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15.09.2020, Jamal Tuschick

„Ihr Leben war ein heroischer Kampf gegen den Wunsch, sich zu töten.“ Heiner über Inge Müller

Das Theater als Enttäuschung

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Da er solange ein berühmter Unbekannter bleibt, muss Müller wieder und wieder im Westen wie im Osten und so auch im Westen und Osten von Amerika die Butterdose seiner Biografie auskratzen. Das strapaziert, es führt zu einem schleifenden Text, der sich an folgenden Punkten wiederholt. Eine Großmutter war für Hitler, sie ging bis zur Kreisleitung, um sich gegen eine Schergenbehauptung zu verwahren. Die Behauptung brachte ihren sozialdemokratischen Sohn in Verbindung mit einem Juden/Zigeuner als Vater. Müller bringt das so wie man ein Haar von der Zunge nimmt. Man kann sich ernsthaft nicht damit aufhalten, doch in die Fingerspitzen drängt die Einsicht, wie viel Entwicklung dazu nötig war, sich nicht bloß am Gras abzustreifen. Die Pyramide und der Hosenknopf: das sind Pole bei Müller. Ja, er habe die Russen als Usurpatoren wahrgenommen und Stalin sei ihm seit 1940 klargewesen. Trotzdem.
„Mein Vater war dunkel.“
„Mein Vater konnte gut schreiben. Deshalb musste er Angestellter werden.“
„Mein Vater war das zweitjüngste von zehn Kindern.“
Der Eigensinn meines Vaters zwang mich dazu, mich im Widerspruch zur Gesellschaft zu erleben. Ich konnte kein fröhlicher Hitlerjunge sein.
Der Vater macht immer so weiter. Nach KZ und Gefängnis im Dritten Reich hängt er als Bürgermeister in der SBZ kein Stalinbild in seine Amtsstube. Das NKGB scharrt mit den Hufen. Der Vater muss gehen, das erleichtert den Sohn. Ins elterliche Ehebett zieht er schnell eine Frau, die seinen Vater noch für einen bedeutenden Mann hält.
Wieder und wieder heißt es: „Du Heiner, man kennt dich ja schon, bloß weiß man nichts über dich.“
Und dann sagt Müller, mit zehn habe ich angefangen zu schreiben. Das Theater war erst einmal eine große Enttäuschung, es fehlte ein Pferd auf der Bühne, schließlich sei Wilhelm Tell gegeben worden von dieser Wandergruppe in Waren an der Müritz. Dann war ich mit meiner Halbschwester in Chemnitz. Müller sagt Chemnitz. In einem Theater. Das war auch nicht gut.
„Du Heiner, wie hast du eigentlich zur Dramatik gefunden?“
Das war so, dass mein Vater eine Casanova-Prachtausgabe in der uneinsichtigen Ecke seines Bücherschrankes aufbewahrte, und immer, wenn die Eltern nicht da waren, dann habe ich Casanova studiert. Mein Vater ist darauf gekommen und fand das jetzt verfrüht. Er hat an die Stelle von dem Casanova, das war so eine schreckliche Schmuckausgabe mit schwülen Stichen, weißt du, (Müller räuspert sich und zieht enorm viel Rauch in den Körper), also hat mein Vater da seinen Hebbel, Schiller und Körner hingetan. So kam ich zur Dramatik. Immer wenn ich Casanova lesen wollte, ist mir Schiller in die Hände gefallen.