MenuMENU

zurück zu Main Labor

14.09.2020, Jamal Tuschick

Wie eine von Picasso gemalte Mona Lisa

Susan Sontag - In der Person dieser Ikone weiblicher Intellektualität fusionierte das alte europäische Emigrantenwissen mit dem Rock’n’Roll des amerikanischen Go’n’Get. Geh und hol es dir!

Ikone weiblicher Intellektualität – Verführung ist die wahre Gewalt (Schiller)

Der Biograf will das erloschene Licht des 20. Jahrhunderts für seine Leser*innen noch einmal anmachen; das Licht, in dem seine Heldin überlebensgroß erscheint. Susan Sontag war ein Rockstar wie Patti Smith. Wenn diese Ikone weiblicher Intellektualität die europäischen Sheros (blend of she & hero) vom Schlag Lukács und Sarraute kritisierte, war das eine Show. Benjamin Moser beschwört den Teint (die verführerisch auf Hochglanz gebrachte Schauseite) der femme de lettres und erkennt in ihr eine von Picasso gemalte Mona Lisa, „begehrt von den größten Fotografen“ der Epoche.

Benjamin Moser, Sontag Die Biografie, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Penguin Verlag, 925 Seiten, 40,-

„Sie war Athene, nicht Aphrodite.“

Globaler Underground

Sontags Ruhm erlebt das internationale Auditorium als „etwas nie zuvor Dagewesenes“. Moser haut in die Tasten. Er beschreibt „eine schöne junge Frau von furchterregender Bildung … und unnachgiebiger Strenge“. Gleichzeitig kommt Sontag als Promoterin des voroffiziellen Kulturbereichs in die Arena; als Avantgarde-Aktivistin mit den Zugangskodes für den globalen Underground.    

In ihrer Person fusioniert das alte europäische Emigrantenwissen mit dem Rock’n’Roll des amerikanischen Go’n’Get. Geh und hol es dir!

Sontag ist zu schnell für ihre Nachfolger*innen. In ihren Fußstapfen versinken die Epigon*innen. Sie schafft Formen, um sie zu zerbrechen. Jacqueline Kennedy erachtet Sontag als ebenbürtig im Rumble in the Jungle of New York.   

„As soon as you touch it is fighting ... Fighting is a conversation. You ask something and I say no (way).” Adam Mizner

Am Ende ihres Lebens wird Sontag verwundert bedauern, dass sie ihrer vergangenen Schönheit nicht mehr Achtung entgegen zu bringen wusste. 

„Ich habe so gut ausgesehen ... und ich hatte keine Ahnung.“ 

Kannibalische Verehrung/Aufmerksamkeitsgenerator Ruhm

Im Augenblick ihres Ruhms vermisst sie den „Spaß am Berühmtsein“. Sontag exponiert den Zusammenhang zwischen Ruhm und seiner fotografischen Herstellung in aggressiven Akten. Die aus der Menge genommene und über den Köpfen aufgepflanzte Person ist immer auch kultischer Gegenstand kannibalischer Verehrung. Zu den Menschheitsrätseln gehört nicht unbedingt, dass wir alle einverstanden sind, uns für Ruhm auffressen zu lassen.

"She Made Thinking Exciting" (New York Times)

No writer typified the American twentieth century like the mythologised and misunderstood, celebrated and lambasted Susan Sontag (1933-2004). No writer dealt with so many different worlds. Sontag wrote novels, diaries and essays about art and camp, porno and politics, feminism and homosexuality, fame and style, and fascism and communism. And no serious writer had so many exceptional lovers. Quelle

Amerikanisiertes Andenken

Die vernichtende Verfolgung der Armenier im Auflösungsterror des Osmanischen Reichs war noch in vollem Gang als man in Hollywood eine Zusatzchance zu der soeben erfundenen Wochenschau zu kapitalisieren begann. Das phantasievoll hochgezuckerte Echtzeitdrama als Doku-Soap ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts. Im Entstehungsrahmen jeder neuen Kunstform ist sofort alles da. Wir liefern heute die Nachträge im ewigen Nachgang jener Moderne, die der Industriellen Revolution folgte und den Kulturkatechismus bis auf Weiteres immer noch vorgibt. 

Im Sandbett eines im kalifornischen Winter verdunsteten Flusses fand man einen „idealen Drehort“, „um die grausamen Türken und Kurden zu filmen, wie sie die zerlumpte Schar von Armeniern … über Seitenwege“ in die Wüste trieb. Unter den Komparsen waren nicht wenige dem Genozid entronnen. Man bot echte Armenier auf und hing das Schild der Authentizität vor die Schaufenster eines Massenmords. Die Chronisten der Produktionskalamitäten von „Auktion der Seelen“ versäumten es nicht, die Szenen im posttraumatischen Stress kollabierende Überlebende als Nachschwenk mitzuliefern; dies als Schauspiel für picknickende Profis.

Und wieder weht ein Faulatem der Geschichte genau jene perverse Volte ins Geschehen, die wir, wäre sie nicht verbürgt, für erfunden halten müssten.

Anders als die Verkaufsbotschaft behauptet, sind „nicht alle Armenier im Film … Armenier“. Ein für Standfotos ausgewähltes Paar der Verzweiflung setzt sich aus der Jüdin Sarah Leah Jacobson und ihrer Tochter Mildred zusammen. Die Mutter stirbt bald. Zehn Jahre später bekommt Mildred eine Tochter von einem Mann, der sie umgehend zur Witwe macht. Sie nennt das Kind im amerikanisierten Andenken an Sarah Leah Susan Lee.

Während man „Auktion der Seelen“ auf einem historischen Vorsprung entstanden wähnte, „der an die (andauernde) Vergangenheit erinnern sollte“, zeigte der Film in Wahrheit das Gespenst der Zukunft. Leah-Lee sieht als Zwölfjährige zum ersten Mal „Fotos vom Holocaust“. Die Ansichten entwickeln Saugkraft. Sie lassen den Rockstar der Literatur nie mehr los.

Das erzählt Benjamin Moser in seiner Sontag-Biografie, die mich wochenlang begleiten wird.   

Aus der Ankündigung

Susan Sontags glamouröse Erscheinung ist ebenso legendär wie ihr schneidender Verstand. Ihr Themenspektrum reichte von postabstrakter Malerei über Pornografie und Existenzialismus bis hin zu Krebs und Kriegsfotografie.

Sontag war schon ein intellektuelles Wunderkind – entsprechend fand sie Thomas Mann, als sie mit sechzehn Jahren seiner Einladung nach Pacific Palisades folgte, eher enttäuschend; während ihres Literatur- und Philosophiestudiums folgte mit siebzehn die Heirat mit dem Soziologen Philip Rieff. Geprägt von europäischen Kunst- und Denktraditionen, sollte sie, ob mit ihren Essays, ihrem erzählerischen Werk oder auch den Regiearbeiten, zur wegweisenden Mittlerin zwischen den Kulturen werden.

Benjamin Moser konnte erstmals unveröffentlichte private Aufzeichnungen auswerten, Lebensgefährten wie Annie Leibovitz befragen, und so ein tiefgründiges, auch intimes Porträt dieser ebenso bedeutenden wie zwiespältigen »öffentlichen Intellektuellen« zeichnen.

Mosers monumentale Biografie ist ein eindringliches Porträt Susan Sontags, das den geistigen Kosmos wie die intimen Lebensumstände dieser überragenden Literaturikone des 20. Jahrhunderts vermisst.

Für seine monumentale Biografie dieser Literaturikone des 20. Jahrhunderts konnte Benjamin Moser zahlreiche private Aufzeichnungen auswerten und erstmals Lebensgefährten wie Annie Leibovitz befragen. Sein tiefgründiges, intimes Porträt vermisst das Leben und den geistigen Kosmos dieser Intellektuellen, die wohl ebenso sehr bewundert wie gehasst wurde und für die ihre Freundin Jamaica Kincaid einmal die Worte fand: »Sie war großartig. Ich glaube, seit ich Susan kenne, möchte ich nicht mehr großartig sein.« Benjamin Moser © Beowulf Sheehan

Benjamin Moser, geboren 1976 in Houston, Texas, lebt in den Niederlanden, wo er an der Universität Utrecht promovierte. Er verfasst regelmäßig Beiträge für Harper’s Magazine und The New York Review of Books und ist als Biograph von Clarice Lispector außerdem Herausgeber ihrer Werkausgabe in neuer Übersetzung bei dem amerikanischen Verlag New Directions. Zuletzt erschien von ihm die autorisierte Biographie der amerikanischen Philosophin und Publizistin Susan Sontag, für die er den Pulitzer-Preis für die beste Biographie gewann.