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14.09.2020, Jamal Tuschick

Die Ai Weiweis des Gong-fu/Pull the trigger

In Tuschicks Textland findet die Kampfkunst volle Gleichberechtigung neben den anderen Künsten. Für mich sind die Meister des Gong-fu und Karate Ai Weiweis ihrer Fächer. Zu jeder körperlichen Praxis gehört die geistige Schulung. Ein Vehikel des Informationstransfers von einem/einer Meister/Meisterin zu einer/einem Schülerin/Schüler ist das Wushu Märchen. Dieses Transportformat evolutioniert sich auf You Tube in sagenhafter Weise. Meister*innen stellen ein Wissen, das lange nur in familiären Geheimgesellschaften kursierte, jeder Interessierten zur Verfügung. Natürlich werben sie so für ihre Systeme und Institute, aber der Schüler*innennutzen geht weit darüber hinaus. Sie können sich heute auf dem weiten Feld zwischen inneren und äußeren Kampfkünsten jeden Tag mit You Tube-Tutorials verbessern. Gestern erklärte mir Adam Mizner, der das aktuelle Lernmärchen maßgeblich inspirierte, den Unterschied zwischen inneren und äußeren Kampfkünsten in etwa so: Die äußeren Kampfkünste gleichen den wilden Schlägen mit einem Revolvergriff. Innere Kampfkunst ist: Du setzt den Lauf auf and pull the trigger. Ich komme darauf zurück.

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Mizner behauptet konkludent, nur der innere Weg sei technisch korrekt im Sinne von sachgerecht (der Sache gerecht werdend). Ein Revolver ist kein Schlaginstrument. Wer ihn so einsetzt, vergeht sich an seiner Funktion. Eine sachgerechte Nutzung ergibt sich, wenn man schießt. Mizner verwendet zwar ein martialisches Bild; er will aber überhaupt nicht martialisch rüberkommen. In seinem Metier erscheint jede Heavy Performance disqualifizierend. Mizner rekurriert auf die günstigste Relation von Aufwand und Ertrag. Die ergibt sich, sobald man die innere Kraft freisetzt. Mizner vergleicht diese Kraft, die meistens Chi genannt wird, in meinen Betrachtungen aber nur Flow heißt, mit einem Tesla und dessen widerstandsbefreiten Beschleunigung. Es geht um No-Inch-Power. Die Bewegungsgeschwindigkeit der Praktizierenden ist reines von A-nach-B-Tempo. Die volle Kraft bedarf keiner Geschwindigkeit. Sie setzen die Faust auf und übergeben den Impuls. Mehr nicht. 

Wir alle haben gelernt, dass man nicht schlagen kann, ohne aufzumachen. Das gilt nicht für das innere Kampfkunstgeschehen. Da beziehen Sie ihre Kraft aus dem Kontaktimpuls. Der Kontakt setzt die Entfaltung frei. Die Kraft (das Chi, der Flow) fließt wie Wasser durch ihren Körper zum Austrittspunkt. Das nachfolgende Video zeigt es.

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Empty Force versus Stupid Force

Fokussierung am Strand von Ahrenshoop © Jamal Texas Tuschick

"You have to create emptiness inside, so when your opponent will touch you, he will touch the surface, and all his force is gone. He cannot find your center.

...

When people press, I feel comfortable and moveable.

The point is: not to strike with stupid force (Adam Mizner).

Vom Wesen des Chi Sao

Wherever the opponent touch me, I generate power. Every inch of a movement is power. From any contact-point you have full power. (Adam Mizner)

At 170lbs, I can stop a 1500lb horse at the end of my rope by simply setting my hips (Lisa R.)."

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Eben fiel mir eine Geschichte ein, an die ich lange nicht mehr gedacht habe. In meiner Hanauer Zeit fand ich ein besonderes Vergnügen daran, die Anglerheime, Campingplatzschwemmen und Gartengaststätten am Main zwischen Frankfurt und Aschaffenburg abzuklappern. Es gab außerdem lohnenswerte Ziele: verschwiegen-eingesessene Griechen und Portugiesen, die von ihren Landsleuten wegen ihrer Heimat verheißenden Spezialitäten besucht wurden. Jede Menge Einwanderer waren im Delta in der Unauffälligkeit mehrheitsgesellschaftlicher Arrangements verschwunden. Ihre Häuser hatten sie an Kleinstadtränder gebaut, in den Einzugsgebieten der Großmärkte. Sie folgten anderen Präferenzen und beachteten andere Umgebungszeichen als die ursprünglichen Deutschen und sie fuhren gut mit dem eingeführten Wissen.

Manche Anglerheime wurden regelrecht von sozial verkrachten Ehepaaren im Last Exit Style bewirtschaftet. Andere hatten bloß einen Ausschank. Ich erinnere mysteriöse Angelegenheiten. Da materialisierte sich mitunter eine schon lange nicht mehr tageslichttaugliche Gestalt im Halbdunkel eines Verschlags. So einer war Oskar aber nicht. Er war noch präsentabel nach den Maßstäben der Frankfurter Nacht um 1985.

Ich erzähle jetzt weiter in der Damals-Gegenwart, um von der grammatischen Zeiten-Sperrigkeit nicht gestört zu werden. Ich bin Anfang Zwanzig und schreibe für die Rundschau. Ich kann einreichen, was ich will. Die Redakteur*innen freuen sich über alles. Die Zeitung ist groß genug für jeden Beitrag. Das Rundschau-Wir schmust hingebungsvoll im Lokalen. Gern genommen werden Schnurren über die größte Kartoffel, den ältesten Hundefriseur, die jüngste Schnapsbrennerin.

In einer als Anglerheim deklarierten Baracke, einem finsteren Loch kurz vor Offenbach, sehe ich Oskar und weiß, der Mann liefert gleich eine Schote ab, die ich mir schnappen werde. Wir können beide nicht anders. Das ist wie Sex ohne Vorrede. Kennen Sie das? Sie kommen in ein Lokal, sehen eine komplett fremde Person, vergewissern sich noch mal, dass sie auch richtig sehen, und bei der nächsten Gelegenheit streifen sie sich gegenseitig die Kleider ab. Ich habe mir meine Anziehungskraft immer auch mit einem Phänomen erklärt, dass ich seit heute Morgen Empty Force nenne. Der Meister, dessen Video-Tutorial mich darauf gebracht hat, erzählt von seinem Meister, er habe Leute, ohne sie direkt zu berühren, bis zu sechs Meter weit schleudern können: allein mit Empty Force. 

Ich kann die Energie von jemandem in meiner Nähe aufnehmen, sofern er sich auf mich konzentriert. Ich erlebe das als verlustfreien Prozess. Ich erweitere mich nicht nur ohne Aufwand, sondern auch so hermetisch (hermetische Erweiterung), dass die oder der Angesaugte von mir nichts bezieht. Ich bin und bleibe leer. Deshalb Empty Force. Gucken Sie sich das Video an. Der Meister erklärt es gut.     

Ich bin noch zu jung, um mir über meine Fähigkeiten im Klaren zu sein. Ich habe das Gefühl, Leute überrennen und durch sie hindurchgehen zu können, ohne Widerstände zu provozieren. Im Gegenteil, die Zugriffe werden stets gut aufgenommen und gar nicht so selten frenetisch begrüßt. Ich halte mich für einen erotischen Magneten. Tatsächlich ist es bloß Empty Force.

Ohne diese Kultivierung würde so ein Oskar bei meinem Anblick sein gemeines Gesicht zeigen und abfällige Bemerkungen machen. Ich lache mich innerlich schief, weil sich der Knochen so leicht biegen lässt. Oskar ist einer der Kraftochsen, die bis vor ein paar Jahren im Bahnhofsviertel das Sagen hatten. Die Motorradfahrer im Fransenlook wurden von einem Tag auf den anderen (in der Konsequenz einer legendären Übernahme) aus dem Gebiet geräumt. Die Geächteten sind an der Frankfurter Peripherie abgetaucht.

Sie werden zurückkommen, wenn auch personell verjüngt. Von daher gewinnt die Binse, man trifft sich immer zweimal im Leben, zeitlose Bedeutung. Im Augenblick erscheint Oskar zwar persönlich kompakt, in seinem subkulturellen Kontext aber so durchgestrichen wie ein erledigter Posten.

Oskar und ich trinken Export. Wir könnten uns nicht fremder sein. Trotzdem schenkt mir Oskar zutraulich ein. Natürlich entspricht das seiner Notmasche am Arsch des Propheten und so weit weg vom Schuss wie nur möglich. Ich rieche Oskars Furcht. Die Männer, die er fürchtet, haben ihn und seinesgleichen mit Pistolen überzeugt. Den Neuen war egal, wer bei der Flurbereinigung draufgeht. Sie hatten den Schneid, die Dinge zu ändern.

Oskar erkennt das so neidlos wie wehmütig an. Er lacht: „Jetzt haben die was, dass man ihnen wegnehmen kann. Besitz macht dich arm.“

Tage später kehre ich wieder bei Oskar ein, der gut zu tun hat mit einem Haufen Veteranen der südhessisch- nordbadisch- unterfränkischen Unterwelt. Eine Galerie malerisch zusammengeschlagener Typen, die irgendwie noch im Business sind, weckt mein Interesse.  

Der Puff im Wohnzimmer

Ich frage mich, wie sich diese Bodensatzfiguren einer faustrechtlichen Parallelgesellschaft erhalten, die im Landkreis höchstens Bierbudendependancen unterhält. Deplatzierter kann ein vom Suff verschlungener Ex-Hool gar nicht sein, denke ich. Oskar klärt mich auf. Die Versprengten sind mit einem semi-ruralen Geschäftsmodell verbunden. Es geht um Beischlafbetriebe im Home-Office-Modus. Auch Oskars Anglerheim dient einer Agentur als Tarnung und Zentrale.

No-Inch Power

"At 170lbs, I can stop a 1500lb horse at the end of my rope by simply setting my hips."

Aus einem You-Tube-Kommentar im Zusammenhang mit folgendem Lehrfilm:

"As a horse trainer/healer and riding instructor, I don’t know how I wandered over to this vid, but YES. People ask me how I can “adjust” a horse, how am I so effective with so little effort; I always say it’s not about size or strength, it’s about synchrony, vectors and speed. I don’t “adjust” the horse. I position the horse so it can adjust itself. When I train horses or humans, I am looking at how the bones interact with gravity. At 170lbs, I can stop a 1500lb horse at the end of my rope by simply setting my hips. No one taught me this (except the horses). It evolved from my daily practice. Now come to discover there is a “martial” art funded in these principles." Lisa R.

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Worum geht es denn, wenn nicht um ein gutes Leben. Das ist keine Frage. Ich muss mich so ausrichten, dass meine Wirkung alles Wesentliche generiert. Ich nenne das eine kompakte Lösung. Alles Wesentliche halte ich in/mit einer Hand. Sagt Adam Mitzner "The whole body is a hand", meint er, du kannst mit jedem Körperteil schlagen. Gelingt es dir, ohne auszuholen auf jedem Zentimeter einer Bewegungslinie die volle Kraft zu entfalten (No-Inch-Power), kannst du alles andere nebenbei regeln. Das ist gelebte Philosophie im Geist der Empty Force.