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13.09.2020, Jamal Tuschick

Candice Carty-Williams Romandebüt ist ein Intersektionales Statement

Ein Leben ohne Rücklagen/Weiße Erwartungen

© Jamal Texas Tuschick

... sort of madness

Eingebetteter Medieninhalt

Auf Queenie Jenkins‘ To-do-Liste steht Flirtvermeidung an erster Stelle. Doch dann verdunsten die guten Vorsätze auf dem Trockenboden der Bürolangeweile und die Londoner Elevin trifft eine Verabredung, die sie besser nicht getroffen hätte.   

Candice Carty-Williams, „Queenie“, Roman, aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane, Blumenbar, 544 Seiten, 22,-

Queenie verdrückt sich während der Arbeitszeit, um sich im nächsten Pub dem Schock der Erkenntnis auszusetzen, dass wenigstens zehn höhere Knallchargen aus ihrer Firma den Tresen belagern. Mit hochgezogenen Brauen quittieren die Koryphäen den Soloauftritt der Subalternen. Queenie sucht vergeblich einen Tisch, der ihren „Kriterien“ genügt. Der gedatete Tweed-Ted kreuzt überraschend rechtzeitig auf. Er ist ein Mann aus der Sportabteilung.

„Ich merkte, dass ich wieder das mit den Rehaugen machte.“

Queenie ist beinah alles recht, wenn es sie nur nicht denken lässt: an Tom, mit dem sie eine Trennung auf Zeit verbindet. Sie freut sich, wenn einsehr attraktiver Mann mit mir spricht, als sei ich mehr als nur eine Körperöffnung oder jemand, der ihm extrem unterlegen ist“.

Das klingt nach einer Reserve gegenüber Formaten, die jedenfalls keine Ausdauer begleitet. Queenie gibt Ted das Gefühl, ein harter Typ zu sein, weil er das zu brauchen scheint. Was sie davon hat, bleibt offen.

Das nächste Mal aus sich heraus geht die Heldin in Candice Carty-Williams‘ Bestseller-Debüt in der Gegenwart ihrer Freundinnen. Alle schwanken zwischen schnellem Sex und soliden Sachen. Die einen planen eine Zukunft mit Familie, die anderen müssen erst einmal irgendwas glattbügeln.

Ich habe das Buch im zweiten Anlauf zu Ende gelesen und mich bis zum Schluss gefragt, warum mache ich das. Carty-Williams formuliert Facetten eines Lebensgefühls, das mich nicht erreicht. Verstehen Sie mich nicht falsch. Queenies (mit einer semi-schicken Performance abgedeckten) Provisorien ohne jeden Rückhalt verdienen die ausführlichste Würdigung auf dem hohen narrativen Niveau ihrer Schöpferin. Nur mich geht das nichts an.

Ich glaube, die Unterschwellen des Interesses berühren Szenen, in denen Queenie vollkommen blank erscheint. Sie leiht sich Geld, nicht viel. Niemand findet die Offenbarung des Mangels problematisch. Allerdings muss sich Queenie die Frage gefallen lassen, warum sie nicht auf ihre Rücklagen zurückgreift.

Die Gefragte fällt so ein bisschen aus allen Wolken. Welche Rücklagen?

Yes. Und schon sind wir im Beat der in der zweiten Generation in einem Mix aus Selbstverständlichkeiten und unerwarteten Volten prekär gewordenen Migration. Die Fähigkeit zur selbstverleugnenden Anpassung der Eltern geht dem Nachwuchs ab. Er pocht auf Rechte und hegt weiße Erwartungen.

Intersektionales Statement

Das Schärfste an Adi ist der schwarze BMW, mit dem er herumgurkt. Selbst als Second-best-Lösung ist Adi eine Fehlbesetzung.

„Die Theorie des Zweitbesten beschäftigt sich im Rahmen der Wohlfahrtsökonomik mit der Möglichkeit, unter Bedingungen von Marktversagen noch die effiziente Ressourcenallokation zu optimieren. Der Begriff geht auf James Meade zurück.“ Wikipedia

Marktversagen trifft den Nagel auf den Kopf. Gibt der Markt nicht mehr her als einen Adi, dann soll es so sein.

Queenie schwankt zwischen Pragmatismus und Fatalismus. In Treue fest steht sie zu Tom. Nach ihren eigenen Begriffen von Treue herrscht im Augenblick des Geschehens Treue-Pause. Deshalb ist Beta-Adi am Start. Ihm fehlt vom Charme bis zur Sexkompetenz schlicht alles. Zuerst fängt er von seiner Hauptfrau an, während ihm ein Seitensprung in Aussicht gestellt wird. Er versenkt Queenie in seinem Auto, um nicht mit ihr gesehen zu werden. Er versteigt sich ins Allgemeine seiner Vorlieben für Schwarze Frauenärsche.

Adi moniert Queenies Unterwäsche, es ist nicht zum Sagen. Dann soll Queenie seinen Penis vor der Andacht loben und formschön finden. Sie verweigert den Oralverkehr nicht ohne Begründung. Adi versteht die Welt nicht mehr, so blöd ist er.

Indes stellt sich die Frage, warum Queenie sich gerade mit ihm abgibt. Candice Carty Williams Geschichtsschreibung bietet keine Erklärung für das Phänomen, es sei denn, schlechter Sex mit einem Mummy-Dummie lässt sich in einem besonders mysteriösen London-Beat-Kontext rechtfertigen.

Die in ihren Zwanzigern gefangene Tochter jamaikanischer Einwanderer erlebt den Stress ständigen Wettbewerbs aus einer mehrfach benachteiligten Position. Man kann Carty-Williams ersten Roman als intersektionales Statement lesen.

Candice Carty-Williams, geboren 1989, ist das Resultat einer Affäre zwischen einem jamaikanischen Taxifahrer, der kaum mal was sagt, und einer Jamaikanisch-Indischen Rezeptionistin mit Lese-Rechtschreibschwäche, die jeden Tag mehr sagt als alle anderen Menschen auf der Welt. Sie ist Journalistin und Drehbuchautorin, ihre Texte erschienen u.a. im Guardian, in der Vogue und der Sunday Times. ›Queenie‹ ist ihr erstes Roman, war ein großer Bestseller in England und vielfach für Literaturpreise nominiert. Candice Carty-Williams lebt in South London. Twitter und Instagram: @CandiceC_W.