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10.09.2020, Jamal Tuschick

Heldendiskurs im postheroischen Zeitalter

Um unsere Demokratie zu retten, braucht es Menschen, die demokratischen Werten eine Stimme und ein Gesicht geben, die die falsche Helden enttarnen und sich trauen, echte demokratische Helden zu sein.

Ob Greta Thunberg oder Carola Rackete, ob Christian Drosten oder Deniz Yücel, ob Kollegah oder Björn Höcke: Wir leben in einer Zeit, in der wir die großen Streitthemen längst wieder entlang von markanten Persönlichkeiten diskutieren. In der Wünsche und Ideale wieder auf Menschen, nicht länger auf Verfassungstexte projiziert und in der einzelne Personen schnell zu Helden stilisiert werden. Wie aber lautet die Antwort der liberalen Demokratien darauf? Christoph Giesa belegt, dass bisher vor allem Populisten und Radikale die Situation ausnutzen, um falsche Helden gegen die Demokratie in Stellung zu bringen. Und er zeigt, was echte Demokraten dem entgegensetzen und an wem sie sich dabei orientieren können.

Christoph Giesa macht sich auf die Suche nach inspirierenden Heldengeschichten aus verschiedenen Epochen und Kontexten. Ob das nun ein Bundeswehr Major im Kosovo ist, der sich einer Schar Paramilitärs entgegenstellte, die drauf und dran waren, ein Dorf zu brandschatzen. Oder die unerschrockene junge Frau, die den Weg für Frauen bei genau dieser Bundeswehr juristisch freikämpfte – auch dann noch, als schon klar war, dass sie selbst einen anderen Weg einschlagen würde. Würde man mehr von diesen Heldinnen und Helden erzählen, so Giesa, wäre dies das stärkste Bollwerk gegen Hass und Zynismus.

Fast alle vorpolitischen Positionen sind ungeschützt und können mit Fleiß übernommen werden. Solche invasiven Seitenweg-Ermächtigungen bestimmen Kurse. Jeder Sammelbegriff evoziert eine Geschlossenheit, die es nicht gibt. Was an der neurechten Praxis intelligent ist oder auch nur funktioniert, hat eine linke oder eine links-parallele Vorgeschichte. Parallel verlief die Entwicklung der Nouvelle Droite, die sich in der Regie von Alain de Benoist auf einer Linie der Faschismusmodernisierung ausdifferenzierte.  

Die neue Rechte erscheint als Plagiat. Linke Protestformate werden mit rechten Inhalten gefüllt. Das geschieht mit Besetzungen von geistigen und physischen Freiräumen. Die Infiltration gegnerischer Kunst- und Kulturdomänen weist darüber hinaus. Das Konzept der kulturellen Hegemonie stammt zwar von dem Marxisten Antonio Gramsci, lässt sich aber als bürgerliche Errungenschaft besser begreifen. Kultur bezähmt die Staatsgewalt und bestimmt den zivilgesellschaftlichen Konsens. Das Konzept formuliert implizit einen Einwand gegen den Primat der Staatsräson.

Auf dem Grill der Gegenwart

Christoph Giesas Argumentationshilfe „Echte Helden – Falsche Helden“ gehört zu den Alarm-Elaboraten im Geist des Aufrufs. Der Autor ruft die Bürger*innen zu den Waffen der Demokratie, die auf eine mündige Interessenwahrung angewiesen ist. 

„Einen Kulturwandel zu beschreiben ist schwer, weil jeder Beteiligte ihn anders erlebt. Manche bemerken ihn überhaupt nicht. Es ist wie bei Charles B. Handys Frosch in der Wanne, der zu spät merkt, dass er gekocht wird.“ Petra Morsbach

„Wir haben unbedingt Widerstand nötig.“

Das postuliert Wolfgang Huber. Es gehe nicht gegen den Staat, so der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende. Feind sei der Polarisierungsakteur im Plural seiner Verkleidungen und  bekennenden Erscheinungen. Dessen Metier, „Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“, verlange Haltungsbeweise. Jede(r) müsse endlich bereit sein, „Risiken in Kauf zu nehmen“.    

Huber glaubt: „Aller Widerstand beginnt mit einer Überwindung“ – im Spektrum zwischen Angst und Übersättigung. Mit diesem Einstieg in das zivilgesellschaftliche Engagement bereichert Christoph Giesa das Debattengeschehen der Republik. Seine bei Droemer erschienene Argumentationshilfe „Echte Helden – Was Demokraten gegen Populisten stark macht – Falsche Helden“ (215 Seiten, 14.99 Euro) gehört zu den Alarm-Elaboraten im Geist des Aufrufs. Giesa ruft die Bürger*innen zu den Waffen der Demokratie, die auf eine mündige Interessenwahrung angewiesen sei, so Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt-Gruppe und Posterboy des Porsche-Liberalismus. Poschardts Zitierfähigkeit ist bereits ein sinkender Stern. Ein falscher Konservatismus (Stichwort Rechtsoffen/Beweis: Stützung von Don Alphonso als dem Sorgengreis des journalistischen Rechtsaktivismus) offenbart sich auf den Zinnen der inneren Vorhaltung und macht den Publizisten zum Ziel.

Entzauberung der Macht

Noch lächelt Poschardt sein schleimschelmisches Twitter-Lächeln, doch zeigt das nur Naivität. In den Mahlwerken der Ächtung steht sein Name schon auf Mühlsteinen.

„Literatur ist der Aufklärung verpflichtet, nicht der Macht. Nur mündige Literaten schreiben mündige Literatur“, behauptet Petra Morsbach in einem Essay über „Machtmissbrauch und Widerstand“. Siehe hierzu Tuschicks Textland.

Heiner Müller hat mit der Stasi geredet und hat das seinem Werk geschadet?

Ist es nicht vielmehr so, dass man zwangsläufig und nicht nur zu seinem Nachteil in das Visier der Macht geraten muss, wenn man dazu prädestiniert ist, in gesellschaftlich aufschlussreichen Situationen* seine Form zu verbessern. Zumal alle Verhältnisse Machtverhältnisse sind. Allein deshalb steckt in jeder heimlichen Gewalt deren unheimliche Anerkennung. Wer das ignoriert, begibt sich gleichsam ohne Hose auf das mediale Hochplateau.   

*Nach Johannes R. Becher die Signatur der Begabung aka Zuständigkeit.

Giesa klärt noch einmal, dass man einen Rechtsradikalen heute nicht mehr am Kahlschnitt erkennt. Vielmehr folgen die Restriktiven längst den Regeln wirksamer Präsentation. Sie wissen, dass in einem bestimmten Bereich der hausgemachten Subversion aka Wutrede aka Jetzt-rede-ich das selbstdarstellerische Merkmal radikal dominanter als links oder rechts wirkt. Das politische Theater im Internet lässt sich nicht mehr so einfach dechiffrieren.

Äußern sich Aktivist*innen zu rein taktischen und strategischen Fragen, ergeben sich daraus nicht notwendig Aufschlüsse über die politischen Positionen. Rechte kapern linke Kommunikationsformate. Sie streben „kulturelle Hegemonie“ an. Sie wissen, dass die Machtfrage auf der Agora der kulturellen Deutungshoheit entschieden wird. Man studiert Antonio Gramsci sowie man linke Guerilla-Taktiken im Allgemeinen dem rechten Repertoire zuführt.

Das sind unerwartete Mutationen nur für jene, die das schwarze Jahrhundert nicht im Blick behalten. Linke Strategien und Formate lassen sich zwar kopieren, aber nicht patentieren. Auch der linke Ironievorsprung schrumpft. Längst stellen rechte Internetpartisan*innen ihre Themen verspielt dar. Sie kombinieren die Gewaltlosigkeitsästhetik des zivilen Ungehorsams mit ihren Perspektiven. So beklagen sie ein in ihren Augen lasches Grenzregime mit einem Abschie(be)bär, der ob seiner Unbeholfenheit beinah putzig nach den Vorgaben des „Ethnopluralismus“ die „Remigration“ vorantreibt.

Häusliche Ausbrüche vor der Smartphone-Kamera oder vor einer Webcam speisen den Internet-Aufstand im Zuge einer Rebellion von unten, die mannigfaltig an die Wir-sind-das-Volk-Euphorie von Neunundachtzig anknüpft; an einen historischen Moment der Machtübernahme ohne Mandat und Repräsentation. Ihre Protagonisten betrachten sich nicht in jedem Fall als Teil einer Bewegung. Manche individualisieren sich öffentlich und stellen sich selbst als schwer vermittelbar dar. Vlogs, Propaganda, Musik, dokumentarisches Material und ein Chor von Avataren formulieren sich zu einer Erzählung rechtsviraler Ermächtigung.

Für die Verbreitung einer Botschaft im Netz ist Aufregung die Bedingung

Die Logik der Empörungsindustrie diktiert die Marktregeln. Gleichzeitig besetzen Rechte die bürgerlichen Habitate mit gedimmter Performance, abgekühlter Radikalität und einem neutralen Habitus. Eine Idee dahinter: Je bürgerlicher ich erscheine, desto heftiger springt das antibürgerliche Element der Gegenseite aus den Kulissen.

Solche, nun auch von Giesa referierten Einsichten, gehen von einer simplen Trigger-Technik aus. Funktioniert die emotionale Ansprache, sind die Fakten egal. Man könnte sich zur Bestätigung dieser These auch noch mal John F. Kennedys Karriere vornehmen, so alt ist der Hut, der jetzt wegen Trumps ruchlosem Einsatz permanent in den Verbreitungskanälen suppt.  

Die neuen Rechtsradikalen „geben sich häufig auffällig israelfreundlich“. So unterlaufen sie strategisch die Erwartung, in der Konsequenz ihrer Überzeugungen antisemitisch sein zu müssen. Das effektivste Streitmittel der Neuen Rechten ist die Diskursverschiebung. Man überlässt Schlagwörter den schmalen Verbreitungswegen in Szene-Periodika und -Zirkeln sowie auf Protestbühnen. Da reichern sie das Sediment toxisch an, bevor sie aufsteigen. Der schlagkräftigste Milieubegriff ist „der große Austausch“ aka „die Umvolkung“.

Eine Pest der Gegenwart ist die Ethnomorphose aka der große Bevölkerungsaustausch (Renaud Camus, Le Grand Remplacement) aka die Umvolkung. Die Attraktor des toxischen Genres „Umvolkung“ ist ein faschistischer Begriff. Er zielte ursprünglich auf die Re-Germanisierung sogenannter Volksdeutscher in reichsfern anvisierten Lebensraumgewinnzonen. Heute dient er dazu, die Mitglieder einer angeblichen bedrängten Mehrheit auszuweisen; einer Mehrheit, so will es die rechte Fama, mit dem Repräsentationspotential einer Minderheit.

Die „Umvolkung“ wird von transnational agierenden Eliten „gesteuert“. Das ist die Mutter aller Verschwörungen. Die „Umvolkung“ führt zum Volkstod der echten Deutschen, echt im Gegensatz zu passdeutsch. Superpotente Araber und Afrikaner erzeugen auf deutschem Boden ein Mischvolk in einem - das ist der Narrativ-Klimax - von oben und außen gesteuerten Prozess. Damit verbindet sich die Suggestion einer geheimen Kommandozentrale, in der Nachkommen der Brunnenvergifter die Deutschen diesmal durch Überfremdung ausmerzen. Aus dem Mosaik der graswurzelnden rechten Diversität sickert das Panikvokabular in die Mehrheitsgesellschaft. Die Mitte wird mit Panik penetriert. Die Resonanz in den etablierten Medien spiegelt die Machtverhältnisse; die der forcierte Optimismus identitärer Vordenker taktisch verschweigt. So schreibt Martin Sellner:

Von dem Periodikum Cicero über die Achse des Guten bis hin zur Jungen Freiheit findet auf vielen Wegen ein Ideenschmuggel ins Zentrum der Meinungsmacht statt. Identitäre Vordenker bewegen sich äquilibristisch auf dem schmalsten Grat des Sagbaren.

*  

In jeder Zeit entstehen wie aus dem Nichts gegriffene Bilder vom Untergang einer Zivilisation im Ansturm der Barbaren. Die Bilder behaupten ihre apokalyptische Dimension gegen die triviale Tatsache, dass sie ohne Ausnahme aus dem Fundus eines Stereotyps stammen. Stets zeigen sie den Anderen in der Rolle des Aggressors und das gefährdete Selbst im Schaumbad der Hilflosigkeit.

„Aus Dissens wird Hass, aus Gegnern werden Feinde“, schreibt Giesa. Mir fällt dazu ein, was ich eben bei Morsbach gelesen habe. Die Markierung von Personen als Feinde veröffentliche die schuldanerkennende Bilanz einer kritischen Instanz, die wir alle in uns herumtragen und die wir nicht abstellen können. Nach Morsbach können wir sie lediglich übertröten. Der Gedanke arbeitet in mir, während ich weiter Giesas zusammengezupften Beitrag folge. Ich zucke zusammen, als ich lese im Rahmen des Protests gegen Bernd Lucke sei in der Hamburger Universität „ein bisschen geschupst“ worden. Man sollte sich nicht mit der Verharmlosung von Bedrängnissen dem Verdacht aussetzen, die Magistrale der Rechtsordnung für manche nicht genauso begehbar wie für alle andere zu halten. Wäre man nicht selbst bis ins Mark verstört, würde man mit einer Äußerung auch nur in die Nähe von ein bisschen geschubst geraten.

Christoph Giesa, Jahrgang 1980, beschäftigt sich als Publizist, Drehbuchautor, Redner und Moderator seit mehr als einem Jahrzehnt mit relevanten Zukunftsthemen an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sehr früh analysierte er die Macht neurechter Netzwerke und warnte vor deren Einfluss auf die politische Kultur. Im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen zur politischen Bildung für Erwachsene, Studenten und Schüler widmet er sich regelmäßig den Herausforderungen für die Demokratie. Giesa lebt und arbeitet als Publizist in Norddeutschland und engagiert sich an verschiedenen Stellen im politischen und gesellschaftlichen Umfeld.