, mit einem resistenten Kern auf die Welt gekommen zu sein; vom Blut gebunden und zu einem feststehenden Charakter verdonnert.

Einige seiner Lieblingsgewissheiten verflüchtigen sich im Herbst 1918 gemeinsam mit dem demissionierenden Kaiser. In der Weimarer Republik findet sich Ehrhardt nicht mehr zurecht. Ihm ist nicht wohl in der Piefke-Demokratie.  

Irgendwo behauptet Gottfried Benn, das Beste, das Deutschland hervorgebracht habe, stamme aus evangelischen Pfarrhaushalten. Ehrhardt ist Sohn und Enkel von Pastoren, die ihre Klientel im Südschwarzwald bei der Stange des Glaubens vermutlich ohne besonderen Aufwand hielten. Den Nachkommenden hindert ein aufbrausendes Wesen an der Volksseelsorge. Von Jugend an fährt dieser Ehrhardt auf Ehrenhändel ab. Das passt zur Epoche. Der malträtierte, von physischer Exzellenz ellenweit entfernte Wilhelm bietet der toxischen/vulnerablen Männlichkeit eine Paradeversion als in jeder Hinsicht unzulänglicher, aufschäumend kompensierender Herrscher.  

„Hermann Ehrhardt war ein deutscher Marineoffizier sowie antisemitischer, deutschnationaler, republikfeindlicher Freikorpsführer und Putschist während der Weimarer Republik.“ Wikipedia

Arbeitsloser Schneid

Das Kaiserreich sucht seinen Platz an der Sonne. Kein Zweifel besteht allgemein daran: über den Rang einer Nation werden Seeschlachten entscheiden. Wilhelm II. setzt die größten Erwartungen in seine Kriegsmarine, und Ehrhardt schließt sich erwartungsfroh an. 

Florian Huber erwähnt den preußischen Katechismus: Wille zur Selbstbehauptung, Bewusstsein der Stärke, Todesverachtung, Selbstverleugnung. Als Kapitänleutnant mischt er am Skagerrak mit. Er gibt ein zusammengeschossenes Torpedoboot auf. Ohne mit der Wimper zu zucken wechselt er das Fahrzeug und übernimmt das Kommando.

Ehrhardt gewinnt immer. So zählt er endlich zu jenen Deutschen, die persönlich nie verloren haben (sich das zumindest einbilden). Sie suchen ihr Heil in der Dolchstoßlegende.  

Florian Huber trifft einen Ton, der Ehrhardts arbeitslosen Schneid anklingen lässt. Als die Matrosen rebellieren, schließt ein badischer Korvettenkapitän die Hand zur Taschenfaust. Er fühlt sich um einen Showdown mit Volldampf und wehenden Fahnen betrogen. „Er wäre im knatternden Schwarzweißrot (in sein Verderben) hineingedampft“ - turned to seadust. 

Anstatt sich dem Tempo der Zeit zu ergeben, macht Ehrhardt aus seiner Weltanschauung eine Religion. Man erwartet, dass er als Verlierer vom Platz geht, aber das macht er nicht. Er begibt sich in das Zwischenreich für die ausgespielten Rollen und „die Gespenster von gestern“.

Huber stellt in einem Präsens fest, dass weit über Ehrhardt hinausgeht, dass diese an ihrem Scheitern klebenden Männer immer noch da sind; dass sie sich immer noch die falschen Fragen stellen und entsprechende Antworten geben.

Um auf Ehrhardt zurückzukommen. Er findet einen neuen Feind in dem Bild vom Meuterer und Revolutionär – dem „Verräter des Vaterlands“.

Huber beschreibt den Prozess der Radikalisierung als Selbstermächtigung. Zugleich rekurriert Erhardt auf „Rituale des alten Militärstaates … (sowie des) deutschen Soldatengeistes“.

Rituale im alten Geist

In „Die Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland“ behauptet Florian Huber, dass sie immer noch da sind. Sie, das sind die Rathenaumörder in den Verkleidungen einer anderen Gegenwart. 

Die Demobilisierung im Zuge der Niederlage führt zu keiner Entwaffnung. Zigtausende, die den Krieg vor der Liebe kennenlernten, Heiner Müller über Ernst Jünger, erhalten sich ihre Wehrtüchtigkeit schon deshalb, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Sie wollen nicht nach Hause, da sie ihre Heimat im aufgelassenen Kaiserreich zurückgelassen haben.

Huber beschreibt, wie solche Männer bündischen Ersatz suchen, um „ihrem Opfer in gemeinsamer Beschwörung einen Sinn abzuringen“. Die beliebteste Organisationsform ist der Stoßtruppe. Einer setzt sich an die Spitze, die anderen marschieren hinterher: nach Maßgabe des Gefolgschaftsprinzips, das man für germanisch hält; für ein freiwilliges Ablassen von der Autonomie jedes einzelnen Mannes.

Eine kriegsverherrlichende Erinnerungsliteratur spitzt die Dinge zu. Der Frieden erscheint als Einladung des Bösen.

Zur Entnazifizierung gehörte die Stigmatisierung einschlägiger Genres. Mir fällt gerade etwas ein, dass ich noch nie bedacht habe. Im Gegenlicht des verlorenen Hitlerkrieges bot der I. Weltkrieg Chancen, im Trüben des Heroismus zu fischen. Man hat den Nachwuchs mit WK I.-Geschichten geködert. Die Suggestion lautete: Da waren wir noch Helden und durften es auch sein. Huber liefert Abrisse passender Biografien. Bewaffnete Dissidenten der Weimarer Republik beweisen ihren Stolz mit Angaben zu Verhaftungen und Verwundungen. Er zeigt aber auch, wie dicht vor einer durchgreifenden Veränderung Deutschlands Halt gemacht wurde, bevor der Gesellschaftsdampfer in die bürgerliche Richtung zurücksetzte.

Überall räumen die Repräsentanten des kaiserlichen Regimes ihre Posten, die dann von Umsturzaktivisten eingenommen werden.

„Wenig später weht auf dem Generalkommando in Frankfurt am Main die rote Fahne.“

Wo ist sie geblieben?

Das ist ein schönes Bild: „Das Bürgertum (lässt) die Rollläden herunter“ und wartet ab.   

Den Krieg verpasst zwar, doch Teil der Maschinerie

Huber weist darauf hin, dass manche um 1900 Geborenen sich geprellt fühlen; sie sind nicht mehr zum Schuss gekommen. Mitunter arbeitet der Autor mit antiken Begriffsbildern, die in mir weiterarbeiten. Ich erkenne, wie bellizistisch und martialisch der Erziehungsuntergrund von Generationen war. Zum Glück ist das nicht mehr unsere Pädagogenprosa, wohl aber der Sermon von Ernst Salomon, der in der Gegenwart von 1918 stolz auf seinen Schliff ist. Angefressen von der Niederlage des Kaiserreichs, erscheinen ihm die „wütenden Arbeiter, Soldaten und Frauen … (nur als) Pack und Pöbel“.

Das bayrische Trauma

Sonnengruß & Hakenkreuz/Die Schmach von Versailles - Die Gespenster treten aus den Kulissen. Florian Huber zeigt in seiner Analyse, dass der Rechtsterrorismus seit hundert Jahren ein bürgerliches Lager hat sowie okkulte Nebenstellen.

Die bayrische Neigung, sich steifnackig zu zeigen, sobald Preußen ins Spiel kommt, macht aus München ein Labor, in dem zuerst die Linken scheitern und dann die Rechten auftrumpfen. Huber listet Schmach-Verbindungen auf, die sich oft mit harmlosen Vereinsnamen abschirmen. Ihr einziges Thema ist die Schmach von Versailles.

Ein Wort reicht, um sich zu bekennen. Florian Huber konstatiert: „Versailles wurde zur schärfsten Waffe im Arsenal (der) Antidemokraten.“ Die Administration klinkt sich „wohlwollend in die nationalrevolutionären Umtriebe“ ein. Der Amtsschimmel trabt kaiserlich an. Nach den Begriffen des Apparats sind mit dem Reich Recht und Ordnung zusammengebrochen.

Huber beschreibt undurchsichtige Typen, „so verschlossen wie entschlossen (und) viel gescheiter“ als jede Anscheinsannahme zu vermuten erlaubt.

Solche Amtsmänner*, und das ist Hubers Hauptsatz, treten in allen Generationen stets dann auf, wenn eine Restauration als Betonfüllung für den hohlen Zahn einer von der Staatsräson abweichenden Bewegung angezeigt erscheint.

Wir restaurieren lieber, als wir revoltieren: so lautet das Credo der Repräsentanten eines Staates, der von sich ausgeht und sich über seine Bürger*innen stellt.

*Noblesse de robe bezeichnete den Amtsadel zur Zeit des Ancien Régime. „Adelig kraft ihres Amtes, im Gegensatz zum Schwertadel“ (Wikipedia), das heißt, diese Leute zogen eine herausgehobene Bedeutung allein aus ihrer Funktion im Staat. Daher kam das vitale Interesse am starken Staat. Der starke Staat machte sie stark.

So einfach geht die Ableitung. Folglich braucht es keinen Patriotismus, noch sonst eine Überzeugung, um sich rechts einzufädeln.

Triumph des Dilettantismus

Als Tourist in der Heimat wandert Matthias Erzberger im Schwarzwald nahe Bad Griesbach. Zwei Vollstrecker der Organisation Consul erwarten den Verhassten an einer Kehre.

Ein institutioneller Hass mit großer Reichweite trifft den Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger.

„Als Bevollmächtigter der Reichsregierung und Leiter der Waffenstillstandskommission unterzeichnete Erzberger 1918 das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne, das die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs formell beendete. Anschließend setzte er als Reichsminister der Finanzen von 1919 bis 1920 die nach ihm benannte Erzbergersche Reform durch, die als umfangreichstes Reformwerk der deutschen Steuer- und Finanzgeschichte gilt.“ Wikipedia

Der Erneuerungswille zieht schwerste Vorwürfe und Verwerfungen im Persönlichen nach sich. Trotzdem rechnet der Lieblingsfeind aller Antidemokrat*innen im Sommer Einundzwanzig (am Ende zahlreicher Gerichtsscharmützel und einer Rehabilitierung auf der ganzen Linie) damit, der nächste Kanzler zu werden. Das Los entscheidet, wer das final vereiteln soll.

„Die Art der Ausführung bleibt Ihnen überlassen.“

Das vernehmen zwei WK-Offiziere mit dem gemeinsamen Vornamen Heinrich. Huber vermutet die Ehrhardt-Gardisten, Ordensgermanen und Geheimgesellschafter in einer Warteschleife „zwischen äußerer Leere und innerer Erregtheit“. Sie nehmen die Verfolgung auf und stolpern über einen Parcours von Urlaubsstationen. Erzberger verkennt in der Sommerfrische nicht die Gefahr, in der er schwebt. Gleichwohl sollen Drohungen „nicht über sein Leben bestimmen“. Er wandert im Schwarzwald nahe Bad Griesbach, als ihn die Vollstrecker der Organisation Consul ermorden.

Huber schildert das historische Ereignis als Triumph des Dilettantismus. Der Autor schmückt die Szene wie in einem Krimi aus. Sogar Erzbergers Regenschirm findet Erwähnung. Die Attentäter werden ins Exil durchgewunken. Viele nationalistisch inklinierte Akteure machen sich „einen Sport daraus“, den Mördern zu helfen.

„Wenn man glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen und dafür zu kämpfen, treffen sich Körper und Geist in einem Gefühl der Dauererregung.“ Ernst Lantermann

Erhardt besitzt die Gabe, Männer auf sich einzuschwören und zum Äußersten aufzustacheln, ohne den Nimbus einer sittlichen Instanz zu verlieren. Manfred Freiherr von Killinger dient dem geschliffenen Geheimbundleiter als Kettenhund und Chef Militaire. Er liefert den Medien das Gesicht der Organisation Consul. Killinger wird verhaftet, die Schwabinger OC-Zentrale ausgehoben. Die klandestinen Strukturen kollabieren.

Brecht im Berliner Schnee © Jamal Texas Tuschick

Physisch porös

Um der dominanten Gegenkraft Raum zu geben, streue ich ein bisschen Brecht ein.

In Rollenspielen vertrat der jugendliche Brecht-Baal Napoleon. Bei jeder Gelegenheit bestand er auf Erstrangigkeit. Dem Publikum erschien er auf robuste Weise instabil. Der Künstler als junger Mann überragte sein Milieu in den Zuständen eines Hinfälligen. Auch die Agilitätsbehauptungen des Vaters wurden widerlegt. Die offensiv nervös-fragile Mutter, der scheinstarke Vater und ein physisch poröser Sohn ergänzten sich in einem Trio infernale. 

Der Adoleszent Brecht diktierte der Nachwelt:

„Ich kann nichts machen gegen meine Abneigungen." 

Brutaler Klamauk mischt sich mit brutalem Rendezvous

Er äußerte sich antisemitisch und misogyn. Frauen werden mit dem Penis „erzogen“. Nicht nur mit dem eigenen. Brutaler Klamauk mischt sich mit brutalem Rendezvous. „Die Frauen sind dumm, ohne Rasse zumeist, ein dicker schleimiger Jude sitzt da, die Müllegger im Arm.“

Brecht zeugte ein Kind mit fehlgebildetem Anus. Ihm, dem die göttliche Kombination von Zeugungswerkzeugen und Ausscheidungsorganen ein Leben lang Kopfzerbrechen bereitet, widerfuhr das Schicksal eines unkontrolliert scheißenden Sohns.

Legere Lügen

Der erste Weltkrieg im dritten Jahr. Eine Tankbesatzung steigt aus, vier Männer desertieren. Sie landen in Mülheim an der Ruhr, Brecht schrieb Mülheim mit unpassendem Mühlen-h. Er wurde nicht fertig mit seinem Fatzer.

 „The plot centers around soldiers who desert from the war and hide out in Mülheim, waiting for a revolution.”

 „Wendet euch um und/verwandelt den krieg der Völker in/den krieg der klassen.“

Brecht kam 1953 auf das Fatzer-Fragment zurück, nach dem Aufstand vom 17. Juni. Pompös quittierte er die Lage: „Zum ersten Mal hat die Klasse gesprochen.“

Doch entdeckte Brecht die Feme-Fressen von 1918 in der Erhebung. Visagen des Faschismus, Brecht sagte das so. Das war die falsche Sorte Amoralität. Sein Fatzer erschien Brecht als vom Tau der Aktualität feuchter Kommentar zur Lage.

„Die Grundfrage lautet, wer frisst wen?“

„Trommeln in der Nacht“ wird 1922 in der Regie von Otto Falckenberg auf einer Bühne der Münchner Kammerspiele zur Uraufführung gebracht. Es heißt „Spartakus“ in der Rohfassung. Die Story. Jemand kehrt heim, sein Trauma, der Maschinenkrieg, spielt keine Rolle in der maroden Herkunftswelt. Das muss für Soldaten Science Fiction gewesen sein: die Materialschlachten und Gasmasken und neuen Geistesstörungen. Sie kamen aus einer Welt kaiserlicher Kavallerie und fußkranker Infanterie in ein technisches, wie von Ufo-Besatzungen angerichtetes Inferno, das in der Zeitgenossenschaft gar nicht zu begreifen war. Die Wahnsinnigen hielt man für Simulanten und den Krieg für einen Hammer, der aus Gründen der Völkerhygiene gelegentlich aus dem Kabinett geholt werden musste. Was blieb einem übrig? Man wäre als Kaiser auch lieber mit dem Cousin aus dem englischen Königshaus zum Segeln gefahren, statt Kanonenboote versenken zu lassen.

Nun kehrt einer heim und das interessiert überhaupt nicht die Salatmöhre. Wir staunen, wie skeptisch der junge Brecht bereits ist. Er traut den Verelendeten nicht viel und dem abstürzenden Kleinbürgertum gerade einmal noch weniger zu. Wo Brecht in seinem adoleszenten Leichtsinn nicht weiter weiß, schmeißt er die Klamotte wie eine Drehorgel an. Dann ist Zirkus in der Kneipe - und es erfüllt sich ein Wunsch von Heiner Müller, der Brecht gern in einer Peepshow sehen wollte. HM: „Wenn man Brechts pornografische Gedichte liest, fällt auf, daß er immer wieder die Notwendigkeit des Duschens nach dem Beischlaf betont.“ Baal sagt: „Die Verbindung von Harnröhre und Geschlechtskanal – so etwas konnte nur einem Schwein einfallen“.

Aus der Ankündigung: Die Geschichte des rechten Terrors in Deutschland begann nicht mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten, sondern mit einer Verschwörung gegen die deutsche Demokratie und einer blutigen Mordserie vor genau 100 Jahren. Die Täter in der frühen Weimarer Republik hatten schon die gleichen Motive, Ressentiments und Ziele wie die Rechtsterroristen von heute. Ihre tödliche Entschlossenheit beruhte auf Milieus und Gefühlswelten, auf Strukturen und Netzwerken, die überall wieder möglich und nie ganz verschwunden sind.  Florian Huber spürt diesen Parallelen in einer spannenden Erzählung nach, die in der spektakulären Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau gipfelt. Er zeigt, wo sich Geschichte wiederholt - oder genauso weitergeht.

Florian Huber, geboren 1967, promovierte als Historiker zur Besatzungspolitik der Briten in Deutschland. Er ist der Autor von historischen Büchern wie Meine DDR. Leben im anderen Deutschland und Schabowskis Irrtum. Das Drama des 9. November. Als Filmemacher hat er preisgekrönte Dokumentarfilme zu zeitgeschichtlichen Stoffen produziert, darunter der Mauerfall, das mysteriöse Ende des Dichters Antoine de Saint-Exupéry sowie die Olympischen Spiele von 1936. Im Berlin Verlag erschienen Hinter den Türen warten die Gespenster. Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit und sein Bestseller Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945, der in zahlreiche Sprachen übersetzt und von der Times unter die besten historischen Bücher des Jahres 2019 gewählt wurde.