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07.09.2020, Jamal Tuschick

„When all is said and done. You’ll believe God is a woman.” Ariana Grande

Bei manchen Primaten rotten sich die Weibchen um den Nachwuchs einer herausgehobenen Klan-Persönlichkeit zusammen und verteidigen die fremde Brut und deren Mutter ohne Rücksicht auf eigene Interessen gegen die Interventionen nachrangiger Marodeure. So halten sie (zu ihrem Nachteil) den Selektionsdruck hoch. Sie bestätigen ihre Stellung im Gefüge mit dienendem Verhalten.

Ammenaltruismus

Bei manchen Primaten rotten sich die Weibchen um den Nachwuchs einer herausgehobenen Klan-Persönlichkeit zusammen und verteidigen die fremde Brut und deren Mutter ohne Rücksicht auf eigene Interessen gegen die Interventionen nachrangiger Marodeure. So halten sie (zu ihrem Nachteil) den Selektionsdruck hoch. Sie bestätigen ihre Stellung im Gefüge mit dienendem Verhalten.

Aber auch jene aggressiven Manöver, die als Angriffe auf die Geschlechtsordnung, die mit der sozialen Ordnung identisch ist, bewertet werden, beweisen weiter nichts als Inferiorität. Der vordrängende Partizipationswille liefert dem zurückdrängenden Herrschaftswillen die Energie.

So einfach ist das.

Trotzdem kommt es immer wieder zu Machtwechseln im Zuge von Neuordnungen, in denen sofort wieder das überkommene Schema perpetuiert wird, so als sei die Tradierung des Schemas die wichtigste Größe im Spiel. Sagen wir, das Schema wirkt wie ein Schild. Ohne diesen Schild funktioniert die Verteidigung nicht.

Was wird verteidigt beziehungsweise angegriffen?

Das ist die Intelligenz als Gruppenertrag. Eine Gruppe mit intelligenter Führung hat bessere Aussichten. Deshalb rentiert es sich, in indigene Intelligenz zu investieren. Das erklärt den Ammenaltruismus. In einer verkürzten, in keiner Hinsicht abschließenden Darstellung ergibt sich daraus das Phänomen weiblicher Solidarität.

Lesbische Göttinnen/Der Raub der Persephone/Winter im Weltkeller

U-Zeus Hades kidnappt Demeters Tochter Kore aka Persephone. Aus Frust macht die Mutter aus der Erde einen öden Ort. Während Demeter Trübsal bläst, kreuzt Baubo die Bahn der Genickten.

„Der Raub der Persephone … ist die Erzählung von Kores Entführung in die Unterwelt (Wikipedia).“ Kore avanciert. Als Persephone tritt sie in den Rang einer Königin der Toten ein. Ihr werden die Erntefristen zugeordnet, weil sie nur die Winter im Weltkeller zubringt. Ist sie bei Demeter, biegen sich die Ähren an den Halmen.     

Mineke Schipper, „Mythos Geschlecht. Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht“, aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke, Klett-Cotta, 24,- 

Um an einer anderen Stelle einzusetzen.

Jesus als Frau

„When all is said and done. You’ll believe God is a woman.”  Ariana Grande  

Es gibt Bilder, die Jesus als Frau zeigen. Das liegt auf einer Linie mit der Chance, die mönchisch-männliche Seele als Braut Christi zu erleben. In dieser Kommunion erscheint Gott mit weiblichen Attributen. In der Phantasie des Zölibatären vollzieht sich die Vereinigung mit Gott als Gipfeltriumph des Geschlechtlichen. Den Vorgang beschreibt Mineke Schipper in ihrer Untersuchung.

Die Autorin zeigt, wie sich Mythen und Legenden, Kunst und Wissenschaftstraditionen auf den weiblichen Körper ausgewirkt haben.  

Grundbedürfnis der Menschheit

In der Anonymität befestigte Maler des Mittelalters schildern Jesus als nährende Mutter. Schipper erkennt ein Grundbedürfnis der Menschheit nach nährenden Brüsten. Es führte zu einer Reihe hybrider Darstellungen in den Spielarten des Androgynen. Schipper erwähnt Prajapati.

„Prajapati (Sanskrit प्रजापति prajāpatī „Herr der Geschöpfe“) ist in der vedischen Mythologie der androgyne Schöpfergott, das erste aller Wesen sowie Herr der Geschöpfe, aus der die empirische Welt als Emanation hervorgeht.“ Wikipedia

Sexy auf dem Olymp

Erst auf dem Konzil von Ephesus wurde Maria 431 nach unserer Zeitrechnung offiziell zur Mutter Gottes erklärt. Dies geschah als Zäsur ebenda, wo die Göttin Artemis vielbrüstig in Stein gehauen worden war. Schipper erklärt, dass das Christentum, um auf allen gesellschaftlichen Feldern dominant zu sein, in Konkurrenz zu älteren Fruchtbarkeitskulten treten musste. Die Patriarchen brauchten eine Frau, die sich mit den heiligsten Attributen aufladen ließ, um sie gegen die olympischen Nymphen im Geleit von Diana, Hestia, Athene, Eileithyia und Hera antreten zu lassen.

Das männliche Prinzip bedurfte auch unter christlichen Vorzeichen weiblicher Zustimmung. Das Einverständnis kursierte als Gerücht. Man kann auch sagen, es wurde vorausgesetzt. Erfragt und bestätigt wurde es jedenfalls nicht.  

Schipper behauptet, dass Marias unangefochtene Jungfräulichkeit nicht durchgängig im Zentrum apostolischer Betrachtungen stand. Manchen Evangelisten sei Joseph als Vater des Jesus nicht zu billig gewesen. Sie blieben in der Anschauung verhaftet. Nach ihren Begriffen setzte eine Schwangerschaft den Geschlechtsakt voraus, der wiederum jedweder Jungfräulichkeit ein Ende setzte. Auf dieser Folie der schlichten Einsicht begreift man die Abstraktionsleistung jener Autoren, die Maria im Kolportagestil zu verklären wussten und mit ihrer Nummer durchkamen.

Alles ist möglich; am ehesten noch das Unwahrscheinlichste. Schipper zeichnet nach, wie „hoh(l)e Geistliche die Metapher der Jungfräulichkeit Mariens eifrig ausarbeiteten. Die Päpste bestanden darauf, dass Maria immer intakt geblieben sei. Papst Siricius vertrat im 4. Jahrhundert die Auffassung, Jesus hätte Maria als Mutter gewiss abgelehnt“, wäre sie mit dem männlichen Samen in Kontakt gekommen.

Dazu bald mehr.  

Die Geschichten und Mythen aus aller Welt, die aus Männern Männer und aus Frauen Frauen machten – eine neue Kulturgeschichte des Feminismus, mitreißend erzählt

Seit jeher erzählen sich die Menschen Geschichten, über Götter, das Leben, den Ursprung der Welt und ihre Körper. Mineke Schipper zeigt, wie sich Mythen und Legenden, Kunst und Wissenschaftstraditionen auf den weiblichen Körper ausgewirkt haben und was sie über die Jahrtausende aus ihm gemacht haben. Ein ebenso aufschlussreicher wie unterhaltsamer Einblick in die Vorbedingungen der Gender-Debatte.

- globaler Einblick in die Ursprünge der Geschlechterverhältnisse
- der weibliche Körper in Wissenschaft, Religion, Kunst und Popkultur
- Schöpfungsmythen und Legenden

Wir teilen die gleichen Körper und sind doch nicht gleich. Die Vormachtstellung des Mannes geht auf Kosten des weiblichen Körpers, der zugleich begehrt, gefürchtet und missbraucht wird. Mineke Schipper ergründet den Ursprung der Ungleichheit; der sexualisierte Körper der Frau wird dabei in einem spannungsreichen Gefüge von Macht, Ohnmacht und Gewalt verortet. Die Gebärmutter, die Vulva, Brüste und Brustwarzen sind Thema in unzähligen Mythen aus aller Welt ebenso wie den großen Weltreligionen, Kunst, Wissenschaft und Popkultur: von der jungfräulichen Empfängnis über magische Brüste bis hin zur allseits gefürchteten bezahnten Vagina.

Das Erbe jener – meist männlichen – Erzählungen und Zuschreibungen, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielen, hat sich ebenso unmerklich wie unhinterfragt im kulturellen Gedächtnis verankert. Schipper untersucht diese erzählerische Tradition und zieht verblüffende Schlüsse für die modernen Geschlechterverhältnisse. Eine bisher nicht dagewesene globale Vernetzung faszinierender kulturgeschichtlicher Phänomene, die uns alle weltweit bis heute prägen und die Lebensrealität jedes Einzelnen bestimmen. 

Mineke Schipper ist Autorin und Wissenschaftlerin. Sie studierte französische Literatur, Philosophie und Komparatistik in Amsterdam und Utrecht. Nachdem sie in den 60er Jahren an der Universität Kongo gelehrt hatte, promovierte Schipper als erste Niederländerin über afrikanische Literatur. Sie war außerdem die erste Professorin für interkulturelle Literaturwissenschaft an den Universitäten Amsterdam und Leiden. Ihre Arbeiten über Oralität, Frauen in Sprichwörtern, Legenden und globale Schöpfungsmythen haben international Aufmerksamkeit erregt.