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18.09.2020, Jamal Tuschick

Stephen Crane lichtet mit der Machete des Geistes den Dschungel der Verblendungen und lässt sogar seinen Todesengel seelisch erröten

Schlanke Silhouette

Vom Druck der Zeit komprimiert/Erotisch affiziert

In Stephen Cranes Todesjahr verdichtet sich das Nachbild eines großen, vom Druck der Zeit komprimierten Lebens in der erotisch affizierten Wahrnehmung einer mit einem Brandmal geschlagenen Krankenschwester. Elisabeth T. Camphausen avanciert zur persönlichen Pflegerin des siechen Amerikaners. In der kurzen Spanne, die ihm zugestanden wurde, hat Crane mehr von der Welt gesehen als die meisten Zeitgenoss*innen in siebzig Jahren.

Er vergeht satt.

Funzel der Liebe

Andreas Kollender zeigt den stillen Erfinder einer modernen Romanpsychologie als einen Mann, der seiner Hinfälligkeit so wenig wie möglich zu erlauben geneigt ist. Nach seinen Begriffen entschuldigt die Schwäche nichts. So ausführlich wie es nur eben geht, macht der Patient seiner Pflegerin den Hof und, das ist letztlich die Geschichte, die Kollender erzählt, Elisabeth öffnet sich. Mit der Funzel ihrer Liebe steigt sie in die Labyrinthe eines Genies.  

Andreas Kollender, „Mr. Crane“, Roman, Pendragon, 256 Seiten, 24,-

Stephen Crane © Pendragon Verlag

Machete des Geistes/Mysterious Hands

Elisabeth errötet seelisch. Das Brandmal in ihrem Gesicht wird allgemein als Entstellung begriffen. In Wahrheit erschwert es nur, Elisabeths Schönheit zu erkennen. Crane wäre kein Schriftsteller, könnte er nicht mit der Machete des Geistes den Blendwerkdschungel lichten, in dem sich Normalos* leicht verheddern.

Wenn im inneren Hohlraum kein Licht brennt, hilft auch kein Wing Chun.

Zeit für den Daily Gong-fu-Break

Nach einem antiken Schema unterscheidet Adam Mitzner Stupid Hands, Smart Hands, Mysterious Hands

Stupid Hands - Das bedeutet, nicht über die Unwillkürlichkeit hinauszukommen. Jemand übt Druck aus. Sie setzen Druck dagegen. Das nennt man Kraft gegen Kraft. Das ist falsch. Schlag Hartes mit Weichem, heißt die Faustregel.

Smart Hands - Sie haben ein technisches Repertoire und können die Angriffsenergie so abreiten wie ein Surfer die Wellen. Stichwort: Becoming one with the incoming force.

Mysterious Hands - In der Laiensphäre kann Ihnen keiner mehr folgen. Man hält ihre Moves für Fakes. Sie arbeiten mit Qi. Das Geschehen bleibt innerlich. Das Publikum sieht einfach nur die von der Energie Erfassten wie Kegel umfallen.  

Moribunde Fragilität/Anmutiger Totentanz

„Das Glutorange des Sonnenuntergangs weicht die Kanten des Fensters auf.“

Cranes moribunde Fragilität erscheint Elisabeth als Veitstanz der Anmut. Die Empfängliche drückt gern mal kräftig zu. Sie macht einen Knicks, wenn Chefarzt Doktor Fraenkel seine Verfügungsgewalt ausübt. Gleichzeitig tritt sie als Gipfelstürmerin weiblicher Selbständigkeit auf. Im Weiteren ist sie mit Ferdinand verheiratet; ein Umstand, der im Geschehen verdunstet. Einmal „hebt sie den Bund seiner Pyjamahose an“. Der Erzähler konstatiert im Einklang mit den Empfindungen der Erzählten: „Unbekanntes Terrain.“

Ein Fotograf findet Elisabeth „undeutsch exotisch“. Darauf komme ich zurück. 

American Civil War Scene © Pendragon Verlag

Die Erfindung der Moderne

Die bürgerliche Emanzipation gab Personen einen Subjektstatus, die bis dahin nur Betrachtungsgegenstände gewesen waren und unter den Knuten der Infamie feudal-herablassender Fremdzuschreibungen gelebt hatten. Plötzlich waren sie keine Objekte mehr, die sich nach Belieben arrangieren ließen. Wann immer Sie glauben, der Preis für die Freiheit sei zu hoch, dann macht Sie sich das klar: Die wahre Relation des Lebens heißt nicht Fight or Flight, sondern Fight or Die. Es ist ein Privileg, für seine Freiheit kämpfen zu dürfen. Erst spät in der Menschheitsgeschichte beginnen Nicht-Herrschaftliche auf der Bühne des kollektiven Bewusstsein Rollen zu spielen. Stephen Crane, dessen Werk in Tuschicks Textland so viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, schildert den Sezessionskrieg aus der nicht-heroischen Perspektive des gemeinen Mannes, für den das Leben einen höheren Wert hat als der Stolz. 

Darin manifestiert sich eine Verschiebung der Kriterien. Eine unbedeutende Person bestimmt selbst, was sie riskieren will, wenn auch noch in einem sehr engen Rahmen. Im Grunde existiert die Selbstbestimmung nur als Idee. Aber immerhin. Zum Vermächtnis gehört die offene Rede über Angst, dem Enkel zur Belehrung. 

Angst ist okay. Das sagt Cranes Generalakteur Henry Fleming am Ende seines Lebens zu jemandem, der seine Gene weiterträgt. Die revolutionäre Ladung der antiautoritär-subversiven Botschaft detoniert nicht in dem narrativen Kosmos des Überwinders konventioneller Sichtweisen. Sie verstaubt wie ein vergessenes Dynamitpacket auf dem Dachboden der Epoche. Die Zeit ist noch nicht reif für Cranes zukunftsweisenden Blick. 

Auch das ist eine historische Binse: Wenn etwas schon so gut wie vorbei zu sein scheint, kommt es noch einmal zurück; mit Anmutungen, die so gespenstisch sind wie die Apokalyptischen Reiter auf amerikanischen Schinken des 19. Jahrhunderts. Da ist schon die ganze Italowesternstyle mit Totenköpfen auf muskulösen Rümpfen und wehenden Staubmänteln vorgebildet.

Ja, es gibt nichts Neues unter der Sonne, und doch, Crane erzählt seine Geschichte von der tapferen Feigheit kurz bevor die Industrialisierung das Schlachtfeld erreicht. Angeregt von einem Prosa gewordenen pazifistischen Protest nähert sich Andreas Kollender dem Autor. Er wählt die Schleichwege erotischer Faszination und bricht gekonnt Klischees, nicht zuletzt indem er seiner Heldin Elisabeth, eine einsam Emanzipierte im Schwarzwald, ein verwüstetes Gesicht gibt.   

An Lagerfeuern der Erinnerung

Anton Tschechow starb 1904 in Badenweiler. Vier Jahre vor ihm war da Stephen Crane für immer die Luft ausgegangen.

„Stephen Crane (* 1. November 1871 in Newark, New Jersey; † 5. Juni 1900 in Badenweiler, Großherzogtum Baden) war ein amerikanischer Schriftsteller.“ Wikipedia

Crane zählte zu den unauffälligen Erfindern der Moderne. Andreas Kollender nähert sich den Stationen im Leben seines Helden vom Ende her.

Nächtlicher Heimweg

Kollenders Erzählleuchtturm ist ein weiblicher Scarface. Eine auf zwei miese Feiglinge reduzierte Horde uniformierter Notzüchtiger stürzt sich in einer Schwarzwaldnacht auf Elisabeth T. Camphausen und lässt bald von ihr ab, da die schlimme Seite ihres Gesichts (in jedem Widerschein) glühende „Narbenäste“ zeigt. Elisabeth hegt keinen Zweifel daran. Wäre Crane noch am Leben, er würde die Vergewaltiger (nach einem standrechtlichen Beschluss des inneren Kammergerichts) umgehend stellen und sie schlicht und ergreifend erschießen.

Ich erwähne das nur, um anzudeuten, wie verträumt Elisabeth an ihren Lieblingspatienten denkt.

Septemberstimmung

Eingebetteter Medieninhalt

Der Roman öffnet sein Portal in eine Septemberstimmung hinein. Gerade verdunstet die Belle Époque und mit ihr eine lange Friedenszeit. Die Leute sind friedensmüde, so wie sie vier Jahre später kriegsmüde sein werden. Der Überdruss ergeht sich auf den Zauberbergen der Epoche. 

Die Krankenschwester Elisabeth tanzt auf den Schattenfeldern in einem Sanatoriumkorridor zu Badenweiler im Schwarzwald. Der kurze Ausflug in das ungestörte Selbst datiert auf den 25. September 1914. Südlich von Verdun fällt gerade das Sperrfort Camp des Romains. Kaiserliche Truppen setzen über die Maas. Eine Kollegin reißt die Träumerin in den Realitätsschlund. Ein Soldat wurde mit einem Buch von Stephen Crane im Tornister eingeliefert. Der Titel löst in der Zurückgeworfenen einen Erinnerungssturm aus.

Arglos fragt Victoria:

„Kanntest du den nicht? War der nicht irgendwann einmal hier? So ein Amerikaner?“

Der Mann mit dem Rost auf den Stimmbändern/Inkorporiertes Genie

Und ob sie ihn kannte. Das war ihr Mr. Crane. Das ist er noch. Elisabeth hat ihn inkorporiert.

*

Von Haus ist Elisabeth handfest. Sie besitzt ein Sturmfeuerzeug, Modell Hurricane. Dem Krebs zeigt sie ihren Raucherinnenfinger. Tritt sie „mit der Schuhspitze die Kippe tief in den Kies tritt“, stampft sich ihre Entschlossenheit aus dem Boden. Die Entschlossenheit richtet sich nun auf Leutnant Fischer, dem Verursacher der seelischen Aufwallung. Als Crane-Leser etabliert er sich auf der Staubschicht, die das höchste Fach von Elisabeths Neugier überzieht. Wann zuletzt war ihr Interesse an einer Person so groß?

Bernhard Fischer erscheint als schwerverletzter Streber. Er beansprucht, der erste Kriegsblessierte vor Ort zu sein. Fischer verdankt seinen prosaischen Verwundungen eine poetische Verwirrung. Jedenfalls lässt sich die Lyrik in den Stummen nach Belieben hineindeuten.    

Fünf Minuten Gong-fu-Break

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Unser tägliches Wushu gib uns heute. Adam Mitzner erklärt, wie man

Calm under Pressure

bleibt. Seine Kernthese lautet:

“If you insist every else goes down. Only harmony (with your opponent) allows you to be released.” 

Aus der Ankündigung: Im Sommer 1900 wird der Schriftsteller Stephen Crane im Tuberkulose-Sanatorium Badenweiler von der jungen Krankenschwester Elisabeth gepflegt. Sie kennt seine Bücher, seit Langem fühlt sie sich ihm seelenverwandt. In den heißen Tagen im Sanatorium entwickelt sich zwischen den beiden Außenseitern eine obsessive Liebesbeziehung, die sie vor allen geheim halten müssen. Crane, von Fieber und Delirien befallen, erzählt Elisabeth von seinem Schreiben, seinen Liebschaften und seinen Erlebnissen als Kriegsberichterstatter. Mitgerissen und ermuntert durch Cranes Erzählungen wagt Elisabeth endlich, ihm das große Geheimnis ihres Lebens zu offenbaren. „Wissen Sie eigentlich, wie ich auf die Geschichte dieses jungen Soldaten im Bürgerkrieg gekommen bin? Ich wohnte damals im …” „Mr. Crane, nicht jetzt. Um Himmels willen, nicht jetzt.” „Ein andermal, meinen Sie?” „Herrgott, ja, nun machen Sie schon diese Tür auf. Sie kosten mich noch meinen Beruf und meine … meine Ehe. Sie … Sie bringen mich in Teufels Küche.” Für spannende historische Figuren hat Andreas Kollender ein Faible. Es sind schillernde Persönlichkeiten, die er wieder zum Leben erweckt. Bisher hat er Fritz Kolbe („Kolbe”), Ludwig Meyer („Von allen guten Geistern”) und Carl Schurz („Libertys Lächeln”) gewürdigt. In seinem neuen Werk widmet er sich dem legendären Stephen Crane, der als der James Dean der amerikanischen Literatur gilt. Crane war Reporter, Kriegsberichterstatter, Abenteurer und ein großartiger Schriftsteller. Mit 22 Jahren schrieb er den Roman „Die rote Tapferkeitsmedaille“, der ihn auf einen Schlag weltberühmt machte. Für Ernest Hemingway war es „eines der besten Bücher unserer Literatur“. Andreas Kollender gelingt es in „Mr. Crane“ meisterhaft, das Wesen dieses viel zu früh verstorbenen Genies heraufzubeschwören. An dessen Seite steht die rebellische Krankenschwester Elisabeth. Eine aufregende und radikale Liebe verbindet die beiden. Doch ihnen bleiben gerade einmal acht gemeinsame Tage. Acht Tage, wie man sie intensiver nicht erleben könnte.

Fürchterliche Kompromisse

Radikal modern irrte Carl Schurz, als er glaubte, die Revolution folge seiner Leidenschaft auf dem Fuß. Das republikanische Desaster von 1848 trägt auch die Unterschrift eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist die Trägheit des Volkes monumental kontrastierte. Der jugendliche Heißsporn Schurz unterschätzte die Macht der Fürsten, die aus einer tradierten Gewaltausübungsbereitschaft nicht zuletzt kam. Auch davon erzählt Andreas Kollender in „Libertys Lächeln“ - einem im Pendragon Verlag erschienenen Roman voll instruktivem Thrill.

The Forty-Eighters

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Apokalyptisches Sensenwerk und instruktiver Thrill

Brecht begriff die Bauernkriege als das größte deutsche Unglück. Sie kamen zu früh und forderten einen den nachkommenden Widerstand ermahnenden Blutzoll. Das volkstümliche Aufbegehren als historische Konstante erholte sich in Jahrhunderten nicht von dem apokalyptischen Sensenwerk der gepanzerten Reiter, die zu keinem anderen Behuf geformt worden waren, als einem Fürstenwillen Geltung zu verschaffen. Auf der einen Seite hatte man die Jahrhunderte in Unfreiheitsübungen tradierte Angst und auf der anderen Seite den trainierten Mutwillen von Leuten, die zum Krieg erzogen wurden. Die Praxis überstand das Scheitern der Bauern unbeschadet.

Als es 1848 wieder einmal so weit zu sein schien, war die Revolution keine bäurische, sondern eine bürgerliche Angelegenheit. Es ging um eine standesbewusste Emanzipation. Dafür steht Carl Schurz bis heute. Wie alle bürgerlichen Vordenker dachte Schurz weit über persönliche Bedürfnisse hinaus: in das Offene von Natur- und Naturvölkerschutz.

1852 wanderte Schurz als in Preußen steckbrieflich gesuchter Revolutionär ein ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Andreas Kollender schildert den kernigen Forty-Eighter als Verfechter von Minderheitenrechten und stummen Parteien. Schurz, so schreibt Kollender, half dem amerikanischen Nationalparkgedanken auf, so dass er sich in den Köpfen der Zeitgenossen ausbreiten konnte.

Naturschutz auf die Agenda zu setzen: das ist in den 1860er Jahren visionär-verwegen. Geht Schurz in seinem zweiten Leben, als Ehrenmann der Vereinigten Staaten, in der Hauptstadt seiner Wege, ist um ihn alles grün. Kollender zählt auf. Schurz passiert Zedern, Ahorn, Tannen und Eiben, bevor er den Potomac erreicht. Dahinter liegen Washingtons Wälder.

Als Senator sieht sich Schurz zu fürchterlichen Kompromissen in der „Indianerfrage“ genötigt. Obwohl er in den Prozessen der entmündigenden Enteignung der First Nation of America ein schwacher Bremser ist, trägt man ihm seine „Indianerfreundlichkeit“ noch nach, als es so gut wie keine ursprüngliche Bevölkerung mehr gibt auf einem Paradeschauplatz weißer Expansion. Die Mühsamen und Beladenen Europas gehen in Amerika über die Barrieren der Humanität.

Schurz macht bei den Abolitionisten mit. Abraham Lincoln setzt ihn als Botschafter ein. Im Sezessionskrieg dient Schurz hochrangig der Siegerseite. Im Roman begnadigt er, der „so viele Männer in den Tod schickte“, einen zum Tod verurteilten Deserteur, der ihm Jahrzehnte später in New York zur Hilfe eilt, als Schurz von Spaziergängern bedrängt wird, die in ihm ein Fossil der Fortschrittsgegner sehen. Die Repräsentanten industrieller Rücksichtslosigkeit werden von einem lebenslang Dankbaren in die Flucht geschlagen, während dessen Frau es fördernd zulässt, dass ihr Anblick dem rüstigen Greis eine erotische Aufwallung aus der Rubrik fruchtloses Begehren beschert. Fanny erinnert Schurz an seine Margarethe (Meyer-Schurz), die 1856 den ersten deutschsprachigen Kindergarten in Washington eröffnete. Ihr zu Ehren hat sich Kindergarten im amerikanischen Wortschatz konkurrenzlos eingebürgert.

Margarethe war die Gattin des Innenministers in der Regierung von Rutherford B. Hayes.

Kollender erzählt aber auch von einem anderen Präsidenten jener Postbellum-Ära – namentlich von Ulysses S. Grant. Granit-Grant war ein außerordentlich hartnäckiger Mann. Er wies allerdings die Absonderlichkeit auf, ein Zigarrenkettenraucher zu sein.

Kollender schickt Schurz in die Südstaaten zu erbitterten Verlierer*innen. Der Reiter trifft eine Feuerfeste auf ihrer Terrasse an. Sie näht gerade KKKlan-Kapuzen. Furios bietet sie dem Yankee Kaffee an. Der bedankt sich für die Freundlichkeit. Da sagt ihm die Rebellin Bescheid: „Sir, ich habe in Ihre Tasse gespuckt.“ Hoffentlich rutschen sie gleich tot vom Pferd. Wir werden euch noch in hundert Jahren hassen.      

Mir ist gerade entfallen, wie Kollender seinem Helden narrativ aus der Patsche hilft. Bestimmt ist Schurz zu höflich für eine Revanche. Außerdem gehört er zu den Siegern und kann sich hochmütig entfernen. Er muss nicht mit vermummten Wegelagerern rechnen.